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Merken   Drucken   09.06.2004, 15:00 Schriftgröße: AAA

Wissen: Adieu Bildröhre!

Gern bezeichnet man den Fernsehabend vor der Röhre als Pantoffelkino. Richtig treffend wird das erst mit den Neuentwicklungen der Displayhersteller: ultraflache TV-Geräte mit Bildschirmdiagonalen von mehr als einem Meter. von Frank Grotelüschen
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Dabei buhlen gleich mehrere Technologien um die Gunst des Zuschauers. Welche sich durchsetzen werden, darüber diskutierte die Fachwelt kürzlich in Seattle auf der Kongressmesse SID 2004 (Society for Information Display).
Bislang hat die LCD-Technik die Nase vorn: Winzige Flüssigkristalle wirken wie mikroskopisch kleine Jalousien, die sich öffnen und schließen. Je nachdem, wie die Jalousien orientiert sind, lassen sie mehr oder weniger Licht durch. In Laptops und Computermonitoren hat sich das Prinzip etabliert. Dass die Flüssigkristalle nun auch fürs Fernsehen interessant sind, ist diversen Fortschritten der vergangenen Jahre zu verdanken.
Vor allem konnte die Industrie das Problem mit dem Blickwinkel entschärfen. Bis vor einiger Zeit wurde das Bild eines LCD-Schirms dunkel und kontrastarm, wenn man es nicht von vorne betrachtete, sondern von der Seite. Neue Sorten von Flüssigkristallen klappen nicht wie bislang von der Horizontalen in die Senkrechte, sondern drehen sich zum Beispiel wie eine Drehtür innerhalb einer Ebene. Dadurch bleibt das Bild hell, wenn man von der Seite guckt.
Innovation durch Leuchtdioden
"Nicht zuletzt deshalb konnten die Hersteller immer größere Schirme entwickeln", sagt Thomas Geelhaar, Forschungsdirektor von Merck in Darmstadt, dem weltweit führenden Hersteller von Flüssigkristallen. "Außerdem werden die neuen Flüssigkristalle mit den größeren Blickwinkeln künftig auch in Notebooks und Mobiltelefonen eingesetzt."
Es deuten sich noch weitere Innovationen an. So brauchen LC-Displays eine Hintergrundbeleuchtung. Das sind die Lampen, deren Licht die Flüssigkristalle entweder durchlassen oder abschatten. Bislang versehen Fluoreszenzlampen diesen Dienst, simpel gesagt kurze, schlanke Neonröhren. Diese möchte die Industrie auf lange Sicht durch viele kleine Leuchtdioden (LEDs) ersetzen. Der Grund: "LEDs können den Bildschirm gleichmäßiger ausleuchten als Röhren", sagt Geelhaar. Ein weiterer Punkt: Bislang leuchten die Hintergrundlampen immer gleich hell. Würden sie sich - etwa bei einer dunklen Spielfilmsequenz - automatisch herunterregeln, ließe sich ein satteres Schwarz und damit ein höherer Bildkontrast erreichen.
Noch sind diese Techniken für den TV-Markt zu teuer. Doch selbst ohne sie dürften sich die Flüssigkristalle durchsetzen, meint Thomas Geelhaar: "Für Bildschirmdiagonalen bis 1,20 Meter werden die LCDs zur führenden Technologie werden."
Stromprobleme bei Plasmaschirmen gelöst
Das sieht der niederländische Berater Harm Tolner anders. Er setzt auf die Plasma-Technologie. "Die Bildpunkte bestehen aus 0,3 Millimeter kleinen Lämpchen in den Farben Rot, Grün und Blau. Sie ergeben ein scharfes, kontrastreiches Bild."
Der Vorteil: Das Plasmaprinzip macht noch größere Bildschirme möglich als die LCDs. In Seattle präsentierte der koreanische Samsung -Konzern einen Prototypen mit einer Bildschirmdiagonalen von zwei Metern. Bislang galten Plasmaschirme als Stromfresser. "Mittlerweile haben die Hersteller dieses Problem gelöst", sagt Tolner.
Welche Technologie liefert nun das bessere Bild? Der Laie erkennt allenfalls leichte Unterschiede. Plasma wie LCDs liefern beeindruckend scharfe Bilder mit kräftigen Farben. Tendenziell sind die LCDs in heller Umgebung überlegen. Plasmaschirme spielen ihre Vorteile eher im Dunkeln aus, also beim Krimi im schummrigen Wohnzimmer.
Fernseher mit leuchtenden Plastik
Langfristig könnten diese Techniken von einem Verfahren verdrängt werden, das noch einige Jahre bis zur Marktreife brauchen wird: dem Fernseher mit leuchtendem Plastik. Das Bild entsteht mit organischen Leuchtdioden, den so genannten OLEDs. In Seattle zeigte Philips  einen kleinen, aber feinen Prototypen. "Der Bildschirm hat einen ausgezeichneten Kontrast und brillante Farben", schwärmt Philips-Cheftechnologe Johan van den Ven. "Als Testpersonen das OLED-Display mit einem konventionellen LCD-Schirm verglichen, hat OLED stets den besseren Eindruck hinterlassen."
Der Clou: Gefertigt wurde der Prototyp ganz einfach mit einem Tintenstrahldrucker, der die Plastikmoleküle auf ein Trägermaterial aufspritzt. Noch aber gehen die Kunststoff-Leuchtdioden viel zu schnell kaputt. Die Forscher müssen ihre Haltbarkeit deutlich verlängern - was nicht wenige Experten für schwierig oder gar unlösbar halten. "Bis es den ersten Fernseher aus Plastik zu kaufen gibt, dürften noch fünf Jahre vergehen", schätzt Chef-Forscher van den Ven.
Deutlich schneller sollen andere Schirme den Markt erobern: neuartige Mikrodisplays für Handys und PDAs. "Die Geräte werden immer kleiner und damit auch die Displays in den Geräten", sagt Tom Sanko von der US-Firma Microvision. "Das bedeutet, dass man immer weniger Informationen angezeigt bekommt."
Mikrodisplay projiziert das Bild aufs Auge
Diese Zwickmühle will Sanko mit seinem Mikrodisplay durchbrechen. Es projiziert das Bild trickreich über Linsen und Spiegel aufs Auge - das erscheint dadurch viel größer als in Wirklichkeit. "Wir bauen das Mikrodisplay in ein Handy, eine Mütze oder eine Brille ein", sagt Sanko. "Der Nutzer hat den Eindruck, einen Laptop-Bildschirm vor sich zu haben."
Herz der Technologie ist ein Spezialchip. Er führt einen Lichtstrahl Zeile für Zeile über einen Spiegel aufs Auge - so schnell, dass es das Gehirn als Bild wahrnimmt. Zu kaufen gibt es eine einfarbige Version, eingebaut in eine Baseballkappe. Sie projiziert einem an Vergaser oder Auspuff werkelnden Automechaniker das Bild der Reparaturanleitung vors Auge.
Noch überzeugen die Ergebnisse nicht hundertprozentig. Zurzeit sind die Bilder noch etwas unscharf, die Brillen ein wenig zu schwer und zu klobig. In zwei bis drei Jahren aber wollen die Entwickler ihre Technik massiv auf den Markt bringen.

Wie wir fernsehen
LCD Flüssigkristalle sind fürs Heimkino interessant geworden, weil man jetzt auch von der Seite genug sieht.
Plasma Diese Technik macht große Bildschirme möglich. Allerdings waren Plasmamonitore bislang Stromfresser.
OLED Fernseher mit organischen Leuchtdioden gelten manchen als die Technik der Zukunft – frühestens in fünf Jahren könnte es so weit sein.
  • FTD, 09.06.2004
    © 2004 Financial Times Deutschland,
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