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Accounts abrufen kann nerven: Erst das Soziale Netzwerk anklicken, dann den Onlineshop, dann den E-Mail-Provider. Und immer wieder Passwörter eingeben. Von der Startseite Allyve aus ist alles mit einem Klick erreichbar.

Merken   Drucken   04.09.2009, 09:00 Schriftgröße: AAA

Gründertagebuch: Kritische Masse - die 3. Allyve-Quartalsreportage

04.09.2009 - Allyve: Dank verstärktem Marketing steigt die Zahl der Nutzer von Allyve rasant an. Bloß die Einnahmen ziehen nicht mit. Doch Julika Bleil hat einen Plan von Claus Hornung
Freitagabends, 21.15 Uhr, ist Showtime. Oliver Geissen präsentiert auf RTL "Die ultimative Chartshow" mit den größten Hits ­aller Zeiten. Um die fünf Millionen Menschen wollen das Woche für Woche sehen. Mindestens einer davon schaut aus beruflichen Gründen zu. Der interessiert sich weniger für die Hits als für das, was rund um die Werbeblöcke ausgestrahlt wird: ein Quizspiel, bei dem die Zuschauer ­einen Laptop gewinnen können. Sponsor des Spiels ist, so verkündet eine sonore Stimme aus dem Off: "Allyve – die Internetseite, mit der Sie sich das lästige Einloggen sparen."
Gute Quote: Allyve-Gründer Julika Bleil und Philipp Spethmann   Gute Quote: Allyve-Gründer Julika Bleil und Philipp Spethmann
Im Mai buchten die Gründer Julika Bleil und Philipp Spethmann erstmals die Spots bei RTL, dazu weitere in den Sendungen "Galileo" und "Taff". Einen Testballon in Sachen Fernsehwerbung hatten sie schon zu Ostern gestartet. Damals allerdings in Spartenkanälen wie RTL 2. Der Ballon flog, und die Gründer switchten zu quotenstärkeren Sendungen. So, wie die Sender nach jeder Sendung ihre Einschaltquoten checken, überprüfen Spethmann und Bleil, wie viele Zuschauer anschließend auf ihre Seite klickten. Und – viel entscheidender – wie viele davon sich bei ­ihnen registrierten. Bislang sieht die Quote ziemlich gut aus.
Kosten, Einnahmen, Kapital- und Schuldenstand:
Hier steht die Bilanz von Allyve für Mai bis Juli 2009: www.ftd.de/Quartalsbilanz
Innerhalb von sechs Wochen stieg die Nutzerzahl von 100.000 auf 120.000 an. Für den Weg von 70.000 Nutzern auf 100.000 hatte das Start­up noch vier Monate benötigt. Das Beste daran: Die Konversionsrate hat sich deutlich gebessert – jene Zahl, die anzeigt, aus wie vielen Klicks auch registrierte Nutzer werden. Inzwischen liegt sie bei 18 Prozent. Ein halbes Jahr zuvor waren es gerade einmal zehn Prozent.
Sie alle wollen nutzen, was im Fernsehspot versprochen wird: Sie wollen sich auf Allyve einloggen und sich dort in kleinen Kästen, sogenannten Widgets, die wichtigsten ­Infos ihrer Lieblingsportale anzeigen lassen. Beispielsweise Mitteilungen über neue Nachrichten beim E-Mail-Account oder über neue Angebote beim Shoppingkanal. Und sie wollen mit nur einem Klick auf diese ­Widgets zugreifen können – ohne weiteres Passwort.
Der Erfolg kostet Geld. Einen "mittleren fünfstelligen Betrag" habe man allein in die Werbung gepumpt, sagt Bleil. Geld floss auch in Technik und Techniker. Die sind verantwortlich für die gute Konver­sionsrate – durch ständige kleine ­Verbesserungen. So können die User beispielsweise ihre Widgets jetzt übersichtlicher in drei statt in zwei Spalten anordnen. Zudem verkleinerten Bleil und Spethmann Bilder und verschoben wenig relevante Texte vom Bildzentrum an den Rand. "Je weniger Informationen, desto besser ist die Konvertierung", haben die Gründer festgestellt.
Schöne Aussichten: Julika Bleil blickt jetzt auf die Hamburger Alster   Schöne Aussichten: Julika Bleil blickt jetzt auf die Hamburger Alster
Auch für Miete gibt Allyve seit einem Umzug mehr aus. Wochenlang hatte die Belegschaft Presslufthammer-Lärm ertragen, weil ein Nachbargebäude abgerissen wurde – wobei ein Hammer versehentlich die Wand zum Treppenhaus ihres Gebäudes durchstieß. Als dann auch Sanierungsarbeiten im eigenen Gebäude drohten, war klar: Wir müssen raus! Die neuen Büros bieten mehr Platz, mehr Licht und einen Blick auf die Hamburger Alster. Und kosten rund 1000 Euro mehr im Monat.
Alles in allem gab das Startup in drei Monaten rund 200.000 Euro aus. Die Einnahmen liegen bei übersichtlichen 10.000 Euro. Denn Registrierungen allein bringen kein Geld. Das fließt erst, wenn Nutzer über Allyve auf die Seite eines Widget-Partners gehen und dort etwas kaufen. "Da klafft noch eine große Lücke, die geschlossen werden muss", sagt Bleil.
Bislang verdient Allyve pro Nutzer um die 3 Cent, insgesamt wenige Tau­send Euro pro Monat. Auch, weil große Shoppingportale wie Quelle.de erst im vergangenen Quartal zu Widget-Partnern wurden. "Bis so ein Partner zahlt, vergeht oft unheimlich viel Zeit", sagt Bleil. Manchmal bis zu drei Monate – so lange läuft die Rückgabefrist für die Produkte, die die User gekauft haben. Bleil ist sicher: Mit der Zeit werden die Einnahmen steigen. Auf einen zweistelligen Cent-Betrag pro Nutzer und ­Monat. Deutlich mehr als bisher, aber noch weit entfernt von dem, was ­Allyve bräuchte, um den Breakeven zu erreichen. "Dafür müssten sich die Nutzerzahlen verdrei- oder -vier­fachen", sagt Bleil und lächelt: "Ich weiß, das klingt dramatisch."
Ihre Rechnung geht anders. "Wir glauben, dass wir auf einen Schlag deutlich mehr Nutzer gewinnen werden." Die Geheimformel ­lautet: Einbindung in andere Seiten. ­Dafür sucht sich Allyve Portale mit jeweils mehreren Millionen Nutzern. Die nehmen Allyve als Zusatzangebot auf. Nähme nur ein kleiner Prozentsatz das Angebot an, so Bleil, ver­größerte sich auch die Nutzerzahl von Allyve enorm. Und damit ihr Verhandlungsspielraum. Hunderttausende Nutzer, die täglich Logo und Angebote der Widget-Partner sehen – die sind doch etwas wert. "Wir könnten ganz andere Deals schließen. Dann zahlen Partner nicht mehr pro Kauf, sondern pro Klick oder einen Tausender-Kontaktpreis."
Mit mehr Partnern zu mehr Nutzern: Allyve-Gründerin Julika Bleil   Mit mehr Partnern zu mehr Nutzern: Allyve-Gründerin Julika Bleil
Einen Vertrag hat Allyve bereits ­geschlossen. Seit Ende Juli bietet ­Computerbild.de seinen Nutzern eine ­Allyve-Sonderedition an. Mit vier weiteren Portalen steht Allyve derzeit in Verhandlungen. Alle haben mehrere Millionen regelmäßige Nutzer.
Der Clou: Die Widget-Partner von Allyve.com tauchen nicht automatisch in den neuen Angeboten auf. "Dann zahlen unsere Widget-Partner dafür, dass sie auch dort eingebunden werden", sagt Bleil. Ein Investor riet ihr zudem, dass andere Partner sicher dafür zahlten, dass sie im Allyve-Newsletter erwähnt würden. Und schon jetzt könne Allyve Geld verlangen, wenn es eine Google-Suchmaske auf seiner Startseite einbände.
"Es gibt viele Möglichkeiten", sagt Bleil. Und es gibt noch viel Geld auf dem Allyve-Konto, rund 750.000 Euro. Genug, um sich noch eine ganze Weile keine ernsthaften Sorgen zu machen. "Ich schlafe ruhig", sagt Bleil. Selbst dann, wenn gerade die "Chart­show" läuft. "Aus Fernsehen mache ich mir eigentlich gar nichts."
Wer die Dienste von Allyve in Anspruch nimmt, weil ihn am Computer das ständige Einloggen auf den verschiedenen Internetseiten nervt, der dürfte sich über die neueste Idee von Julika Bleil und Philipp Spethmann freuen. Die überlegen momentan, eine Handyversion ihres Angebots zu entwickeln, die auf iPhone und Konsorten nutzbar ist. "Die einzelnen Seiten aufzurufen, dauert auf dem Handy viel länger. Dann über die kleine Tastatur den Login eintippen, da hat man schon gar keine Lust mehr zum Surfen", sagt Bleil.
Die Allyve-Gründer Julika Bleil und Philipp Spethmann   Die Allyve-Gründer Julika Bleil und Philipp Spethmann
Aber haben die Kunden genug Interesse am mobilen Surfen mit Allyve? Um das herauszufinden, wurde ein Click-Dummy gebastelt. Ein Testprogramm, mit dem man sich durch die Handyanwendung klicken kann, ohne dass sie online gestellt werden muss. Zunächst nutzen das eine Handvoll Bekannter von Bleil und Spethmann, die im Besitz eines iPhones sind. Wenn deren Rückmeldung positiv ausfällt, dürfen erste Kunden testen.
Da trifft es sich gut, dass Allyve ohnehin plant, eine Testnutzergruppe für neue Produkte zu gründen: die Allyve-Pioniere. Im nächsten Newsletter können sich Interessierte anmelden, allerdings nicht, ohne vorher einen Fragebogen beantwortet und sich damit als engagierter Probant qualifiziert zu haben: "Wir wollen ja eine aktive Nutzergruppe haben."
Bis zum 18. September wollen sich Bleil und Spethmann entschieden haben, dann würde die Programmierung starten. "Die wird frühestens Ende Oktober fertig sein", sagt Bleil. "Falls wir uns entscheiden, das zu machen." Jetzt hängt alles von den Testnutzern ab: "Es kommt darauf an ob die sagen, das müssen sie haben oder ob sie es nur ganz nett finden."
Allyve will neue Wege im Marketing gehen. Und zwar im Viralen. Das sei die "Königsdisziplin" des Marketings, sagt Vertriebsmann Christian Evers lachend: "Das kostet nämlich nichts."
Geleitet von Evers und Gründerin Julika Bleil startet darum ein neues "Kreativ-Projekt". Zwei neue Allyve-Praktikanten, beides Medienwissenschaften-Studenten, werden in den kommenden sechs Wochen überlegen, was man im Web 2.0 so an Marketing-Aktivitäten veranstalten kann.
Bei Empfehlung Belohnung: Die Allyve-Startseite   Bei Empfehlung Belohnung: Die Allyve-Startseite
Einige "Gedankenspiele" gäbe es bereits, sagt Evers. Etwa, ob man "Allyve-Botschafter" ins Netzt schicken könne, die ihre Freunde dazu bewegten, sich bei Allyve anzumelden oder aktiver zu werden. Ganz so kostenlos wäre das virale Marketing in dem Moment natürlich wieder nicht, sagt Evers. Denn die Botschafter müsste man natürlich irgendwie "incentivieren", sagt Evers in BWL-Deutsch, übersetzt: Man müsste sie bezahlen.
Was aber nicht zwangsläufig Cash bedeutet. Ein iPod für eine bestimmte Zahl neugeworbener Allyve-Nutzer oder ein Gutschein. Das Ganze vielleicht unterteilt in verschiedene Bonusstufen - Evers kann sich viel vorstellen. Und noch mehr hoffentlich die Praktikanten. Schließlich soll es ja nicht bei Gedankenspielen bleiben.
Keine sechs Wochen ist es her, da knackte Allyve die Marke von 100.000 registrierten Usern. Vergangene Woche zählten die Gründer Julika Bleil und Philipp Spethmann 120.000. Zum Vergleich: Für die Steigerung von 70.000 auf 100.000 hatte das Hamburger Start-up fünf Monate gebraucht.
Für Bleil klarer Erfolg der verstärkten Fernsehwerbung. Ähnliche Steigerungen erhofft sie sich von der Kooperation mit Computerbild-Online. Damit die Sonderedition, die Allyve für das für das Partnerunternehmen erstellt hat, richtig in Schwung kommt, stellt das Portal Allyve in diesen Wochen in redaktionellen Beiträgen vor.
Allyve-Gründerin Julika Bleil   Allyve-Gründerin Julika Bleil
Und: Die Nutzer sind aktiver als früher. Während in den Anfangszeiten von Allyve bis zu 90 Prozent Karteileichen waren, die nach der Anmeldung das Portal nicht mehr nutzen, liegt die Quote der Aktiven jetzt bei rund 30 Prozent. Grund dafür seien die ständig verbesserten Startseiten und eine bessere Kommunikation mit den Nutzern, beispielsweise durch Wir-vermissen-dich-Mails.
Noch bedeuten allerdings die weiteren Nutzer keine Steigerungen auf dem Geschäftskonto von Allyve. Große Shopping-Portale wie Quelle.de, die durch Provisionen auf Käufe durch Allyve-Nutzer Geld in die Kassen spülen sollen, bräuchten nun mal sehr lang für ihre Abrechnungen, sagt Bleil. Und da ebendiese Portale erst in den vergangenen drei Monaten unter Vertrag genommen wurden, sei noch nicht klar, wie viel Umsatz die Kunden tatsächlich erzielten.
Allyve setzt jetzt verstärkt auf Fernsehwerbung. Macht sich das bereits bemerkbar?
Die Nutzerkurve steigt deutlich! Die 100.000-Nutzer-Marke haben wir geknackt. Und die Sendungen Galileo, Taff und die Ultimative Chartshow haben seither auch 14 Zuschauer mehr: Das Allyve-Team, das die Sendungen und insbesondere die Einbindung von Allyve mit Spannung verfolgt.
Die Allyve-Gründer Julika Bleil und Philipp Spethmann   Die Allyve-Gründer Julika Bleil und Philipp Spethmann
Was war der größte Erfolg für Allyve im Juli?
Der Kooperationsvertrag mit Computerbild-Online ist nun abgeschlossen. Wir glauben, dass diese Kooperation sehr gut zu unserem Produkt und unserer Zielgruppe passt. Der Partner ist auf uns zu gekommen und es ist natürlich ein tolles Gefühl eine Technologie entwickelt zu haben, die nicht nur bei den Nutzern gut ankommt, sondern auch bei großen Unternehmen so positiv aufgenommen wird.
Was war die größte Überraschung?
Uns hat sehr positiv überrascht, wie schnell wir bei der Kooperation zu einem Abschluss gekommen sind. Wir hatten damit gerechnet, dass sich die Verhandlungen mit einem großen Unternehmen über längere Zeit hinziehen. Doch zwischen den Gesprächen und dem Start der Kooperation lagen gerade mal drei Wochen.
Was ist die größte Aufgabe im kommenden Monat?
Natürlich wollen wir die Kooperation erfolgreich umsetzen. Dazu gehört, dass wir eine spezielle Allyve-Edition für den Partner herausgeben und dass diese Edition von den Nutzern des Partners gut angenommen wird.
Wir haben Allyve von Anfang an so gebaut, dass wir mit ein und derselben Technologie verschiedene "Frontends" ausliefern können, sprich: optisch unterschiedliche Versionen von Allyve. Das kommt jetzt zum ersten Mal in großem Maßstab zum Einsatz.
Die Fragen beantwortete Allyve-Gründerin Julika Bleil
Gut, wenn man eine Mutter hat, die sich auch noch kümmert, wenn man bereits sein eigenes Unternehmen führt. Julika Bleils Mutter hat sie vor wenigen Tagen mit Pflaumen aus dem eigenen Garten versorgt. Gutes Timing. Denn mit dem regelmäßigen Essen war es in den vergangenen Tagen manchmal schwierig.
Hier eine Besprechung, dort eine Nachfrage, da ein Test:
An diesem Freitag startet Allyve eine Kooperation mit Computerbild-Online. User des Portals können über dessen Homepage auf Allyve zugreifen. Besonderheit dabei: Mehrere Widgets sind bereits vorinstalliert, etwa eines, das auf Spiele und ein anderes, das auf neue Downloads im Netz zugreift. Themengebiete also, von denen Computerbild-Online glaubt, dass sie seine User interessieren.
Zwischen den Schirmen: Allyve-Gründerin Julika Bleil   Zwischen den Schirmen: Allyve-Gründerin Julika Bleil
Damit all das läuft, müssten die Allyve-Server natürlich erkennen, wer über das Computerportal zugreift - und die entsprechende Startseite im Computerbild-Design bereitstellen. Und dass, während Allyve selbst gleichzeitig eine neue Struktur seiner Seite anbietet. Statt in zwei können die User ihre Widgets nun auch in drei Spalten anordnen.
Das sei komplizierter als gedacht, sagt Bleil. Und der haben es wiederum ihre Programmierer gesagt. "Vorher war es eine Matrixstruktur", resümiert Bleil, "Nein, andersrum. Jetzt haben wir eine Matrix-Logik. Und ohne die war es…schwierig." Man muss als Gründer ja auch nicht jedes technische Detail kennen.
Es gibt ja genug anderes, was man im Kopf haben muss. Den Anmeldeschluss vom Darboven-Idee-Förderpreis, etwa. Aber ist das für die Allyve-Gründer nicht schon Routine? Schnell die Sachen vom letzen Wettbewerb kopieren, neues Datum drauf, und gut? " dieser Preis ist anders", sagt Bleil. Sie lacht: "da muss man handschriftlich erläutern, warum man würdig ist, den Preis zu erhalten."
Ihre Chancen schätzt sie niedrig ein. "Letztes Mal hat jemand gewonnen, der in der Krebsforschung aktiv war", sagt sie beeindruckt. Aber die Bewerbung musste trotzdem fertig werden – liegt ja gerade ohnehin nichts an.
Kleine Feierstunde bei Allyve. Mit leichter Verzögerung feierten die Gründer Julika Bleil und Philipp Spethmann ihren Umzug in größere Räume. Mit dabei: Investoren, Vermarkterfirmen und ein "paar Freunden der Familie", scherzt Philipp Spethmann. Dazu zählen beispielsweise einige Unternehmer, die Bleil und Spethmann schon zu Beginn ihrer Gründung kannten und ihnen mit Tipps halfen.
Feierten den zweiten, einskommachten und einskommasechsten ...   Feierten den zweiten, einskommachten und einskommasechsten Allyve-Geburtstag: Julika Bleil und Philipp Spethmann
Ein bisschen feierte man auch den zweiten Geburtstag von Allyve. Der wäre zwar offiziell erst im Januar 2010 (Launch der Seite), oder in diesem September (GmbH-Gründung), aber bei Gründen zum Feiern sollte man flexibel sein, meint Spethmann: "Vor zwei Jahren hatten wir die Idee."
Ein Feieranlass-Hattrick wird das Ganze durch einen erfolgreichen Vertragsabschluss. In dieser Woche unterschrieben die Gründer mit einem Nachrichtenportal: Ab dem 1. August wird es auf der Seite des Portals - das aus vertraglichen Gründen auch erst dann namentlich genannt werden darf, eine Weiterführung zu Allyve geben.
Statt Wochen - wie Vertriebsmann Christian Evers prognostizierte - dauerten die Verhandlungen nur Tage. "Wir dachten auch, das ginge noch durch mehrere Gremien", sagt Evers, "aber man war offensichtlich sehr an der Zusammenarbeit mit uns interessiert."
Nach Fernsehen kommt Online. Allyve weitet sein Marketing aus. Vertriebler Christian Evers hat das Hamburger Start-up nun bei Zanox untergebracht, einem Unternehmen für Affiliate-Marketing - neudeutsch für Provisionsgeschäfte.
So funktioniert's: Der Betreiber der Seite X wählt über Zanox Firmen aus, deren Werbe-Banner er auf seiner Seite platziert. Klicken Leute darüber auf die Seite der beworbenen Firma, in diesem Fall Allyve, zahlt diese dafür eine Provision.
Webseiten, die neue User zu Allyve bringen, können verdienen   Webseiten, die neue User zu Allyve bringen, können verdienen
So sparen die vermittelten Partner sich die Kaltakquise. Und eigene Konditionen darf das beworbene Unternehmen auch aufstellen. Beispielsweise darüber, in welchem Umfeld man beworben will. Und in welchem nicht: Im Fall von Allyve gehörten dazu alle Seiten, die mit Sex oder Politik zu tun haben, sagt Evers.
Zudem zahlt Allyve nicht für jeden Klick Geld, sondern nur für Klicks, die zu einer Registrierung führen. Auch an Zanox fließt erst bei erfolgreicher Vermittlung neuer User Geld.
Geld kosten allerdings die Werbebanner. Dafür beauftragt Allyve für rund 3000 Euro erstmals eine Marketing-Agentur. Ja, man habe gute Programmierer im eigenen Haus, sagt Evers, "aber hier geht es um Flashbanner, da sind wir nicht so stark."
Auch die White-Label-Pläne werden jetzt konkret. Evers verhandelt mit einem "reichweitenstarken" Nachrichtenportal darüber, die Allyve-Funktion auf dessen Seite einzubinden. "Dadurch erhöhen wir sprunghaft unsere Reichweite", sagt Evers: "Das soll noch in diesem Quartal zum Abschluss kommen."
Warum musste Allyve aus seinen alten Räumen heraus? Was gibt es an neuen Angeboten? Und welche neuen Herausforderungen müssen sich die Gründer stellen?
Im Video-Interview bilanziert Geschäftsführerin Julika Bleil den Monat Juni.
Sie freut sich über raumhohe Fenster, die viel Licht durchlassen und über neue Anmeldefunktionen für Allyve-Nutzer, die lästige Klicks sparen sollen.
Am Anfang war es nur ein Gefühl. Als Allyve das erste Mal am Osterwochenende probeweise ein Gewinnspiel im Fernsehen sponserte, fielen den Gründern einige Unterschiede bei den Sprechern auf.
Alle sagten den gleichen Text: "Dieser Rechner wird gesponsert von Allyve, der neuen Startseite im internet, mit der sie sich das lästige Einloggen sparen können." Aber nicht alle sagten ihn im gleichen Tonfall: "Bei einem dachten wir sofort: Der macht das nicht mit der ausreichenden Begeisterung", sagt Bleil.
Bittet um Begeisterung: Allyve-Gründerin Julika Bleil   Bittet um Begeisterung: Allyve-Gründerin Julika Bleil
Und seit Allyve regelmäßig auf Pro Sieben und RTL 2 wirbt, kann Bleil ihr Empfinden mit Zahlen untermauern. Nach jeder Ausstrahlung gibt es einen messbaren Peak auf der Allyve-Seite, und jedes Mal haben sich im Nachgang neue Nutzer angemeldet, teilweise mehrere tausend. Aber: "Wenn der Sprecher es gut gemacht hat, war es ein Drittel mehr."
Inzwischen meldet sich Allyve-Vertriebsmann Christian Evers dann bei den Sendern und bittet um etwas mehr Begeisterung. Evers war es auch, der gerade einen Deal geschlossen hat, der für Allyve ein Quantensprung in Sachen Fernsehwerbung bedeuten könnte. In den nächsten Wochen wird die Startseite während der "ultimativen Chart-Show" von Oliver Geissen auf RTL beworben. Die erzielt mit Marktanteilen um die 20 Prozent deutlich größere Reichweiten als alle bisherigen Sendeplätze.
Bei dieser Sendung allerdings kommt die Sprecherstimme vorproduziert aus dem Off. "Vielleicht funktioniert das nicht ganz so gut, als wenn man den Moderator sieht", sagt Bleil. Aber dafür bleibt die Stimme wenigstens immer gleich.
Manchmal erzielen kleinen Dinge große Wirkung. Nach einem Umzug kann es ein Klingelschild sein, das einem das Gefühl gibt, angekommen zu sein. Seit Donnerstag hängt es an der Außenseite des Bürogebäudes, in dem Allyve seit zwei Wochen seine Büroräume hat.
Beim Marketing reichen kleine Geschenke, um Nutzer für sich zu gewinnen. Neben Einkaufsgutscheinen seiner Widget-Partner bietet Allyve beispielsweise seit gut einem halben Jahr einen SMS-Service. Mit dem können Nutzer des Alles-auf-einen-Klick-Portals kostenlos Kurznachrichten verschicken.
Ein Service, der gut angenommen werde, sagt Philipp Spethmann. Und einer, für den Allyve bezahlt. Wenn auch mit ein paar 100 Euro im Monat in einem Rahmen, den er kaum für erwähnenswert hält.
Kleine Geschenke binden den Kunden: Die Allyve-Geschäftsführer ...   Kleine Geschenke binden den Kunden: Die Allyve-Geschäftsführer Julika Bleil und Philipp Spethmann
Ein kleiner Umstand dabei allerdings störte ihn und seine Mitgründerin Julika Bleil schon seit längerem: Dass sie die SMS in Kontingenten kaufen und dann aufbrauchen mussten. "Das war lästig", sagt Spethmann. Nicht, wegen der Vorabkasse, sondern weil sie so ständig kontrollieren mussten, ob das Kontingent nicht vielleicht aufgebraucht war und das Werbeangebot nicht mehr funktioniert. Jetzt wechseln sie zu einem Anbieter, bei dem erst abgerechnet wird, wenn die SMS verbraucht sind. Ein Bekannter hatte das Unternehmen empfohlen.
Und manchmal empfehlen sich mögliche Marketingpartner auch selbst. Wie der Herr von der Außenwerbungs-Agentur, der in dieser Woche anrief. Plakate in Fußgängerzonen und an Bushaltestellen - wäre das nichts für Allyve? "Nicht in den nächsten Wochen und wohl auch nicht in den nächsten Monaten", gibt sich Spethmann diplomatisch. Die Konditionen hat er sicherheitshalber aufgeschrieben. "Dann habe ich Vergleichszahlen, wenn wir so etwas einmal machen sollten." Ist ja vielleicht auch ein bisschen groß.
Es ist ja immer das Gleiche bei Ikea. Man macht eine Liste mit Dingen, die man braucht, geht rein, kommt wieder heraus - und hat das Doppelte eingekauft. Das geht Junggründern nicht anders.
Nach dem Umzug in ihre neuen Büroräume brauchte Allyve neue Möbel. Sie kauften Regale, weil sie die Einbauschränke des alten Büros nicht mit hinüber nehmen konnten. Sie kauften Stühle und einen Tisch, weil sie nun endlich einen Konferenzraum haben. Sie kauften Tassen und Teller, weil es wegen der neuen Spülmaschine nicht mehr nötig ist, jedes Teil direkt nach Benutzung sauber zu machen. Sie kauften Pflanzen, weil es einfach wohnlicher aussieht. Und sie kauften Holzmöwen für die Toilettenräume, weil... weil Julika Bleil sie schön findet.
Optimale Raumausnutzung: Julika Bleil mit zwei Allyve-Praktikanten ...   Optimale Raumausnutzung: Julika Bleil mit zwei Allyve-Praktikanten auf dem Rückweg von Ikea
Einen halben Tag verbrachte die Allyve-Gründerin mit zwei Praktikanten bei den Schweden. Sie gaben rund 1000 Euro aus. Und schafften es, durch restriktives Luftanhalten und Sinn für effektive Raumausnutzung die gesamte Beute in nur zwei Fahrten in einem VW Golf zu transportieren.
Neben neuen Möbeln gibt es auch ein neues Geschäftsmodell. Allyve will seinen Widget-Partnern nicht mehr nur Klicks vermitteln, sondern gegen Provision auch neue Mitglieder. Künftig sollen Allyve-User sich auch direkt von der Allyve-Seite aus bei anderen Portalen anmelden können. Die Techniker überarbeiten gerade die Software, damit beim Ansteuern des Portallogos auf der Allyve-Seite nicht mehr nur die Felder "Benutzername" und "Passwort" aufpoppen, sondern zusätzlich "Jetzt registrieren". Klar, noch suchten die Allyve-Nutzer gar nicht nach dieser Funktion, sagt Julika Bleil: "Aber das werden sie lernen."
Julika Bleil ist begeistert. Fenster, die vom Boden bis zur Decke reichen. Zentrale Lage in der Hamburger Innenstadt. Blick auf die Alster (ein bisschen). Ein abgetrennter Meeting- und Telefonierraum. Hach.
Allyve ist umgezogen. 225 Quadratmeter an der Adresse Alstertor 9 nennt das Internet-Start-up nun sein eigen. Sechs Stunden dauerte der Umzug am vergangenen Freitag. Trotz einer Entfernung von weniger als 200 Metern zum alten Firmensitz engagierten Bleil und ihr Mitgründer Philipp Spethmann dafür einen professionellen Umzugsservice.
Ein bisschen Alster: Blick aus dem neuen Allyve-Büro   Ein bisschen Alster: Blick aus dem neuen Allyve-Büro
Für einen ähnlich kurzen Umzug hatte kurz zuvor Statista-Gründer Friedrich Schwandt ausschließlich auf die Muskeln des eigenen Teams vertraut. "Wenn man nur Ikea hat, ist das nicht so schwierig", sagt Bleil. Allyve jedoch habe sein Büromobiliar komplett vom Vormieter übernommen. Inklusive eines schweren Eichenholztisches und der Ledersessel aus den 70ern, alles garantiert nicht auseinanderbaubar. "Die Möbelpacker haben geflucht."
Grund zum Fluchen hatten die Allyve-Mitarbeiter dafür schon einen Tag vor dem Umzug. Da hatte die Telekom bereits die Verbindungen des Start-ups zur Außenwelt gekappt. Einen Tag früher als geplant. Glücklicherweise funktioniert ein Internet-Unternehmen auch ohne Internet. Die Allyve-Techniker jedenfalls waren von dem Ausfall überhaupt nicht betroffen. Und ihre Mails konnten die Mitarbeiter ebenfalls checken - Allyve besitzt mehrere UMTS-Karten. Aber ob das die Telekom vorher wusste?
Immerhin: Die Telekom entschuldigte sich wortreich. jedenfalls, nachdem Bleil einen zuständigen Mitarbeiter erreicht hatte. "Stundenlang war niemand erreichbar", sagt sie. Ja, es gebe eine eigene Hotline für Geschäftskunden. Aber wenn dort niemand rangeht, wird automatisch zur normalen Hotline weitergestellt, hat Bleil erlebt: "Dort hieß es dann: Tut mir leid, für diese Frage müssen sie mit der Businesshotline sprechen."
  • FTD.de, 04.09.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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