Wer im Internet nach der Siedlung Scott's Ferry in Manawatu, Neuseeland, sucht, findet viele grüne Bilder. Wiesen, Büsche, Bäume und ab und zu mal ein Farmhaus oder ein Schaf. Es ist erkennbar ein weiter Weg, bis der IT-Konzern Google einem Menschen aus diesem Nest 250 Mio. Dollar in die Hand drückt. Victoria Ransom ist in jener Idylle aufgewachsen vor rund 35 Jahren. Heute ist sie Chefin des Marketing-Startups Wildfire, das sich Google gerade einverleibt hat. Durchaus nachvollziehbar, was Ransom in ihrem Firmenblog schreibt: "Wir wussten, dass unsere Idee Potenzial hat, aber wir ahnten nicht, was für ein unglaublicher Ritt es werden würde."
Ransom und ihr Geschäftspartner Alain Chuard haben bei der Gründung von Wildfire vor vier Jahren, frühzeitig ein gutes Gespür bewiesen. Ihr Angebot gehört derzeit zu den wichtigsten Themen der Werbebranche: der Kontakt zum Kunden über soziale Netzwerke. Wildfire bietet ein Programm an, mit dem Unternehmen ihren Internetauftritt über soziale Plattformen wir Facebook , Google Plus oder Twitter verknüpfen können. Ransom hat Konzerne wie Sony , Amazon , Pepsi oder Unilever als Kunden gewonnen. In den vergangenen zwei Jahren wuchs die Firma von fünf auf 400 Mitarbeiter. Ransoms Geschichte zeigt auch, wie weit man im Internet mit einer klugen Idee kommen kann. "Um eine gute Software zu bauen, muss man kein guter Programmierer sein - man muss ein Geschäft richtig verstanden haben", sagt sie selbst.
Viel Leidenschaft ist dabei nicht hinderlich, wie Ransoms erste Firmengründung fernab der IT-Szene zeigt. Zur Jahrtausendwende hatte sie gerade ein Psychologiestudium im US-Bundesstaat Minnesota hinter sich, aber wenig Lust, als Psychologin zu arbeiten. Sie ging zur Investmentbank Morgan Stanley, wo sie auf Chuard stieß. In der Finanzbranche fühlten sich beide auch nicht so richtig aufgehoben. Stattdessen machten sie kurzerhand ihr Hobby zum Beruf. "Wir wollten beide Surfen lernen", berichtete Ransom in einem Internetblog. Weil sie und Chuard keinen passenden Urlaub fanden, organisierten sie den Trip selbst - und gründeten 2001 die Reiseagentur Access Trips. Der Spaß daran ist geblieben. In ihrem kurzen Vorstandsprofil auf der Wildfire-Website zählt Ransom auch heute noch Klettern und Snowboarden als Hobbys auf, verweist auf lange Reisen zu einem Amazonasstamm oder in die Favelas von Brasilien.
Wenig wahrscheinlich, dass sich die Frau mit Abenteuerfahrten zufriedengegeben hätte und der Schritt zu den Google-Millionen nur ein großer Zufall war; 2006 legte Ransom einen Wirtschafts-Master in Harvard nach, wohl durchaus mit größeren Ambitionen im Sinn. Als das soziale Netzwerk Facebook vor fünf Jahren erstmals auch Firmen erlaubte, eigene Profile zu erstellen, versuchten sie und Chuard, ein Gewinnspiel für Access Trips über ihren Facebook-Auftritt laufen zu lassen. Damit das technisch funktionierte, mussten die beiden ein kleines Programm entwickeln, eine App; die Software war die Grundlage für das Geschäftsmodell von Wildfire.
Ransom gehört mittlerweile zu den Stars im Silicon Valley, arbeitet mit allen nennenswerten Netzwerken zusammen, spricht auf Konferenzen, zieht Talente an - selbst die Schwester von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, Arielle, arbeitet für Wildfire.
Sie habe eben eine "Greif nach den Sternen"-Einstellung, sagt Ransom mit Stolz darauf, das alles in der männerdominierten IT-Branche geschafft zu haben. Bei Google, dem einflussreichsten Konzern im Netz, wo bereits der Onlinevermarkter Doubleclick für Werbeeinnamen in Milliardenhöhe sorgt, ist die Neuseeländerin nach ihrem langen Weg seit dieser Woche angekommen im Zentrum der digitalen Welt.