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  enable2start-Gründertagebuch: Yolk FTD-Serie: Zeiterfassung online

Zeiterfassungstools sind umständlich und schwer zu handhaben. Julia Soergel entwickelte zusammen mit Studienkollegen eine intuitiv zu bedienende, webbasierte Lösung. Mit ihr können Freelancer ihre Zeit deutlich einfacher abrechnen und verplanen.

Merken   Drucken   03.03.2010, 09:00 Schriftgröße: AAA

enable2start Gründertagebuch: Kein Schnick, kein Schnack - die 1. Yolk-Quartalsreportage

03.03.2010 - Yolk: Wachstum wollen sie, die Gründer von Yolk. Aber nicht zu viel und zu schnell. Doch damit das weiterhin klappt, muss sich das Start-up erst mal vergrößern. von Claus Hornung
Große Fenster sind doch was Tolles. In Julia Soergels neuer Wohnung reichen sie von der Decke bis zum Boden. Soergel ist begeistert: jede Menge Licht, ein großartiger Ausblick auf die pulsierende Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg und endlich richtig Platz. Bis zum Dezember bewohnte Soergel ein Zimmer in einer Dreier-WG. Jetzt hat sie 60 Quadratmeter zur Verfügung, ganz für sich allein. So lässt es sich ­leben. Und arbeiten - die Wohnung ist gleichzeitig Firmensitz von Soergels Unternehmen Yolk. Beides kann man ohnehin nicht so richtig vonein­ander trennen.
Verantwortlich für den Kundensupport: Yolk-Gründerin Julia Soergel   Verantwortlich für den Kundensupport: Yolk-Gründerin Julia Soergel
Yolk ist etwas anders als andere Start-ups. Von Anfang an. Denn die Medientechnik-Studentin Soergel und ihr Kommilitone Sebastian Munz wollen ursprünglich gar kein Un­ternehmen gründen, sondern eine Diplomarbeit zusammen schreiben. Über Entwicklungen im Web 2.0, insbesondere über Software as a Service - Software, die man über das ­Internet nutzen kann. Und weil Erfahrungswerte besser sind als jede Theorie, entwickeln sie 2007 gleich selbst eine: Mite. Eine Zeiterfassungssoftware.
In dem Bereich gibt's Nachholbedarf. Das weiß Soergel, seitdem sie bei einem Agenturjob ihre Arbeitsstunden in Excel-basierte Tabellen übertragen musste. Viel zu kompliziert, viel zu unübersichtlich. Und für ­Projekte, an denen mehrere Leute gleichzeitig arbeiten, gleich gar nicht ge­eignet. "So was benutzt niemand freiwillig", sagt Soergel.
AUSGABEN, EINNAHMEN, KAPITAL, SCHULDENSTAND
Hier steht die Bilanz von Yolk für November 2009 bis Januar 2010
Mite soll anders sein. Kein Schnick, kein Schnack, dafür Bedienelemente, die wirklich jeder versteht: Wer mit der Arbeit beginnt, drückt auf ein Stoppuhr­symbol. Obendrein läuft Mite auch über Handys und Blackberrys und ­erstellt für seine Nutzer Diagramme, die zeigen, wie viel Zeit der Nutzer am Schreibtisch verbracht hat und wie viel in Konferenzen.
Innerhalb eines Jahres testen mehr als 11.000 Nutzer die Software. Genug für Soergel und Munz, um 2008 zu beschließen: Wir gründen ein Unternehmen. Eines für Softwarelösungen, die aufs Wesentliche reduziert sind. Das soll schon der Firmenname ausdrücken: Yolk - Englisch für "das Gelbe vom Ei". Schlank soll bitte schön auch das Unternehmen selbst sein. Soergel sagt, was alle zeitgeistbewussten Unternehmer sagen: "Wir wollen ein gesundes Wachstum." Und meint es.
Behutsam bauen die Gründer Yolk über anderthalb Jahre auf. Munz bastelt in Hamburg an der Technik. Soergel betreut von Berlin aus die Kunden. Gemeinsam schauen sie zu, wie Nutzerzahlen und Umsätze wachsen. Langsam, aber stetig. Ohne gezielte PR, ohne weitere Produkte, nur durch Mundpropaganda. Ende 2009 zahlen rund 2500 aktive User jeweils 5 Euro Abogebühr pro Monat. Die Mite-Macher schreiben schwarze Zahlen. Und schicken sogar einen Venture-Capital-Geber wieder nach Hause: "Wir sind nicht selbstständig geworden, damit uns dann Investoren in Entscheidungen hineinreden."
Dann kommt alles anders. Anfang 2010 fällen Soergel und Munz die Entscheidung: Zu zweit kann es nicht weitergehen. Zum einen, weil steigende Nutzerzahlen auch eine steigende Zahl an Nachfragen bedeuten. Schwierig ohne Ersatzmann. Von Urlaub oder Krankheit ganz zu schweigen. Zum anderen braucht jetzt noch jemand anders Betreuung.
Der Techniker im Team: Yolk-Gründer Sebastian Munz arbeitet in ...   Der Techniker im Team: Yolk-Gründer Sebastian Munz arbeitet in Hamburg
Denn inzwischen gibt es eine ganze Reihe externer Entwickler, die Mite um Funktionen erweitern oder so überarbeiten, dass es besser mit anderen Programmen zusammenarbeitet. Einige tun es, weil sie selbst diese Funktionen nutzen möchten, andere, um damit Geld zu verdienen. Für die Yolk-Gründer ist das kein Problem.
Im Gegenteil: "Wir wollen unser Produkt so simpel wie möglich halten, aber wenn jemand ein Zusatz-Feature haben möchte, kann er es realisieren", sagt Soergel. Und dem Marketing hilft es auch. "So wird Mite bei Kunden bekannt, die wir sonst nicht erreichen." Deswegen haben die Yolk-Gründer eigens eine Schnittstelle eingerichtet, über die externe Entwickler auf die Software zugreifen können. Aber plötzlich wollen die noch mehr: Informationen.
Auslöser dafür ist ein Update von Mite im Januar, das einen kleinen Programmierfehler enthält. Soergel und Munz beheben ihn schnell - und denken, die Sache sei damit erledigt. Pustekuchen. Denn der Fehler hat sich in einige extern erstellte Funk­tionen eingenistet - was deren Entwickler erst nach und nach mit­bekommen. Es hagelt Mails: "Ihr müsst doch Bescheid geben, wenn ihr so etwas macht." Also schreiben die zwei von nun an wichtige Entwicklungen in ein Blog, das externe Entwickler abonnieren können.
Bei Yolk kommt nicht alles aus einer Hand (im Foto die von Julia ...   Bei Yolk kommt nicht alles aus einer Hand (im Foto die von Julia Soergel) - Externe entwickeln Applikationen wie Mite.go
Als wäre das nicht genug, sind da noch all die nervigen Zeitfresser, die sich ständig zu vermehren scheinen. Die monatliche Umsatzsteuererklärung, der regelmäßige Bericht für das Gründerstipendium, das Soergel bezieht, der wöchentliche Jour fixe am Telefon. "Man hat keinen freien Kopf mehr für Neues", sagt Soergel. Früher sei sie gern durchs Netz gesurft, um neue Ideen zu finden. Wie bauen andere ihre Software auf, was tut sich beim Oberflächendesign? "Das habe ich bestimmt ein halbes Jahr nicht mehr gemacht", sagt Soergel. Für Webverhältnisse eine Ewigkeit.
Darum entwerfen sie und Munz jetzt eine Stellenausschreibung. Sie feilen an jedem Wort. Denn ein Neuer wird in ihrem über Jahre eingespielten Team einiges umwerfen. Auf einmal braucht es Strukturen und Abläufe, für Dinge, die jetzt auf Zuruf funktionieren. Und wenn das Team schon aufgestockt werde, solle der Dritte langfristig auch am Unternehmen beteiligt werden. "Das ist wirklich ein elementarer Schritt für uns", sagt Soergel. Dafür nehmen sie sich Zeit. Das hat sich bewährt.
Gerade eine Woche ist die Stellenanzeigevon Yolk veröffentlicht, aber Gründerin Julia Soergel ist schon jetzt überwältigt vom medialen Feedback.
Nicht nur viele Blogs verlinkten auf die Seite des Berliner Start-ups. "Bei Twitter gab es ein regelrechtes Lauffeuer", sagt Soergel. Follower von Followern von Followern versendeten "Retweets", wie man auf twitterisch das Weiterleiten einer Nachricht nennt. Insgesamt habe die Nachricht bestimmt 5000 Empfänger erreicht, schätzt Soergel.
Wäre der nicht was? Yolk-Gründerin Julia Soergel und Sebastian ...   Wäre der nicht was? Yolk-Gründerin Julia Soergel und Sebastian Munz am Rechner
Zehn Bewerbungen sind auch schon eingetroffen. Gar nicht wenig für eine Woche, findet Soergel: "Wenn sich jemand mit uns beschäftigt und sich Mühe mit der Bewerbung gibt, kann das nicht viel schneller laufen." Und bis zum 5. März ist schließlich noch Zeit.
Gut lief auch das Bewerbungsgespräch mit einem Bewerber, den Soergel und ihr Mitgründer Sebastian Munz schon persönlich kannten. Der ist eigentlich Entwickler, arbeitet aber schon seit einiger Zeit als festangestellter Projektmanager. "Warum will man das aufgeben und wieder entwickeln?", war für die Gründer die entscheidende Frage in dem insgesamt fünf Stunden dauernden Treffen. "Einige würden es als karrieretechnischen Rückschritt sehen", sagt Soergel.
"Weil man in kleineren Strukturen mehr bewegen kann als in großen Unternehmen. Dort werden oft Entscheidungen über den eigenen Kopf hinweg getroffen ", lautete die Antwort. Gute Antwort, fanden Soergel und Munz. Mal sehen, wie viele gute Antworten noch bis zum 5. März zusammenkommen.
Das erste enable2start-Quartal von Yolk
Am 3. März erscheint an dieser Stelle die erste Quartalsreportage von Yolk - inklusive aller wichtigen Zahlen wie Ausgaben, Umsätze und Kontostand.
Umzug, die zweite. Nachdem Gründerin Julia Soergel und mit ihr der Firmensitz von Yolk an eine neue Adresse gezogen ist, soll bald die Technik folgen.
Die Server von Yolk, bislang bei einem Münchner Provider untergebracht, werden bald von Berlin aus betrieben. Soergel und ihr Mitgründer Sebastian Munz nahmen das zum Anlass, um technisch aufzurüsten. Mehr Server mit neuen Back-up-Lösungen sollen dafür sorgen, dass Yolks webbasierte Zeiterfassungssoftware Mite stabiler und sicherer läuft. Tage und Nächte bastelte Munz daran und führte Lasttests durch. Anfang dieser Woche ließ er zum ersten Mal Mite dort laufen. Das Ergebnis: Es kann losgehen.
Start ist in den nächsten Wochen. Aber auf ein genaues Datum haben Soergel und Munz sich noch nicht festgelegt. Nur, die ersten Tage des Monats sollten es nicht sein, sagt Soergel: "Zu dem Zeitpunkt stellen viele Leute ihre Rechnungen". Und wenn diese Leute Mite benutzen, um ihre Arbeitsstunden zu erfassen, nutzen sie die Software gerade in diesen Tagen besonders intensiv.
Schalten bald ihre neuen Server frei: Die Yolk-Gründer Sebastian ...   Schalten bald ihre neuen Server frei: Die Yolk-Gründer Sebastian Munz und Julia Soergel
Die Zwischenzeit nutzen die beiden Gründer, um ihre Mitarbeitersuche voranzutreiben. An diesem Dienstag veröffentlichten sie ihre Stellenanzeige auf mehreren Blogs.
Auch dieser Tag ist nicht zufällig ausgewählt. "Dienstags und Donnerstags erzielen Blogs die meiste Aufmerksamkeit", sagt Soergel und grinst: "Zumindest habe ich das in einer Studie gelesen." Weitere Kanäle sind Twitter, Xing und ihr privates Netzwerk. Große Stellenbörsen wie Monster lässt Soergel außen vor. "Wir würden dort nicht nach Jobs suchen. Darum denken wir, dass jemand, der zu uns passt, das auch nicht täte."
Vielleicht sind diese Überlegungen ohnehin hinfällig. Denn der erste Bewerber hat sich schon vor der Veröffentlichung der Stellenanzeige gemeldet. Munz hatte einem Bekannten von der Suche erzählt, woraufhin dieser ein paar Tage später eine Mail schrieb: "Ich könnte mir vorstellen, der Dritte bei euch zu werden." An diesem Mittwoch treffen sich die Gründer mit ihm zum Vorstellungsgespräch.
Wichtige Dinge sollte man gründlich machen. Lange überlegten die Gründer von Yolk, bis sie sich zu der Entscheidung durchringen konnten, jemanden einzustellen. Sie formulierten unabhängig von einander, wie ihr Wunschkandidat aussehen solle und verglichen die Ergebnisse miteinander. Jetzt folgte die nächste Phase.
Drei Testlesern zeigten Julia Soergel und Sebastian Munz den Text. Einem Journalisten, der das Ganze auf sprachliche Verbesserungsmöglichkeiten hin durchsah.
Dann einem Softwareentwickler. Der merkte an, dass einige Fragen offen blieben. Etwa: Erhält der Neue Anteile am Unternehmen? Oder: Heißt "freie Standortwahl", dass derjenige überall auf der Welt sitzen kann? Und wie genau definiert sich "angemessene Bezahlung"?
"Alles legitime Fragen", sagt Soergel, "aber genau darauf wollen wir keine Antworten geben." Denn die Antwort hänge vom Bewerber ab.
Passt Du zu uns? Die Yolk-Gründer Julia Soergel und Sebastian Munz   Passt Du zu uns? Die Yolk-Gründer Julia Soergel und Sebastian Munz
Die dritte Meinung war für die beiden besonders interessant. Denn sie kam von jemand, den Soergel und Munz am liebsten für den Job eingestellt hätten - hätte derjenige nicht selbst vor kurzem ein Unternehmen gegründet. Seine Kritik, in einem Satz zusammengefasst, lautete: Redet mehr über euch!
"Er sagte, wir sollten mehr davon erzählen, was wir anders machen als andere", erzählt Soergel: "etwa, dass wir schlanke Software entwickeln wollen, keinen Alleskönner und Alleswoller." Und ein bisschen Privates könne auch nicht schaden, riet der Freund. "Wir sollten mehr betonen, dass wir wirklich nur zu zweit sind", sagt Soergel. Auch, wenn das bedeuten könnte, dass ein Dritter es schwer haben könne.
Vieles davon haben Soergel und Munz in den Text eingearbeitet. Dann übersetzten sie ins Englische. Jetzt soll noch ein Muttersprachler dem Ganzen den letzten Schliff verpassen. Viel Aufwand? "Ja", sagt Soergel und lächelt: "aber immerhin geht es ja um ein Drittel der Firma." Dann lieber gründlich.
Yolk ist umgezogen. Warum?
Sechzig statt sechzehn Quadratmeter - so einfach. Die erste Version von Mite entstand in den WGs, in denen ich und mein Mitgründer Sebastian Munz jeweils lebten – zwischen mit Diplomarbeitsmaterialien verbauten Schreibtischen und Bettcouches. Doch irgendwann ist auch einmal genug mit diesem Garagen-Start-up-Charme. Eine kreative Tätigkeit braucht einen kreativen, aber auch angenehmen Arbeitsplatz. Luft, Raum und große Fenster wider die Nerd-Blässe. Einen Ort, an dem es sich in Ruhe grübeln lässt.
Yolk läuft nun endlich so gut, dass diese angenehmere Arbeitsumgebung auch finanziell längerfristig zu stemmen scheint. Also packte ich samt Firmensitz die Umzugskartons. Seit das W-Lan steht, arbeitet es sich hier in der neuen Kreuzberger Wohnung auch tatsächlich schlicht wunderbar. Sebastian Munz treibt Yolk weiter von Hamburg aus voran.
Die Yolk-Gründer Julia Soergel und Sebastian Munz   Die Yolk-Gründer Julia Soergel und Sebastian Munz
Was war der größte Erfolg für Yolk im Januar?
Unsere Zeiterfassung Mite lässt sich nun auch komfortabel auf dem iPhone und dem iPod Touch nutzen. Mit Mite.go, einer App, die über unsere offene Datenschnittstelle realisiert wurde, können Zeiteinträge nun auch unterwegs fix erfasst und verwaltet werden. Diese Zusatzoption macht unser Tool für häufig mobil Arbeitende attraktiv - vom Consultant über den Vertriebler bis hin zum Handwerker.
Was war die größte Überraschung?
Eine E-Mail aus Tampere, Finnland. Ein Professor der dortigen Uni, den wir im November auf dem Europrix-Festival in Graz kennengelernt hatten, lud uns nach Madrid ein. Im April wird dort die Campus Party Europe stattfinden, einer der im europäischen Raum größten Events rund um Technologie und digitale Kultur.
In bunter Kulisse zwischen Roboterhacking-Workshops, Astronomievorlesungen und Paneldiskussionen zur Sicherheit in Netzwerken werden wir dort hoffentlich Mite vorstellen dürfen. Ganz fix ist die Sache noch nicht, doch allein die Aussicht, mit 798 anderen jungen Entwicklern aus allen 27 EU-Staaten dort präsentieren zu dürfen, ist wirklich eine freudige Überraschung.
Gab es auch Niederlagen?
Bisher glücklicherweise noch nicht.
Was ist die größte Herausforderung im kommenden Monat?
Unsere Anfang Januar neu konzeptionierte Serverarchitektur werden wir im Februar umsetzen. Dann wird sich erstmals zeigen, wie sich System, das wir in Zusammenarbeit mit unserem neuen Hoster in Berlin, Syseleven, entworfen haben, in der Realität verhält.
Die Antworten gab Yolk-Gründerin Julia Soergel
Die Kälte in Deutschland fordert Opfer. Eines der jüngsten: Yolk-Gründer Sebastian Munz. Eine schwere Erkältung fesselt ihn ans Bett. Kein Grund zur Sorge, sagt seine Mitgründerin Julia Soergel. Jedenfalls nicht für die Firma. Denn Munz kümmert sich vorrangig darum, die Yolk-Zeiterfassungssoftware Mite weiterzuentwickeln. "Das kann schon mal ein paar Tage pausieren", sagt Soergel, die für den Support der Kunden zuständig ist: "Aber wenn ich ausfalle, antwortet niemand mehr auf die Mails. Dann wird's kritisch."
Trotzdem: Krankheiten sind ein Risikofaktor. Hinzu kommt eine wachsende Zahl von Nutzern und externen Entwicklern, die betreut werden will. Es wird Zeit für einen Mitarbeiter.
Nicht ganz leicht, wenn man ein Produkt und eine Firma zusammen aufgebaut hat und auch privat miteinander befreundet ist. "Seit einem Jahr steht das Thema im Raum", sagt Soergel. Jetzt machten die beiden einen ersten Schritt. Sie schrieben auf, was sie von einem neuen Mitarbeiter erwarten - unabhängig voneinander.
Gleiche Wünsche, unterschiedliche Schwerpunkte: Die Yolk-Gründer ...   Gleiche Wünsche, unterschiedliche Schwerpunkte: Die Yolk-Gründer Julia Soergel und Sebastian Munz
"Da kamen zwei völlig unterschiedliche Dokumente heraus." Nicht wegen unterschiedlicher Vorstellungen, sondern weil sich jeder auf andere Bereiche konzentriert hatte. Munz schrieb vor allem technische Voraussetzungen auf - beispielsweise Kenntnisse von Server-Architekturen oder Software wie HTML, Java, Ruby.
Auf Soegels Liste standen unter anderem: guter Schreibstil auf Deutsch, sehr guter Schreibstil auf Englisch, Geduld und Höflichkeit. "Zuverlässigkeit" stand ebenfalls dort. "Das klingt banal", sagt Soergel, "aber es muss jemand sein, der jeden Morgen aufsteht und sich selbst Aufgaben sucht. Ich will nicht permanent jemanden kontrollieren."
Was fehlt auf der Liste sind Dinge, die eigentlich bei Stellenanzeigen zum Standard gehören. Soergel und Munz wollen keine Lebensläufe sehen, keinen bestimmten Bildungsabschluss und auch kein Foto. Entscheidender sei Mitarbeit an Open-Source-Projekten - am besten belegbar durch einen Link. Und natürlich, dass die Chemie stimmt. "Das ist eine elementare Entscheidung", sagt Soergel, "dafür nehmen wir uns Zeit."
Mit der Kommunikation ist es ja so eine Sache.
Man kann schnell des Guten zu viel tun. Das Gefühl hatten Julia Soergel und ihr Mitgründer Sebastian Munz bei einem Studenten, der bei Yolk seine Bachelorarbeit schrieb. Dafür entwickelte er ein Plug-in zu der Software Mantis (und später, als freier Mitarbeiter zu zwei weiteren: Redmine2mite und Trac.mite), die vor allem bei Softwareentwicklern sehr beliebt ist. Darüber können diese Entwickler ihre Arbeitszeitdaten an jemanden weiterleiten, der Mite benutzt - beispielsweise den Buchhalter, der die Stundensätze erfassen muss.
Mit der Arbeit des Studenten waren Soergel und Munz sehr zufrieden. Aber um das Fortkommen seiner Arbeit festzuhalten oder darüber zu reden, nutze er eine Vielzahl an Kommunikationswegen, darunter einen internen Blog, ein internes Wiki, einen identi.ca-Account, E-Mails, Skype und auch Telefon. "Das hat uns doch etwas überfordert", sagt Soergel.
Kommunikativ: Die Yolk-Gründer Julia Soergel und Sebastian Munz   Kommunikativ: Die Yolk-Gründer Julia Soergel und Sebastian Munz
Manchmal darf es aber auch ein bisschen mehr Kommunikation sein. Beispielsweise zu Leuten, die als Externe neue Applikationen für Mite entwickeln - über eine Schnittstelle, die Yolk zur Verfügung stellt.
Diese freien Entwickler arbeiten aus eigener Initiative heraus und auf eigene Rechnung. Aber auch sie brauchen Informationen. hat Soergel jetzt gelernt. Denn es gab Beschwerden. Vor einigen Wochen, als ein Update von Yolk im ersten Anlauf einen kleinen Fehler aufwies - und daraufhin einige frei entwickelte Programme nicht richtig funktionierten. "Wir sind davon ausgegangen, dass der Fehler keine externen Programme beeinflusst", sagt Soergel.
Weil's aber doch so war, kamen ein paar böse Mails, Motto: "Ihr müsst doch Bescheid geben, wenn ihr so etwas tut." Tun sie jetzt auch. Über einen Blog, den man abonnieren muss. "Da werden wir jedes Mal eine Woche vorher ankündigen, wenn wir kleinere Updates planen." Das sollte einerseits ausreichend sein für die Bedürfnisse der externen Entwickler, hofft Soergel: "Uns ist daran gelegen, dass dieses System wächst". Und es sei andererseits vom Aufwand noch vertretbar. Zuviel wäre ja auch nicht gut.
Doch, in ihrer alten WG war es sehr schön, meint Julia Soergel. Manchmal sogar, gerade weil sie ein eigenes Unternehmen führt. "Wenn man so viel arbeitet, dass man überhaupt nicht mehr rauskommt, hatte man so wenigstens ein paar soziale Kontakte."
Trotzdem ist Soergel nun umgezogen. Die neue Wohnung ist gleichzeitig Firmensitz ihres Start-ups Yolk. Letztlich überwogen die praktischen Erwägungen: drei Zimmer, ein großer Schreibtisch, mehr Licht, und natürlich mehr Ruhe. "Das ist ein guter Zeitpunkt", sagt Soergel: "Wir haben uns jetzt ein bisschen stabilisiert."
Endlich freigeschaltet: Mite.go   Endlich freigeschaltet: Mite.go
Stabilisiert bedeutet: Die Zahl der Nutzer von Soergels Zeiterfassungssoftware Mite ging im gerade abgelaufenen Jahr konstant nach oben. Pro Monat stiegen die Einnahmen um durchschnittlich 720 Euro. Macht bei fünf Euro Abo-Gebühren monatlich rund 150 neue Nutzer - Kündigungen vorhandener Nutzer schon mit eingerechnet.
Sogar im Dezember waren es noch 630 Euro. Durchaus im Rahmen, meint Soergel. "Wir hatten eigentlich erwartet, dass das der schlechteste Monat des Jahres wird", sagt sie. "Aber inzwischen haben wir ein so hohes Wachstum, dass sich auch ein kleinerer Einbruch kaum bemerkbar macht."
Ein Umzug steht auch den Servern von Yolk bevor. Vergangene Woche besprachen Soergel und ihr Mitgründer Sebastian Munz letzte Details mit ihrem neuen Provider. So sollen künftig beispielsweise Daten alle 20 Minuten auf einen zweiten Server kopiert werden. Bislang passierte das nur alle vier Stunden. Obendrein soll eine Steigerung der Rechnerleistung um das 2,5-fache sicherstellen, dass Yolk auch bei Spitzenauslastung nicht zu langsam wird.
Und noch etwas Neues: Im App Store gibt es jetzt eine neue Applikation für Mite, die externe Entwickler geschaffen haben - Mite.go. Apple hatte Wochen gebraucht, das App freizuschalten, und hatte so die Geduld von Entwicklern und Yolk-Gründern schwer strapaziert. Dass es jetzt endlich so weit war, erfuhren sie allerdings nicht von Apple selbst, sagt Soergel: "Éin User hat uns geschrieben, dass diese App jetzt verfügbar ist."
Was war der größte Erfolg für Yolk im Dezember?
Endlich, endlich konnten wir im Dezember ein größeres Produkt-Update unserer webbasierten Zeiterfassung Mite veröffentlichen. Administratoren können nun Zeiteinträge aller Nutzer eines Accounts auf einen Rutsch bearbeiten - mit nur ein, zwei Klicks. Bisher konnte jedes Teammitglied lediglich seine eigenen Einträge editieren, und zwar einen nach dem anderen. Die Verwaltung einmal erfasster Projektzeiten ist jetzt endlich so fix und komfortabel zu erledigen, wie wir es selbst von einem Tool wie Mite erwarten würden.
Über zwei Monate lang arbeiteten wir schlussendlich an dieser neuen Version der Software. Eingeplant hatten wir lediglich sechs Wochen. Immer wieder warfen vermeintliche Kleinigkeiten - ein Darstellungsfehler im Internet Explorer, ein Browser-Timeout bei Bearbeitung mehrerer Tausend Zeiteinträge - unseren Plan über den Haufen; noch in der Nacht vor dem großen Tag wurden letzte Ungereimtheiten gefixt.
Umso schöner, dieses Updatepaket endlich unseren Kunden in die Hände geben zu dürfen. Das Feedback war fast ausschließlich positiv, unsere Usability-Tests vorab scheinen gefruchtet zu haben. Ein Kunde kommentierte auf unserem Blog mit folgenden Worten: "Perfekt! Und trotz immer mehr Funktionen: Die Usability bleibt erhalten. Man versteht es immer noch in wenigen Sekunden. Toll!" Was kann es Befriedigenderes geben?
Genervt von Apple: Yolk-Gründerin Julia Soergel   Genervt von Apple: Yolk-Gründerin Julia Soergel
Was war die größte Überraschung?
Wie viele unserer Nutzer die FTD lesen! Mit solch einer großen Schnittmenge hätten wir nicht im Geringsten gerechnet. Doch die Anzahl an Reaktionen auf die ersten veröffentlichten Gründertagebücher zeigte klar, dass erstaunlich viele unserer Kunden Anzug tragen. Oder vielleicht auch im Flieger zur FTD greifen?
Gab es auch Niederlagen?
Als Niederlage würden wir dies nicht unbedingt bezeichnen - denn so schnell lassen wir uns sicher nicht unterkriegen. Aber es war ärgerlich, dass eine native iPhone-App für Mite, die ein externes Entwicklerteam über unsere offene Datenschnittstelle realisierte, immer noch nicht von Apple freigegeben wurde.
Wochen können verstreichen, bis die Apple-Macher in Cupertino eine kleine Änderung geprüft und genehmigt haben. Doch der Freigabeprozess lässt sich nicht wirklich umgehen: Apples App Store ist die einzige Distributionsplattform, über die iPhone-Nutzer, die ihre Geräte nicht gehackt haben, Software beziehen können. Wenn sich solch ein Nadelöhr agilen Entwicklungen dermaßen entgegenstellt, nervt das wirklich.
Was ist die größte Herausforderung im kommenden Monat?
Unsere Server werden ein neues Zuhause finden: Im Januar steht der Umzug zu einem neuen Host an. Im Rahmen des Umzugs werden wir unsere gesamte Systemarchitektur auf den Prüfstand stellen und mindestens teilweise umbauen, auch in Hinblick auf weitere Neuerungen. Diese Aufgabe im laufenden Betrieb zu bewältigen, und einen möglichst reibungsfreien Ablauf zu gewährleisten, wird sicherlich bis in den Februar hinein unsere größte Herausforderung.
Die Antworten gab Yolk-Gründerin Julia Soergel
Julia Soergels Zeiterfassungssystem Mite ist um ein paar Features reicher. Die wichtigste davon ist die Administrator-Funktion. Konnte bislang in einem Team, das gemeinsam an einem Auftrag arbeitet, nur jedes Mitglied einzeln seine Zeiteinträge bearbeiten, kann dieser Administrator nun alle Einträge verwalten. So etwas hatte sich die Yolk-Gründerin schon lang gewünscht. Denn die Teamtauglichkeit steht ganz oben bei den Punkten, durch die sich Mite von anderen Systemen unterscheiden soll.
Will ihre Software nicht überladen: Yolk-Gründerin Julia Soergel   Will ihre Software nicht überladen: Yolk-Gründerin Julia Soergel
Gut, die Arbeiten dauerten mit insgesamt zwei Monaten rund zwei Wochen länger als geplant. Aber schließlich besteht Yolk nur aus Soergel und ihrem Mitgründer Sebastian Munz.
Zum Vergleich: Apple, ein multinationaler Konzern mit rund 35.000 Mitarbeitern, hat es in mehr als einem Monat nicht geschafft, eine neue Applikation von Mite für den App Store freizuschalten. Die neue Applikation ist speziell auf das iPhone zugeschnitten, auf die spezifische Displaygröße- und die Touchscreen-Bedienelemente.
Entwickelt wurde die Applikation jedoch nicht von Soergel und Munz. Ähnlich wie bei Open-source-Lösungen dürfen freie Entwickler Mite über eine Schnittstelle nach eigenen Vorstellungen erweitern - und sogar damit Geld verdienen, dass sie die erweiterten Versionen anderen Usern zur Verfügung stellen.
Warum Yolk solche Dinge nicht gleich selbst entwickelt? Zum einen weil die Originalversion von Mite so simpel wie möglich bleiben soll, sagt Soergel: "Da haben wir ein sehr striktes Denkmodell. Aber wenn jemand ein Feature haben möchte, soll er die Freiheit haben, das zu realisieren."
Zum anderen gebe es Dinge, die einfach nicht in der Kompetenz von Mite lägen. "Wir sind Webentwickler, keine iPhone-Entwickler", sagt sie mit Bezug auf das neue Feature für den App Store - wenn es denn jemals dort auftaucht.
Auge in Auge lassen sich Geschäftsbeziehungen doch viel besser pflegen als übers Telefon. Nicht zuletzt darum besucht Yolk-Gründerin Julia Soergel gern Konferenzen. Ende November war sie auf der Echtzeit Berlin, einem Treffen für Investoren und Gründer aus der Internetszene.
Dort lief sie prompt dem Geschäftsführer von Syseleven in die Arme. Praktisch, denn dessen Unternehmen wird zukünftig als Host die Server für Yolk zur Verfügung stellen. Bislang hat Yolk noch einen Host in München. Und genau das ist der Grund für den Wechsel. Denn zwischen Berlin, wo Soergel arbeitet, und München hapert's ein wenig mit dem Auge-in-Auge.
Schätzt kurze Wege zu Geschäftspartnern: Yolk-Gründerin Julia ...   Schätzt kurze Wege zu Geschäftspartnern: Yolk-Gründerin Julia Soergel
Sagt zumindest Julia Soergel. "Ich fühle mich einfach besser, wenn ich weiß: Ich könnte dort hinfahren." Etwa in Fällen wie dem Blitzeinschlag vor ein paar Monaten, der dazu führte, dass Yolk drei Stunden lang nicht erreichbar war. Einen Anruf vom Host erhielt Soergel damals nicht. Erst als sie sich meldete, fiel auf, dass etwas nicht in Ordnung war, erzählt sie: "Das will ich andersrum haben."
Soergels Mitgründer Sebastian Munz, der von Hamburg aus arbeitet, hält die räumliche Nähe für weniger entscheidend. Wichtiger ist ihm, dass der Syseleven-Chef selbst mal ein Software-as-a-Service-Unternehmen wie Yolk betrieb und viele Start-ups als Kunden hat. Das mache es leichter festzulegen, welcher Service Sinn ergibt. Etwa, welche Daten tatsächlich auf einer eigenen zweiten Datenbank gesichert werden müssen. "Er hat da einfach viel mehr Vergleiche mit ähnlichen Projekten", sagt Munz.
Am 7. Januar treffen sich Soergel und Munz mit dem Syseleven-Chef in Berlin. Und dann werden sie entscheiden, welche Dienstleistungen für ihr Unternehmen die passenden sind. Gemeinsam.
  • FTD.de, 03.03.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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