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Merken   Drucken   01.03.2010, 09:00 Schriftgröße: AAA

enable2start Gründertagebuch: Auf geht's - die 1. Abotic-Quartalsreportage

01.03.2010 - Abotic: Sie brauchten Geld, sie brauchten Platz und einen ausgereiften Prototyp. Das hat etwas gedauert. Jetzt stehen die Abotic-Gründer in den Startlöchern. von Claus Hornung
Richtig einladend wirkt er nicht, der Produktionsraum von Abotic. Nicht einmal der Weg dorthin. An die Wand geklebte Zettel weisen den Weg durch Kellerräume der Wiener Wirtschaftskammer. Kreuz und quer, vorbei an Heizungsrohren, über eine Metalltreppe hinab bis ins zweite Untergeschoss. In dem niedrigen Raum steht die Luft, und die Temperaturen erscheinen nur darum halbwegs erträglich, weil draußen gerade Minusgrade herrschen.
Nick Manseder ist das alles schnuppe. Er fühlt sich hier sichtlich wohl. Mit zufriedenem Lächeln verfolgt er, wie sich ein schwerer Metallblock auf einer unebenen Bodenplatte im Sekundentakt vor- und zurückbewegt - gezogen von einem weißen Plastikkasten auf Rollen. Es ist ein Belastbarkeitstest. Der Metallblock simuliert eine Tür. Und der weiße Kas­ten ist ein Gerät, das automatisch Türen öffnen kann. Eine Hilfe für Alte und Behinderte, hergestellt vom Unternehmen Abotic. Von Manseders Unternehmen.
Albrecht Karlusch und Nick Manseder in der Wiener ...   Albrecht Karlusch und Nick Manseder in der Wiener Wirtschaftskammer. Im Kammergebäude befand sich der erste Firmensitz
Am 1. Januar 2008 fällt dafür der Startschuss. An diesem Tag schreibt Manseder eine Liste mit Geschäfts­ideen auf. Seit Ende der 90er-Jahre träumt er von der Selbstständigkeit. Eine Idee hätte er auch. Doch auf dem Weg merkt er: Eine Idee allein reicht nicht, um ein Unternehmen zu gründen.
Also beginnt der Elektrotechnik-Ingenieur ein Wirtschaftsinformatik-Studium. Und anschließend einen Masterstudiengang in Technologie- und Innovationsmanagement. "Manche Vorlesungen habe ich mehrfach besucht", sagt Manseder. "So lange, bis ich dachte, dass ich es verstanden habe."
AUSGABEN, EINNAHMEN, KAPITAL, SCHULDENSTAND
Hier steht die Bilanz von Abotic für November 2009 bis Januar 2010
Ende 2007 ist es so weit. Manseder lässt den Master Master sein und schreibt seine Liste. Eine der Ideen kommt wegen seiner Mutter darauf. Die ist nach einer Krankheit an den Rollstuhl gefesselt. Durch sie erfährt Manseder, wie ein gehbehinderter Mensch Türen ­öffnet. Seitlich heranrollen. Klinke herunterdrücken. Rangieren, um die Tür ­einen Spalt zu öffnen. Erneut rangieren, um durch den Spalt hindurch­fahren zu können. Und zum Schließen das Ganze von vorn.
Klar, es gibt bereits diese eingebauten Türöffner in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Aber dafür müssen Fachleute anrücken, die alte Tür ausbauen, einen neuen Rahmen einziehen und jede Menge Leitungen verlegen. Das ist teuer, aufwendig - und nicht rückgängig zu machen. Manseder entwickelt einen Kasten, der über einen Akku läuft. Der durch Erschütterungen zu rollen beginnt, etwa das Drücken der Klinke. Und den jeder Laie mit Tesastrips an einer Tür befestigen kann. Nach wenigen Wochen ist Manseder klar: Das ist das Produkt, mit dem er starten will.
Abotic-Gründer Nick Manseder gießt mit flüssigem Kunststoff ein ...   Abotic-Gründer Nick Manseder gießt mit flüssigem Kunststoff ein Türöffner-Bauteil
2008 gründet er Abotic. Gemeinsam mit Albrecht Karlusch. Der ist intelligent, seit Unizeiten Manseders Freund und besitzt obendrein eine perfekte Mitgründer-Eigenschaft: "Er ist grundverschieden von mir."
Mit ihrem Ersparten finanzieren die zwei sich und erste Mitarbeiter. Sie bekommen über ein Gründerprogramm günstige Büros im Gebäude der Wiener Wirtschaftskammer. Sie gewinnen Preise. Sie erhalten eine Anschubförderung von 100 000 Euro. Sie entwickeln immer kleinere und störungsärmere Türöffner. Und sie schaffen schließlich Ende 2009 den Durchbruch. Da bewilligt eine Förderbank eine Investition von 600 000 Euro. Weitere 650 000 Euro kommen von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft hinzu.
Das kommt gerade richtig. Zu diesem Zeitpunkt drängeln sich bereits 15 Mitarbeiter auf 70 Quadratmetern Bürofläche. Und den kuscheligen Keller-Produktionsraum verdankt man ohnehin nur der Nettigkeit der Vermieter.
Anbringen einer Türöffner-Halterung mit Tesastreifen   Anbringen einer Türöffner-Halterung mit Tesastreifen
Geld da, Probleme weg? So einfach ist es nicht, muss Manseder lernen. Immer wieder läuft er bei der Immobiliensuche gegen eine Wand. Manche Vermieter wollen mit einem Startup gar nicht erst reden, andere wollen erst einmal Zahlen sehen. Und einer macht in allerletzter Sekunde einen Rückzieher. Manseder wird auch Wochen danach noch fuchsig: "Ein tolles Produkt und eine sichere Finanzierung reichen scheinbar nicht."
Auch bei den Mitarbeitern rumort es gegen Jahresende. Die Fördergelder sind noch immer nicht überwiesen - und Manseder und Karlusch können noch immer nicht ihr Versprechen einlösen, die bislang freien Mitarbeiter allesamt fest anzustellen. Obendrein hakt es bei der Kommunika­tion. Weil das Marketing sich ärgert, dass die Produktion das gebuchte Testgerät nicht zur Seite gelegt hat. Weil die Produktion sauer ist, dass das Marketing seine Buchungen immer auf den letzten Drücker macht. Weil wieder jemand nicht weiß, wo die Daten für den neuen Motorblock zu finden sind.
Zu Weihnachten dann die gute Nachricht: Das Geld ist da. Den Jahresbeginn 2010 nutzt Manseder, um neue Strukturen einzuziehen. Die Mitarbeiter erhalten feste Verträge. Und mehr Verantwortung. Künftig setzt jeder seine Deadlines selbst - und muss sie hundertprozentig einhalten. Künftig stehen alle Infos im Intranet. Und dort kann das Marketing künftig auch ein Testgerät buchen - aber bitte rechtzeitig.
Ein Abotic-Türöffner. Ende März soll die erste Kleinserie auf ...   Ein Abotic-Türöffner. Ende März soll die erste Kleinserie auf den Markt gehen
Die Immobiliensuche hat im Januar ebenfalls ein Ende. Über einen Bekannten bekommen die Gründer eine Fläche in einem nagelneuen Bürokomplex. Mit Kunst an den Wänden, Eiswürfelmaschine im Kühlschrank und einer Terrasse mit Blick auf Wien. "Viel besser als alles, was wir uns vorher angesehen hatten", freut sich Manseder.
Endlich kann er sich auf seinen ­eigentlichen Job konzentrieren: einen Türöffner zum Erfolgsprodukt machen. Ende März soll der erste Prototyp serienreif sein. Anfragen von Vertriebsleuten liegen schon vor. "Die Pubertät haben wir hinter uns", sagt er. "Jetzt werden wir erwachsen."
Gerade mal zwei Millimeter Plastik hätten den Abotic-Macher fast ihren Zeitplan zerschossen. Anfang März soll die erste Kleinserie des automatischen Türöffners fertig sein. Ungeduldig warten 20 Pflege- und Krankenheime darauf, das Produkt des Wiener Start-ups auszuprobieren. Von Gründer Nick Manseder ganz zu schweigen. Schon den ganzen Monat über häufen er und sein Team Überstunden an. In den Produktionsräumen, wo wichtige Teile des Türöffners produziert werden, läuft inzwischen sogar ein 24-Stunden-Schichtbetrieb.
Einige Bausteine stellt das Abotic-Team selbst in seinen ...   Einige Bausteine stellt das Abotic-Team selbst in seinen Produktionsräumen her.
Und dann fehlte ein Resetbaustein. Ein winziges Bauteil, das verhindert, dass ein Türöffner wegen eines Software-Absturzes nicht mehr funktioniert. Das Teil wollte Manseder zukaufen. Konnte ja keiner ahnen, wie schwierig das werden würde. Noch vergangene Woche schien nur ein Zulieferer in der Lage zu sein, das Produkt zu liefern. Und der wollte es von einem Produzenten aus Mexiko beziehen. Geschätzte Lieferzeit: 18 Wochen.
In letzter Minute fand Manseder dann doch einen Hersteller in Österreich. "Den habe ich einfach ergoogelt." Noch ist die Lieferung dieses Hersteller nicht eingetroffen. Aber Manseder ist zuversichtlich: "Das wird schon klappen."
Prototyp eines Abotic-Türöffners. Im März soll die erste ...   Prototyp eines Abotic-Türöffners. Im März soll die erste Kleinserie auf den Markt gehen.
Auch das Marketing hat seine Arbeit so gut wie abgeschlossen. Das Design für die Außenverkleidung der ersten Kleinserie steht. Zehn Türöffner sollen ein weißes, zehn ein silberfarbenes Dekor erhalten. Obendrein haben Manseder und sein Mitgründer Albrecht Karlusch aus den Vorschlägen einer Designagentur ein Logo ausgesucht, das künftig die Abotic-Produkte zieren soll.
Logo, Technik, Design - ab dem nächsten Monat wird es ernst. Dann muss sich zeigen, ob Manseders Produkt seinen Markt findet. Vorausgesetzt, zwei Millimeter Plastik finden ihren Weg.
Das neue Abotic-Büro nimmt Gestalt an. Die Namensschilder an den Bürotüren hängen, Gründer Nick Manseder hat neue Rechner für die Entwicklungsabteilung gekauft und das Internet funktioniert inzwischen reibungslos. "Passt alles", sagt Manseder. Bis auf die Sache mit dem Telefonprovider.
Mehrere Wochen hatten Manseder und sein Gründerkollege Albrecht Karlusch vergeblich versucht, bei dem Provider jemanden zu erreichen, der ihnen sagten könnte, zu welchen Konditionen sie ihren Vertrag um mehrere Geräte erweitern können. Vor drei Wochen dann schrieb Karlusch, dass er ziemlich verärgert sei und dass man sich überlege, zu einem Konkurrenten zu wechseln. Und siehe da: Es passierte....nichts.
Vielleicht bald übers Internet aktivierbar: ein automatischer ...   Vielleicht bald übers Internet aktivierbar: ein automatischer Türöffner von Abotic
"Es hat sich keiner mehr gerührt", sagt Manseder. An diesem Dienstag treffen er und Karlusch sich darum tatsächlich mit einem anderen Anbieter. Und zwar direkt mit dem Vertriebsleiter.
Der hatte in Vorgesprächen nicht nur über einen Telefonvertrag gesprochen. Schließlich fertigt Abotic doch automatische Türöffner an. Vielleicht könnte man die übers Internet aktivieren und abschalten? Vielleicht möchten Kunden aber auch über Funk- oder UMTS-Signal benachrichtigt werden, wenn jemand in ihrer Wohnung eine Tür öffnet, während sie außer Haus sind? Vielleicht könnte man da kooperieren? "Es könnte sein, dass wir einen Sponsoringvertrag abschließen", sagt Manseder, "aber noch ist das ganz offen."
Und die Abotic-Mitarbeiter könnten dann kostenlos telefonieren? Manseder grinst. "Wir schauen natürlich als Start-up immer aufs Geld", sagt er. "Aber die Telefonkosten sind sicher kein Kriterium dafür, ob wir so etwas machen oder nicht."
Eine Dachterrasse, zwei Konferenzräume, viele Kunstwerke in den Fluren und zwei Gründer, die noch nicht ganz fassen können, wie schön groß und neu das hier alles ist: Abotic ist umgezogen.
Genauer gesagt, sind erste Abteilungen des Start-ups umgezogen. In den neuen Räumen im Gebäudekomplex Towntown befinden sich seit vergangener Woche die Mitarbeiter vom Marketing sowie die Geschäftsführer Nick Manseder und Albrecht Karlusch. Im Laufe des Monats soll dann das gesamte Team umziehen nach Towntown, einem neuen entstehenden Gebäudekomplex mit mehreren Bürohäusern, laut Eigenwerbung sogar eine "Business-Stadt".
Rund 5000 Euro Miete zahlen die Türöffner-Produzenten jetzt monatlich. 300 waren es bslang. Dafür gibt es jede Menge Platz, verglaste Büros und komplett mit modernstem Büromobiliar eingerichteten Räume - inklusive netter Extras wie den doppeltürigen Kühlschrank mit Eiswürfelmaschine. "Ein echter Quantensprung", sagt Karlusch und lächelt zufrieden: "Hier kann man auch mal Geschäftspartner empfangen.
Aufgestiegen: Die Abotic-Gründer Albrecht Karlusch und Nick ...   Aufgestiegen: Die Abotic-Gründer Albrecht Karlusch und Nick Manseder (v.l.) sind in größere Büros umgezogen
Als letztes wird die Produktion umziehen. Die ist derzeit noch in den Kellerräumen der Wiener Wirtschaftskammer untergebracht, wo Abotic bisher seinen Firmensitz hat.
In unmittelbarer Nachbarschaft zu Heizungsanlage, unter niedrigen Decken und bei hohen Temperaturen, läuft dort noch ein Belastungstest. Ein Abotic-Türöffner bewegt eine schwere Metallplatte hin und her. Dabei muss der Öffner unebene Bodenstellen überwinden. "Simulation einer türnahen Situation", nennt Karlusch das. Mehr als fünfzigtausendmal hat der Türöffner bereits die türnahe Metallplatte geöffnet und wieder geschlossen. Bislang mit erfreulichen Ergebnissen für Abotic, sagt Karlusch: "Die Schrauben der Testvorrichtung müssen wir ununterbrochen nachziehen, aber dem Gerät geht's gut."
Im neuen Jahr will Abotic seine interne Kommunikation verbessern - was heißt das?
Aufgrund Mitarbeiterzahl kam es immer wieder zu Kommunikationsproblemen. Es wurden beispielsweise Termine teilweise schlecht kommuniziert oder nicht eingehalten, Informationen waren nicht auffindbar. Das möchten wir durch folgende Maßnahmen verbessern:
In einem Theorieseminar wurden alle Mitarbeiter über grundlegende Theorien, Modelle und Prinzipien erfolgreicher Kommunikation informiert. Vielen wurde bewusst, wie man das persönliche Kommunikationsverhalten verbessern kann. Dazu gehört: Aufmerksam zuhören, andere ausreden lassen, sicherstellen, dass das Gesagte verstanden wurde
Außerdem haben wir Wege und Regeln festgelegt, damit wichtige Informationen gut strukturiert und einfach auffindbar bereitzustellen sind.
Wir haben das Intranet als zentrales Informationsportal etabliert. Wichtige Meilensteine, Termine, Deadlines, Veranstaltungen sind dort in einem zentralen Kalender ersichtlich. Zusätzlich haben alle Abteilungen wie Marketing, Technik oder Personal eine eigene Unterseite. Ein Abotic-Wiki dient als Unternehmens-Glossar, in dem wichtige Begriffe, Informationen, Schlagwörter rund um Abotic und Türautomatik gesammelt werden.
Freuen sich auf tolle Aussichten: Die Abotic-Gründer Nick Manseder ...   Freuen sich auf tolle Aussichten: Die Abotic-Gründer Nick Manseder und Albrecht Karlusch (v.l.)
Was war der größte Erfolg für Abotic im Januar?
Der größte Erfolg in meinen Augen war, dass alle Mitarbeiter motiviert und voller Freude ins Neue Jahr gestartet sind. Als ich am Montag nach Silvester ins Büro kam, waren viele bereits eifrig bei der Arbeit und stellten mir Ideen und Verbesserungsvorschläge vor, die ihnen während des Betriebsurlaubs eingefallen sind. Obwohl wir ausdrücklich betont haben, dass während des Urlaubs nicht an das Unternehmen sondern an Erholung gedacht werden soll, hat es mich dann trotzdem sehr gefreut, dass das Abotic so in den Köpfen unserer Mitarbeiter verankert ist.
Abotic wird bald umziehen. Aber in andere Räume als ursprünglich geplant - woran lag das?
Obwohl die Vertragsverhandlungen bereits weit fortgeschritten waren, haben wir letztendlich den Zuschlag für die ursprünglich anvisierten Büroräume nicht erhalten. Dafür war vor allem ein Faktor verantwortlich: Wir sind Jungunternehmer. Ein guter Businessplan, ein tolles Produkt und eine gesicherte Finanzierung sind für die Vermieter meist nicht genug. Beeindruckende Umsatzzahlen, Bekanntheitsgrad, Prestige, langjährige Beständigkeit oder ein etabliertes Geschäftsfeld fallen da schon mehr ins Gewicht. Ich habe fast den Eindruck, als würden Dynamik, Innovationsgrad, Risikobereitschaft und Flexibilität sogar negativ bewertet.
Ein automatischer Türöffner von Abotic   Ein automatischer Türöffner von Abotic
Im Endeffekt hat sich die Geschichte für uns aber sogar als Gewinn herausgestellt. Wir haben nun neue Büroräumlichkeiten in Aussicht, welche in punkto Qualität, Ausstattung und Raumangebot die anderen bei weitem übertreffen. Es gehört sogar eine Terrasse dazu. Ich mich schon, im Sommer nach einem langen Arbeitstag dort mit Blick auf Wien den Abend gemütlich ausklingen lassen zu können.
Was ist die größte Herausforderung für den nächsten Monat?
Neben der laufenden Produktentwicklung gibt es eine weitere Herausforderung. Aufgrund der zahlreichen Anfragen von interessierten Kooperations- und Vertriebspartnern wird es wahrscheinlich ein paar Veränderungen in der Marketing- und Vertriebsplanung geben. Wir arbeiten derzeit eifrig an der Ausarbeitung der konkreten Pläne. Genaueres kann ich daher derzeit noch nicht sagen.
Die Fragen beantwortete Abotic-Gründer Nick Manseder
Eine Woche hat Abotic-Gründer Nick Manseder sich selbst frei gegeben. Den Kopf frei kriegen, private Dinge erledigen - soweit die Theorie. In Wirklichkeit wären seine Gedanken ohnehin nur bei der Firma, sagt sein Mitgründer Albrecht Karlusch und grinst: "Er nimmt sich das nicht vor, aber wenn man mit ihm telefoniert, hat er wieder alle möglichen Ideen."
Vorausgesetzt, man kann telefonieren. Denn da gibt's Probleme. Karluschs Firmenhandy ging vor mehr als zwei Wochen kaputt. Dabei ist das inzwischen auf 15 Köpfe angewachsene Abotic-Team mit derzeit sieben Handys ohnehin unterversorgt.
Also fragte Karlusch bei seinem Provider gleich nach einem Preisvorschlag für fünf weitere Handys an. Seitdem ist nicht viel passiert. Außer, dass Karluschs Laune sich zunehmend verschlechterte.
Ärger mit dem Telefonanbieter: Die Abotic-Gründer Albrecht ...   Ärger mit dem Telefonanbieter: Die Abotic-Gründer Albrecht Karlusch und Nick Manseder (v.l.)
Niemand antwortete auf das Schreiben. Vier Nachfragen bei der Hotline brachten zwei Ergebnisse: zum einen, dass die Call-Agenten der Hotline nicht zuständig seien, sondern der persönliche Betreuer von Abotic, Zum anderen, dass man dieses Betreuers nicht habhaft wurde. Am zwölften Tag meldete sich schließlich ein neuer Betreuer per Mail. "In der ersten Zeile stand nur, dass unsere Konditionen gleich bleiben. In den zwei Zeilen danach führte er dann abweichende Konditionen auf", sagt Karlusch verärgert.
Er holte das Vergleichsangebot eines Konkurrenten ein - "innerhalb von 24 Stunden hatten wir ein persönliches Gespräch" - und schrieb eine Mail an seinen bisherigen Vertragspartner. Um doch noch einen Preisvorschlag zu bekommen. Und, um seinem Ärger Luft zu machen: "Einmal darf jeder einen Fehler machen, aber wenn dann noch mal Unsinn passiert, werden wir den Anbieter wechseln."
Immerhin, in anderen Bereichen geht es voran. So liegt etwa ein Mietvertrag für neue Büros unterschriftsbereit vor. Sogar die Magnetkarten für die Mitarbeiter sind schon da. Und auch der Auftrag für ein neues Logo ist nun raus. Auf zwei DIN-A4-Seiten haben die Abotic-Gründer der Agentur aufgeschrieben, welche Voraussetzungen, das erfüllen muss. Sehr konkrete, wie: der aktuelle Blauton soll möglichst bestehen bleiben. Und etwas visionärere Vorgaben, wie: Das Logo soll "innovativen Geist" ausstrahlen.
Alles schien geregelt. Nur noch letzte Verhandlungen über den Preis, unterschreiben. Fertig.
Pustekuchen. Irgendwie fiel dem Vermieter der Räume, in die Abotic umziehen wollte, doch noch ein, dass er lieber ein etablierteres Unternehmen in seinen Räumen hätte. Und mit der Einstellung wandelte sich auch der Tonfall, sagt Gründer Nick Manseder: "Die Nettigkeit ging auf Null."
Gut, dass er noch ein paar Optionen offen hatte. Schnell hatte Manseder einen neuen Vertrag unterschriftsreif. Noch ist nichts unterschrieben, aber er ist sicher, dass diesmal nichts schiefgehen werde und Abotic zum 1. Februar 350 Quadratmeter in einem neu entstandenen Wiener Büroareal namens Towntown einziehen wird.
Will kein Logo mehr von der Stange: Abotic-Gründer Nick Manseder   Will kein Logo mehr von der Stange: Abotic-Gründer Nick Manseder
Was es dort nicht gibt, sind Werkstatträume. Bislang brauchte Manseder die, weil Abotic viele Einzelteile selbst anfertigte – Teammitarbeiter frästen Kunststoffformen und gossen daraus Plastikteile für den Türöffner. Aber inzwischen ist Abotic größer geworden und die Einzelteile ausgereifter. "Jetzt können wir das herausgeben", sagt Manseder, "wir machen dann nur noch die Logistik."
Noch ein weiteres Provisorium soll sich ändern: Das Logo. Das jetzige hatte Manseder im Frühjahr 2008 - kurz nach Firmengründung - auf der Webseite Templatemonster erstanden. Zum einen, weil es mit 29 Euro günstig zu haben war. Zum anderen, weil es blau ist. Diese Farbe, hat Manseder irgendwo gelesen, käme bei Frauen und Männern gleichermaßen gut an. Zudem bleibt ein blaues Logo auch auf Schwarz-Weiß-Kopien gut erkennbar. Und: Bei sehr sehr genauem Hingucken lässt sich ein AB wie Abotic im jetzigen Logo erkennen.
"Aber das war eben nur ein Anzug von der Stange", sagt Manseder. Das sahen die Mitarbeiter von einer Werbeagentur genauso, mit denen Manseder über ein Abotic-Produktvideo, "Viel zu scharfkantig", sei das derzeitige Logo. Ganz schlecht für ein Produkt, das Lebenshilfe leisten soll. Jetzt hat die Agentur den Auftrag, ein neues Logo zu entwerfen. "Das wird dann der Maßanzug", sagt Manseder und lacht.
Nick Manseder ist derzeit bestens gelaunt - mit einer Überweisung in sechsstelliger Höhe fängt das neue Jahr gut an. Es sind die ersten Tranchen aus zwei Fördertöpfen. In den kommenden zwei Jahren erhält Abotic vom Austria Wirtschaftsservice 600.000 Euro. Weitere 650.000 kommen von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft , die Hälfte davon als Kredit.
Auch die Stimmung bei den 15 Mitarbeitern habe sich spürbar verbessert, sagt Manseder. Zum einen hängt das mit dem Geld zusammen. Denn erst dadurch kann Manseder erfüllen, was er schon seit langem versprochen hatte: Feste Arbeitsverträge für alle. Bislang waren viele lediglich projektbezogen beschäftigt oder als freie Mitarbeiter.
Klare Ansagen: Die Abotic-Gründer Nick Manseder und Albrecht ...   Klare Ansagen: Die Abotic-Gründer Nick Manseder und Albrecht Karlusch (v.l.)
Eigentlich hatte Manseder schon vor Monaten auf das Geld gehofft - und die Umstellung der Verträge entsprechend früh in Aussicht gestellt. "Dass hat ein bisschen für Unruhe gesorgt."
Kommunikation war auch Thema eines "Zukunftsworkshops". Wichtig, wenn ein Unternehmen wächst und ständig neue Leute hinzukommen, meint Manseder. Denn da ginge schon mal unter, wenn das Marketing der Produktion sage, dass man am nächsten Tag einen der fünf Türöffner-Prototypen benötige. "Dann gibt es schnell böses Blut."
Darum muss nun jeder solche Wünsche schriftlich im Intranet festlegen. "Dann wird es auch gemacht", sagt Manseder, "aber man kann auch nicht mehr sagen, ich brauche das in fünf Minuten, sondern muss es zwei Tage vorher hineinschreiben."
Verlässliche Ansagen wollen auch die Gründer machen. Anders als im vergangenen Jahr, als Manseder und Karlusch ihren Mitarbeitern eine Deadline setzten, bis zu der ein Prototyp angeblich unbedingt fertig sein musste. Die Deadline riss. Zweimal. Aber nichts Schlimmes passierte, denn die Gründer hatten in ihrer Planung Pufferzeit eingebaut. "Dadurch sank unsere Glaubwürdigkeit", sagt Manseder, "das Team fragte sich: Ist es überhaupt wichtig, einen Termin einzuhalten?" Künftig werde er nur noch echte Abgabenzeiten vorgeben, sagt er. Mit allen Konsequenzen: "Dann muss jeder selbst eine Pufferzeit einplanen."
Was war der größte Erfolg für Abotic im Dezember?
Nach dem Sieg bei enable2start kam es zu einem Ansturm auf unsere Homepage. Wir hatten ein fünfmal so hohes Trafficaufkommen wie sonst, anfangs sogar zehnmal so viel.
Im Nachgang gab es viele Anfragen. Etwa von Myhandicap und von Interessenten, die gern den Vertrieb für uns in Deutschland übernehmen wollen. Auch Medien haben sich gemeldet, beispielsweise Heise.at und das Technologie-review-Magazin, die
Auf der technischen Seite war ein Erfolg, dass wir einen Prototypen an eine Personalleasingfirma verkauft haben, die sich auf Software und Ingeneering spezialisiert hat.
Außerdem ist ein mehrwöchiger Testlauf für unseren Türöffner bei der österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation gestartet, das ist die Dachorganisation der österreichischen Behindertenverbände,
Ein Erfolg auf technischer Seite war, dass wir einen neuen Antriebsstrang entwickelt haben und ein neues Design. Insgesamt funktioniert die interne Zusammenarbeit mit der Technik inzwischen viel besser, weil wir zwei neue Mitarbeiter eingestellt haben. Bislang war ich der Leiter Forschung und Entwicklung, aber ich muss meine Ressourcen verteilen - und mehr Hirne sind immer besser.
Abotic-Gründer Nick Manseder   Abotic-Gründer Nick Manseder
Was war die größte Überraschung?
Dass wir den Merkur-Award der Wiener Wirtschaftskammer gewonnen haben. Das hat uns viel Unterstützung von anderen Firmen gebracht. Und das hat wiederum eine Anfrage ausgelöst vom der Businesszeitschrift Format.
Gab es auch Niederlagen?
Es ist immer schwierig, Technik und Design miteinander zu vereinbaren. Unser neu entwickelter Motor ist zwar robuster und leise als sein Vorgänger, aber auch größer als gedacht. Darum passt er nicht mehr in die Außenhülle.
Die größte Schwierigkeit aber war der Mangel an Platz in unserem alten Büro. Inzwischen haben wir immerhin bereits einen Mietvertrag für neue Räume unterschrieben. Wir werden alles in unserer Kraft stehende tun, um so schnell wie möglich dorthin umzuziehen. Spätestens im Februar soll es soweit sein.
Was ist die größte Herausforderung im kommenden Monat?
Wir wollen unsere Unternehmenskultur weiterentwickeln. Dafür haben wir einen Zukunftsworkshop gemacht, der ungefähr vier Stunden gedauert hat. Darin ging es beispielsweise darum, wie wir mit Konflikten umgehen oder Kollegen. Und wir haben hinterfragt, wie wir vom Start-up zur seriösen Firma werden.
Ein Ergebnis ist unter anderem eine große Pinnwand, auf der wir die Termine posten, wann wir was erreichen wollen.
Die Antworten gab Abotic-Gründer Nick Manseder
So viel Stimmung war selten auf den Fluren der Wiener Wirtschaftskammer. Schließlich gab es einiges zu sehen: Stromschläge, Karambolagen und ein Fallbeil. Oder anders formuliert: Crashtest bei Abotic.
Das Team um Gründer Nick Manseder wollte herausfinden, was sein Türöffner aushält. In zwei Monaten wird genau das der TÜV überprüfen. Aber dessen Test kostet bis zu 4000 Euro. Da prüft man besser vorher schon mal selbst, damit es keine bösen - und damit teuren - Überraschungen gibt.
Kreativer Zerstörer: Abotic-Gründer Nick Manseder   Kreativer Zerstörer: Abotic-Gründer Nick Manseder
Also befestigte Manseder den Türöffner an der Bürotür und fuhr mit einem Rollstuhl immer wieder dagegen, um zu sehen, ob erst der Rollstuhl oder der Türöffner nachgibt. Beide hielten durch. Dann kam der Türöffner unter die Guillotine. Aus zwei Metern Höhe krachte mehrfach ein ein Kilo schweres Fallbeil herunter. Dabei bekam die Schutzhülle, die den Motor umgibt, einen Sprung, aber das Gerät funktionierte tadellos.
Auch der Versuch, die Sensorik des Türöffners durch elektrische Funken zu stören, schlug fehl. Dafür saugte ein Abotic-Mitarbeiter zunächst das Büro mit dem firmeneigenen Staubsauger. Der ist für seine Leitfähigkeiten berüchtigt: "Danach ist man immer elektrisch aufgeladen", sagt Manseder. Dennoch: Ein anschließender Griff an die Kontakte des Türöffners zeigte keine negativen Auswirkungen. Manseder ist zufrieden: "Ich glaube, das ist mehr, als die Test-Vorschriften verlangen."
Einen guten Ausgang fand auch die Immobiliensuche. Nahe der Touristenattraktion Schloss Belvedere wird Abotic neue Räume beziehen. Über den endgültigen Preis verhandelt Manseder noch. 4000 bis 5000 Euro kalt pro Monat könnten es werden, schätzt er. Das ist ein Vielfaches der derzeitigen Miete von 600 Euro. Aber dafür steigern die Abotics auch ihre Bürofläche von derzeit 70 auf 330 Quadratmeter - jede Menge Platz für unterhaltsame Tests, also.
Und noch ein Preis. Gerade mal zwei Wochen liegt der Sieg bei enable2start zurück - zack- da gewinnt Abotic die Auszeichnung Mercur , verliehen von der Wiener Wirtschaftskammer, dem österreichischen Pendant zur deutschen Industrie- und Handelskammer. Die 1500 Euro Preisgeld wird Abotic-Gründer Nick Manseder wahrscheinlich in Mietkosten investieren, denn die werden sich bald steigern. Noch hat Abotic Räume beim Gründerservice Inits
Dort ist es günstig. 300 Euro zahlt Abotic monatlich. Eigentlich wären es 600 Euro, aber die Hälfte ist eine Art Kredit, den das Start-up nur "im Erfolgsfall" zurückzahlen muss. Eine Regelung, die Steuerberatern und Finanzbehörden vor Herausforderungen stellt, sagt Manseder: "anfangs wusste niemand, wie das verbucht werden soll."
Dort ist es allerdings auch sehr beengt. 15 Mitarbeiter zählt das Team inzwischen. "Man sagt ja, dass man 20 Quadratmeter pro einplanen sollte", sagt Manseder. Eine Vorgabe, an der er mit derzeit rund 70 Quadratmeter klar vorbeischießt.
Obendrein läuft der günstige Mietvertrag ohnehin zum März aus. Darum hat Manseder die Immobiliensuche auf Nummer eins der Prioritätenliste gesetzt. Gar nicht so leicht, denn Abotic braucht neben Büros auch Werkstätten. "Die Kombination gibt es fast nirgendwo.“ Zudem haben einige Vermieter so ihre Probleme mit Start-ups, sagt Manseder. Einige lehnten gleich ab. Andere verlangten Einblick in die Geschäftskonten. Für Manseder ein No-go. Selbst, wenn er für die enable2start-Berichterstattung eben diesen Einblick gewährt: "Das geht ums Prinzip."
Drei Gebäude sind nun in der engeren Wahl. Noch in dieser Woche soll eine Entscheidung fallen. "Dann lässt es sich leichter arbeiten", sagt Manseder. Obwohl, einen Vorteil brächte die derzeitige Situation schon mit sich, scherzt er: "Wir haben extrem kurze Dienstwege."
  • FTD.de, 01.03.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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