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Merken   Drucken   03.06.2009, 10:00 Schriftgröße: AAA

Gründertagebuch: Wir sind raus - die 2. Quartalsreportage von Wikando

03.06.2009 - Wikando: Lieber ein Test zu viel als zu wenig, sagten sich die Wikando-Macher aus Augsburg. Und noch ein Test. Und noch einer. Jetzt haben sie endlich ihr Charity-Portal gestartet. von Claus Hornung
Peter Kral kämpft. Augen offen halten, gerade auf dem Stuhl sitzen, Antworten geben - das alles strengt ihn sichtlich an. "Entschuldigung", sagt er, als er mitten im Gespräch den Faden verliert, "ich bin ein bisschen platt." Mirjam Maier nickt. Ihr geht es ebenso.
Es ist der Tribut für die Anspannung der vergangenen Wochen. Für Schlafmangel und durchgearbeitete Wochenenden. Und für die zwei Gläser Sekt am Vorabend. Mit denen haben sie angestoßen, weil sie es endlich geschafft haben: Wikando ist online.
Wikando-Chefin Mirjam Maier mit Marketing-Berater Lorenz Hartung   Wikando-Chefin Mirjam Maier mit Marketing-Berater Lorenz Hartung
Seit dem 29. April können auf dem Portal Menschen und Institutionen zueinanderfinden, die Gutes tun wollen. Hilfsprojekte, die Helfer suchen. Privatpersonen, die Geld oder Zeit spenden wollen. Unternehmen, die sich sozial engagieren wollen. Für Kral und Maier beginnt ein neuer Abschnitt in ihrem Gründerleben.
Bislang hatten sie sich in ihrem Augsburger Büro eingeigelt. Der Starttermin 1. Dezember 2008 war allzu ambitioniert. "Das hätten wir nicht so früh öffentlich verkünden sollen", sagt Kral. Damals wurde ihm klar: Beim nächsten Anlauf muss alles klappen. Egal, wie lang es dauert.
Kosten, Einnahmen, Kapital- und Schuldenstand:
Hier steht die Wikando-Quartalsbilanz von Februar bis April 2009: www.ftd.de/Quartalsbilanz
Sie feilen an Details. Sollten die Figuren, die Arbeitskraftspenden symbolisieren, Arme haben? Sollten die Arme sich berühren? Oder sieht das irgendwie unanständig aus? Und sollte man diesen Knopf mit einem Schatten umrahmen, damit er sich besser vom hellen Hintergrund absetzt? Falls ja - müsste man dann alle Knöpfe umrahmen?
Sie testen. Erst probiert das eigene Team, ob alle Tools funktionieren und verständlich sind, ob jeder Link auf dem Portal sitzt. Im März dann schalten die Gründer eine Betaversion frei, auf die 60 Bekannte Zugriff haben. Das hat mehr Aussagekraft: "Es ist etwas anderes, ob man jemanden fragt, an welcher Stelle er Probleme hatte, oder ob man dabei zusehen kann."
Alles läuft glatt. Aber reicht das schon? Besser, noch mal jemanden von außen zu fragen. Eine Softwareberatung checkt noch einmal alles durch. "Alles bestens", urteilen auch die Experten. Trotzdem: Maier und Kral wollen noch einen letzten Testlauf durchziehen. Zwei Wochen mit knapp 400 Usern, die sich auf einer Warteliste angemeldet haben.
Gearbeitet bis zur Erschöpfung: Die Wikando-Gründer Peter Kral ...   Gearbeitet bis zur Erschöpfung: Die Wikando-Gründer Peter Kral und Mirjam Maier
Der letzte Testlauf beginnt am 15. April um 18.40 Uhr. "Für uns war das wie der endgültige Startschuss", sagt Maier.
Aufgeregt schreibt sie mit. Um 18.42 Uhr geht der erste User online, um 18.46 Uhr der zweite, um 19.11 Uhr haben sich 20 User registriert, um 21.21 Uhr geht das erste Projekt online. Um 22.51 Uhr die erste Spende. 20 Euro. Klar, das ist nicht viel", sagt Maier lächelnd, "aber für uns war das der Wahnsinn."
Einige halten diese Testschlaufe für übertrieben. "Geht doch endlich online", schreiben ein paar Internetuser. "Die wissen einfach nicht, wie viel Arbeit in einem solchen Portal steckt", sagt Maier. Schwerer wiegt die Meinung ihrer Freunde. "Einige meinten: Ihr habt doch schon den Schlüssel im Schloss stecken, aber ihr scheut euch, ihn umzudrehen", sagt Maier, "und ein bisschen stimmt das auch."
Sie und Kral arbeiten bis an den Rand der Erschöpfung, zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Schließlich müssen sie nebenher auch Praktikanten anheuern, Markenrechte sichern oder sich um Preise bewerben. Und dann ist da noch dieses Gründerseminar, ausgerechnet eine Woche vor dem letzten Testlauf. Das gehört zu dem Exist-Gründerstipendium, das Maier und Kral erhalten. Teilnahme ist Pflicht.
Also fahren sie hin. In einer Übung müssen sie einen fiktiven Jungunternehmer beraten. Der hat einen Sack voller Probleme, wirtschaftliche wie gesundheitliche. Die "Berater" geben ihm Tipps zum Marketing, zu Wettbewerbern und zur Finanzierung.
Doch erst in der abschließenden Beurteilung durch vier Psychologen fällt auf: Zu der Krankheit hat niemand etwas gesagt. Ein heilsamer Schock. "Im Nachhinein war der Zeitpunkt für das Seminar genau richtig", sagt Maier und atmet tief durch. "Man muss auch mal ein bisschen Abstand nehmen, sonst verliert man sich."
Es ist nicht der einzige Schock: Wenige Tage vor dem endgültigen Start werden Maier und Kral in ihrer Euphorie gebremst. Ein Portal mit einer ähnlichen Geschäftsidee hat von einem Investor 1 Mio. Euro erhalten.
"Wir waren sehr geknickt", sagt Kral. Aber der Mitbewerber ist bereits seit einem Jahr online. Da war Wikando nicht mehr als eine Idee. "Das ist einfach ein First-Mover-Vorteil." Schließlich habe das Ganze auch eine positive Seite: "Das zeigt, dass ein Markt da ist, dass Geld da ist."
Blick auf das Profil eines Hilfsprojektes bei Wikando   Blick auf das Profil eines Hilfsprojektes bei Wikando
Beim offiziellen Start am 29. April haben sich die beiden Gründer wieder gefangen. Als die ersten User auf die Seite gehen, öffnet das Wikando-Team die Sektflaschen. Rund 200 Besucher gehen an diesem Abend auf die Seite. Ohne dass es eine Pressemitteilung gegeben hätte. Ohne Marketingkampagne.
Um das alles müssen sich Maier und Kral jetzt kümmern. Und um Geldgeber. Dieses Jahr können sie so noch mit ihrem Ersparten und dem Geld aus dem Gründerstipendium durchhalten. "Aber wir können nicht ewig auf Sparflamme weitermachen", sagt Maier. "Jetzt sind wir raus und wollen wachsen."
500.000 Euro brauchen sie mittelfristig, haben sie ausgerechnet. Die wollen sie sich bei Business-Angels holen. Oder bei Venture-Capital-Gebern, die auf soziale Projekte spezialisiert sind. "Wir sind sicher, dass wir das schaffen", sagt Kral, "jetzt können wir nicht nur eine Idee präsentieren, jetzt können wir sagen: Guckt euch die Seite an."
Dafür müssen sie raus, Termine ausmachen, Leute treffen. Vieles wird sich ändern, das wissen sie. "Aber das macht ja auch den Reiz an der Sache aus", sagt Maier. Eine Sache, die wollen sie ganz schnell ändern. Sonntags wollen sie nicht mehr arbeiten. Zumindest nicht jeden Sonntag. Zumindest vormittags.
Businesspläne. Businesspläne. Businesspläne. Um die dreht sich derzeit alles bei den Wikando-Gründern Mirjam Maier und Peter Kral. Um potenzielle Investoren anzusprechen, sollte der natürlich möglichst perfekt sein.
Das wirft Fragen auf: Sollen sie noch mehr Grafiken hineinpacken? Wie detailliert muss die Technik erklärt werden? Und: Wo kann man noch kürzen? Denn eines ist ihnen klar: Kurz ist besser. "Ich glaube, niemand liest gern 100 Seiten", sagt Maier, "aber die hat man schnell voll geschrieben."
Zu wenig Platz für das Profil auf Wikando? Das wird sich ändern   Zu wenig Platz für das Profil auf Wikando? Das wird sich ändern
Entscheidend ist natürlich auch die Frage: Womit will Wikando Geld verdienen? Antwort eins lautet: Durch Unternehmen. Noch nutzen die bislang sieben Unternehmen, die auf Wikando ein Profil eingestellt haben, ein kostenloses 90-Tage-Probeangebot.
Auf Dauer sollen sie Jahresverträge abschließen. Ein Monat Mitgliedschaft kostet Unternehmen mit maximal 15 Mitarbeitern dann 9,90 Euro, Unternehmen bis zu 250 Mitarbeiter 19,90 Euro, Unternehmen bis zu 1000 Mitarbeitern 49 Euro und größere Unternehmen 99 Euro.
Kosten, Einnahmen, Kapital- und Schuldenstand:
Die Quartalsbilanz von Februar bis April 2009 von Wikando steht ab dem 2. Juni unter www.ftd.de/Quartalsbilanz
Inzwischen feilen Maier und Kral am Geschäftsmodell Nummer zwei, dem "Baukastensystem." Heißt: Wer mehr möchte, bekommt auch mehr. Etwa, wenn einer Organisation in der Größenordnung der Caritas, die ein 200-Euro-Projekt bei Wikando eingestellt hat, sich ausgiebiger vorstellen möchte. Etwa mit Fotos, Videos, Logos oder Verlinkungen zu befreundeten Projekten. Wir haben auch schon Feedback in diese Richtung bekommen“, sagt Maier. Auch Unternehmen könnten sich so multimedialer präsentieren, als es die bisherigen Wikando-Funktionen zulassen.
"Aber das sind alles nur Optionen für die Nutzer", sagt Maier, "für Hilfsprojekte wird Wikando immer kostenlos bleiben." Wie hoch die Preise für solche Optionen sein sollen und welche überhaupt eingeführt werden, das kalkulieren sieund Kral jetzt durch. Und natürlich, wie man diese Information in den Businessplan quetscht und trotzdem unter 100 Seiten bleibt.
Gutes tun und damit Geld verdienen. Beides ist die Zielsetzung von Wikando. Das "Gutes tun" kommt langsam in Fahrt, seit Wikando online ist, die ersten User auf dem Portal surfen und auch spenden. Zum "Geld verdienen" wird es wohl noch etwas dauern - nämlich solang, bis sich ausreichend Unternehmen angemeldet haben. Bis dahin aber werden die Gründer Mirjam Maier und Peter Kral einiges investieren müssen. Darum heißt das wichtigste Ziel ab sofort: Geld auftreiben.
Um die 500.000 Euro wollen Maier und Kral daher bei Investoren einwerben. Noch vor einem halben Jahr lag die Kalkulation eher bei 100.000 Euro. "Es ist schon erstaunlich, wenn man sieht, mit wie wenig Geld wir dahin gekommen sind, wo wir jetzt sind", sagt Maier. Dafür lief das Unternehmen bislang auch auf Sparflamme. Maier und Kral etwa leben von ihren 2000 Euro Exist-Stipendium - und investieren die Hälfte davon ins Unternehmen.
Schecks bitte hier einwerfen: Die Wikando-Gründer Mirjam Maier und ...   Schecks bitte hier einwerfen: Die Wikando-Gründer Mirjam Maier und Peter Kral suchen Investoren
Auch die Kosten fürs Personal hielten sich bislang in Grenzen. Erst seit April gibt es eine festangestellte PR-Mitarbeiterin und einen Auszubildenden bei Wikando. Für alle anderen Aufgaben waren Praktikanten zuständig. Eine Struktur, die auf Dauer nicht funktionieren wird. "Man will ja auch dahin kommen, das man Mitarbeitern Dinge anvertraut und sagen kann: Entscheide du das doch", sagt Maier, "aber dann muss man das auch entsprechend honorieren." Und auch für PR- und Marketingkampagnen braucht man mehr Geld. "Jetzt geht es in andere Dimensionen."
Darum überarbeiten sie und Kral jetzt den Businessplan. "Den müssen wir so knackig formulieren, dass alle merken: Da steckt mehr dahinter." Den beiden ist klar: die Zahl der potenziellen Investoren für Wikando ist überschaubar. "Wir haben ja ein nachhaltiges Geschäftsmodell. Ein Venture Capitalist, der in ein paar Jahren einen Exit plant, passt per se nicht", sagt Maier, "das schließt 50 bis 60 Prozent der klassischen Kapitalgeber aus, schätze ich."
Nach gut zwei Wochen als Unternehmer kann man sich auch mal etwas gönnen, fanden Mirjam Maier und Peter Kral. Am vergangenen Sonntag machten die Wikando-Gründer frei. Naja, zumindest am Sonntagvormittag.
Seit dem 29. Februar ist Wikando online. Die Technikläuft reibungslos und ganz langsam lohnt es sich, Statistiken zu führen. Durchschnittlich 300 bis 400 Unique User besuchen pro Tag die Seite. 178 davon haben sich bereits registriert, und 19 Nutzer haben zusammen 390 Euro gespendet.
Hier berät der Chef persönlich: Wikando-Gründerin Mirjam Maier ...   Hier berät der Chef persönlich: Wikando-Gründerin Mirjam Maier am Telefon
Auch die ersten Peaks sind erkennbar. Die meisten Privatleute surfen am Wochenende das Portal an. Die insgesamt höchsten Zugriffszahlen gibt es - die Erfahrungen aus der zweiwöchigen Beta-Phase mit eingerechnet - immer mittwochs. An diesem Wochentag dominieren die Hilfsprojekte.
Die rufen auch am häufigsten an, um sich beim Hochstellen von Fotos oder Formulieren von Projektbeschreibungen beraten zu lassen. "Viele, die ein zweites Mal anrufen, möchten dann genau mit der Person sprechen, die sie das letzte Mal am Apparat hatten", sagt Maier amüsiert. "Ich glaube, die meisten können sich schlecht vorstellen, wie viel bei einer Website dahinter steckt." Denn die Zahl der möglichen Gesprächspartner beschränkt sich derzeit auf drei: sie selbst, Peter Kral und ihre PR-Mitarbeiterin Madeleine Kraus.
Damit sich das möglichst bald ändert, heißt es jetzt: Rausgehen und die Werbetrommel rühren. Vergangene Woche besuchten Maier und Kral bereits ein Hilfsprojekt, die Patrizia Kinderhaus-Stiftung, die nun wiederum Wikando in seinen Broschüren bewerben will. Sie haben die Augusta-Bank dafür gewonnen, sich auf Wikando zu registrieren. Und sie recherchieren Veranstaltungen wie Freiwilligenmessen, auf denen sie ihr Start-up vorstellen können. Notfalls auch am Wochenende.
Im Nachhinein weiß man es immer besser. Wahrscheinlich hätte Wikando ein bisschen früher online gehen können, sagt Gründer Peter Kral. Aber es sollte eben alles perfekt sein.
Dafür konnten Kral, seine Gründungspartnerin Mirjam Maier beruhigt aufatmen, als wikando.com die ersten Stunden "on air" hinter sich gebracht hatte. Über ihre Aufregung, die Vorbereitungen für den Start und das, was jetzt auf sie zu kommt, sprechen die beiden im Videointerview.
Mirjam Maier hat vorgesorgt: An zu wenigen Telefonnummern soll es jedenfalls nicht scheitern.
Drei neue Nummern hat die Wikando-Geschäftsführerin für sich und ihr Team bestellt. Gerade rechtzeitig zu diesem Mittwoch. Den Tag, an dem es wirklich losgeht: Wikando ist online. Kein Soft-Opening. Keine Beta-Version. Richtig online. Für jedermann.
Ab 18 Uhr geht's los. Und dann könnte man die Telefonnummern brauchen, das haben Maier und ihr Team in den vergangenen zwei Wochen gelernt. Da durften sich bereits 400 User, die auf einer Wikando-Warteliste standen, per Zugangscode auf der Seite tummeln. Und die hatten viele Fragen.
Alle mal rein hier! Die Wikando-Geschäftsführer Mirjam Maier und ...   Alle mal rein hier! Die Wikando-Geschäftsführer Mirjam Maier und Peter Kral schalten ihre Seite endgültig frei
Etwa: "Gibt es eine Maximalhöhe für Spenden oder kann man auch ein Projekt das 60.000 Euro kostet, einstellen? Die Frage kam von einer Organisation, die sich um Kranke kümmert, und dafür ein Haus bauen will. "Kann man schon ", lautete die Antwort, "aber je kleiner, je besser." So wäre es wahrscheinlicher, dass sich auch Privatleute mit kleinen Summen beteiligten, sagt Mirjam Maier und schlug vor, den Spendenwunsche auf Einzelteile herunterzubrechen, Motto: eine Spende für die neue Wasserleitung, eine für das Treppenhaus.
Ein anderes Hilfsprojekt wollte wissen: "Wann gehen die gespendeten Beträge bei uns ein?" Die Antwort macht deutlich, warum die 60.000-Euro-Spende vielleicht nicht so gut funktioniert: "Dann, wenn die Summe vollständig zusammengekommen ist."
Trotz aller Aufregung ist Mirjam Maier auch beruhigt. Denn das monatelange Basteln an der Technik scheint sich gelohnt zu haben. Es gab faktisch keine Fragen in dieser Richtung. "Nach diesen zwei Wochen fühlt man sich schon ein bisschen größer, ein bisschen sicherer", sagt Maier."
Den Sekt hat sie auf jeden Fall bereitgestellt. Und Kuchen wird es auch geben. Entweder Mirjam Maier wird ihn backen, oder ihre Mutter. Kuchen oder Website - bei beiden hat Maier die gleichen Prinzipien: "Selbstgemacht ist immer am besten."
Stand hier vergangene Woche, dass Mirjam Maier aufgeregt war? Vor dem Start der Wikando-Betaversion, der für sie aber "der Tag, an dem wir online gehen" zählt? Das war nicht ganz richtig. Mirjam Maier ist jetzt aufgeregt. Vor Freude. Obwohl der Start nun schon wieder fast eine Woche her ist.
Sie hat mitgeschrieben: 18.41 Uhr ging es los. 18.42 Uhr war der erste Besucher auf der Seite. 18.46 Uhr der zweite, um 19.11 Uhr hatten sich 20 User registriert. "Wir saßen daneben und sagten nur: Schon wieder einer, schon wieder einer", sagt Maier und klingt dabei fast so atemlos, als ob sie gerade jetzt zähle: "Und um 21.21 Uhr ging das erste Projekt online. Bis Mitternacht blieben sie und ihr Team vor den Bildschirmen sitzen.
Countdown runtergezählt: Am 15. April ging die Betaversion von ...   Countdown runtergezählt: Am 15. April ging die Betaversion von Wikando online.
Knapp 400 Zugangscodes hatte Wikando geschickt. Knapp 150 Nutzer haben davon inzwischen Gebrauch gemacht und surften auf dem Portal. 44 haben sich angemeldet. Darunter zwei Unternehmen und auch zwei Hilfsprojekte: eines, das sich um Kinder in Thailand kümmert und ein Gnadenhof für alte und kranke Tiere. Und sie haben sogar schon zwei Spenden erhalten, einmal über 10, einmal über 20 Euro. "Klar, das sind alles noch niedrige Zahlen", sagt Maier lächelnd, "aber für uns war das der Wahnsinn."
Auch, weil die Technik problemlos mitmachte. Viele User gaben zwar Anregungen: Dass man sein Passwort speichern können sollte, dass die Schriftgröße hier und da ein wenig klein sei, und dass die Software das Alter des Nutzers nach Eingabe des Geburtsdatum noch falsch ausrechne. Aber Fehlermeldungen und harte Kritik blieben aus.
In den nächsten Tagen werden sich Maier und das Wikando-Team bei allen Projekten und Unternehmen melden, die auf ihrer Warteliste stehen. Telefonisch. "Einige davon sind nicht ganz so internetaffin. Da fassen wir noch mal nach", sagt Maier. Und jetzt endlich, fügt sie hinzu, müsse man nicht mehr auf Broschüren verweisen. Endlich könne man einfach sagen: Schaut euch die Seite an. "Jetzt können die Leute sehen, woran wir die ganze Zeit gearbeitet haben."
An diesem Mittwoch passiert es. Wikando geht online. Zumindest nach Definition der Wikando-Gründer. Das heißt: Es haben vorerst ausschließlich 397 Nutzer Zugriff, die auf einer Warteliste stehen: 90 Hilfsprojekte, 40 Unternehmen und 267 private Nutzer. Rein technisch aber ist alles "live". Die Nutzer können echte Profile anlegen, echte Profile anderer Nutzer anschauen und echtes Geld für Projekte überweisen.
Die ersten dürfen rein: Die Wikando-Gründer Mirjam Maier und ...   Die ersten dürfen rein: Die Wikando-Gründer Mirjam Maier und Peter Kral sind gespannt, was am Mittwoch passiert
Und Mirjam Maier ist echt aufgeregt: "Das wird toll. Wirklich toll", sagt sie: "Für uns ist das der entscheidende Tag." Es scheint als wolle sie vor allem sich selbst ein wenig beruhigen, wenn sie sagt: "Es werden sich ja nicht gleich alle 400 direkt am Mittwoch anmelden."
Auch der Tag, an dem sich nun wirklich Jedermann bei Wikando anmelden kann - Warteliste hin oder her - steht nun fest: der 29. April. Fünf Monate nach dem einstmals angekündigten Termin. "Ich denke, dass ist völlig in Ordnung", sagt Maier. In Wikando stecke eben viel mehr Arbeit als in einer simplen Website. "Wir sind einfach mit dem ersten Termin zu früh an die Öffentlichkeit gegangen."
Wenn Arbeit krank macht
Nicht zu viel auf einmal wollen: Das ist auch die Konsequenz eines Gründerseminars, das sie und ihr Mitgründer Peter Kral vergangene Woche besuchten. In einer Übung spielte ein Teilnehmer einen Jungunternehmer, der einen ganzen Sack voller Probleme mit sich herumschleppte, unter anderem auch gesundheitliche wie extreme Magenschmerzen und Schlaflosigkeit. Die anderen Teilnehmer übernahmen die Rolle von Beratern. Sie gaben Tipps zu USPs, zu Wettbewerbern und zur Finanzierung. Doch erst in der abschließende Beurteilung durch vier Psychologen fiel auf: Niemand hatte etwas zur Krankheit gesagt. "Das hat keiner wirklich ernst genommen", sagt Maier.
Ein heilsamer Schock. "Man muss auch mal ein bisschen Abstand nehmen, sonst verliert man sich", sagt sie: "Um das zu lernen, war das Seminar super." Dabei hatte ihnen der Termin anfangs gar nicht gepasst, so kurz vor dem Start der Seite. "Aber im Nachhinein war der Zeitpunkt genau richtig."
Wikando soll bald online gehen. Wie macht sich das in Ihrem Unternehmen bemerkbar?
Einerseits sind wir angespannt, und die Anstrengungen der letzten Monate machen sich langsam bemerkbar. Anderseits herrscht große Euphorie, die alles überwiegt. Wir können es jetzt kaum erwarten, den Startknopf zu drücken. Uns ist aber auch bewusst, dass damit gleichzeitig ein neuer Abschnitt für Wikando beginnt. Weg vom teilweise behüteten Büroalltag, hin zu anderen neuen Aufgabengebieten. Obwohl Wikando natürlich weiterentwickelt wird, verlagert sich der Schwerpunkt auf Marketing und Presse und Öffentlichkeitsarbeit.
Was war die größte Überraschung für Ihr Start-up?
Pünktlich zu unserem Start sind die erfolgreichen Markenanmeldungen von Wikando nach fast einem Jahr eingegangen. Wir hätten zum Start kein hundertprozentig gutes Gefühl gehabt, wenn es hätte passieren können, dass unser Name in Konflikt mit einer eingetragenen Marke steht und wir Wikando nicht hätten bewerben dürfen. Ein Patentanwalt hatte das im Vorhinein zwar schon geprüft, aber jetzt haben wir es Schwarz auf Weiß.
Geht gleich los. Wikando-Geschäftsführer Mirjam Maier und Peter Kral   Geht gleich los. Wikando-Geschäftsführer Mirjam Maier und Peter Kral
Gab es diesen Monat auch negative Erfahrungen?
Negative Erfahrungen gab es eigentlich nicht, aber durch unsere Tests gab es viel Feedback zu Wikando, das natürlich nicht nur positiv war. Vor allem ältere, nicht so computeraffine Tester haben einige Funktionen missverstanden oder sind mit der Benutzerführung nicht zurechtgekommen. Wir haben daraufhin einiges verbessert, was zum Teil mit großem Aufwand verbunden war. Was wir daraus gelernt haben: Man kann eigentlich nie früh genug beginnen zu testen beginnen und sich Meinungen von anderen einzuholen.
Wofür haben Sie am meisten Geld ausgegeben?
Das meiste Geld wurde für Workshops für die Optimierung und Skalierung von Wikando ausgegeben. Wir haben nach vier Monaten endlich einen Termin bei einem renommierten Dienstleister bekommen, der vorwiegend größere Unternehmen betreut. Das Warten und die Investitionen haben sich gelohnt, denn jetzt haben wir die Sicherheit, dass Wikando für den hoffentlich großen Ansturm gerüstet ist.
Was ist die größte Aufgabe im kommenden Monat?
Es ist endlich soweit. Nach einer ganzen Menge Arbeit und einer ausführlichen Testphase, werden wir im kommenden Monat die "Türen öffnen". Monatelang hat nun unser Team Wikando designt, entwickelt und realisiert. Wir sind sehr auf die Reaktionen gespannt und hoffen, dass sich bald viele Projekte, Privatpersonen und Unternehmen mit Wikando engagieren. An dieser Stelle möchten Peter und ich auch unserem Team danken: ohne euch wären wir jetzt nicht da, wo wir jetzt sind. Vielen Dank!
Die Fragen beantwortete Wikando-Geschäftsführerin Mirjam Maier
Schon wieder ein Preis für ein enable2start-Team. Nach Statista und Allyve ist nun auch Wikando ausgezeichnet worden. Beim Businessplanwettbewerb Schwaben belegten die Wikando-Gründer Mirjam Maier und Peter Kral den dritten Platz. Geld gibt's dafür nicht, aber - neben der Ehre - Coaching- und Beratungsstunden im Wert von 4500 Euro.
Wir wollen raus! Wikando-Gründer Mirjam Maier und Peter Kral   Wir wollen raus! Wikando-Gründer Mirjam Maier und Peter Kral
Die Termine mit den Beratern können sie sich frei aussuchen. Anders als für ein zweitägiges Exist-Seminar, das zum Teil des Stipendiums gehört, das die Wikando-Gründer erhalten. In der kommenden Woche sollen sie dort mehr über "Teambuilding und Gruppenarbeit" lernen.
Teilnahme ist Pflicht. Ein wichtiges Thema, meint Maier, "Aber der Termin ist für uns derzeit nicht optimal." Gut, strenggenommen gab es Alternativtermine. Aber die lagen kurz vor dem jetzigen. Und das hätte nichts geändert.
Start ohne Pauken und Trompeten
Denn bald wollen die Gründer ihr Portal starten. Sehr bald.
Noch schnell ein paar Feedbacks der Tester durcharbeiten.
Dann noch Mal um die 50 Projekte abtelefonieren, die bereits auf der Wikando-Warteliste stehen. Für die übernehmen die Gründer sogar die Registrierung. Schließlich sollen sie möglichst alle Möglichkeiten nutzen, die Wikando zur Selbstdarstellung bietet, beispielsweise Fotogalerien. Die Gründer hoffen auf den Nachahmereffekt. "Andere sollen sehen, was für ein Potenzial die Seite hat."
Und dann? Dann geht's los. Sagt Mirjam Maier. Ohne vorgeschaltete Marketing-Aktionen. Ohne große Pressekonferenz zum Start. Einfach so.
"Wir wollen jetzt endlich live gehen", sagt Maier: "Wir wollen raus und gucken, was passiert." Und wer weiß, vielleicht würde zu viel PR-Arbeit im Vorfeld einen Ansturm auslösen, dem man anfangs nicht gewachsen ist? Dann lieber etwas unauffälliger. Und dass gar nichts passiert, schließt Maier aus. Schließlich gebe es ja schon jetzt Aufmerksamkeit, in Form der Warteliste, in Form von Presseartikeln und Erwähnungen in Blogs: "Da draußen tut sich was."
Mirjam Maier ist so gut gelaunt wie lange nicht mehr. Ein Grund dafür: Wikando hat einen Namen. Einen Markennamen. Richtig mit Schutz und allem. Am Dienstag kam der Brief vom Deutschen Marken- und Patenamt mit der Bestätigung: Wikando eingetragen und geschützt.
Fast ein Jahr hatte der Vorgang gedauert. "Natürlich haben wir auch einen Patentanwalt das Ganze vorher prüfen lassen", sagt Wikando-Gründerin Mirjam Maier. Der war sich sicher, dass es keinen Ärger mit gleich oder ähnlich klingenden Firmen geben dürfte. "Aber es ist ein gutes Gefühl, es Schwarz auf Weiß zu haben."
Schaut mal, was los ist! Das Wikando-Team um Mirjam Maier (l.) und ...   Schaut mal, was los ist! Das Wikando-Team um Mirjam Maier (l.) und Peter Kral (2. v.r.)
Damit ist eine weitere Hürde vor dem baldigen Launch des Portals genommen. Und auch die Testphase nähert sich ihrem Ende. Inzwischen haben sich mehr als 20 Freunde und Bekannte des Teams registriert und nutzen die Beta-Version von Wikando. "Da ist richtig was los, die Leute schreiben sich auch untereinander", sagt Maier, sichtlich zufrieden.
Noch besser gefällt ihr, dass fast das gesamte Feedback zum Design und zum Registrierungsvorgang positiv ausfällt. Nur, dass man nach Anlegen des eigenen Profils noch einmal auf "Veröffentlichen" drücken muss, übersahen viele User. "Dabei ist das eigentlich ein ganz großer Knopf", sagt Maier grinsend. Trotzdem bleibe der Knopf. "Das ist ein Schutzmechanismus, damit nicht alles, was man einträgt, für jeden sichtbar ist."
Die ersten Spenden sind da
Die ersten sechs User haben sogar schon Geld für Hilfsprojekte gespendet, jeweils ein bis fünf Euro. Maier und ihr Gründungspartner Peter Kral hatten die Tester angehalten, erst nur kleine Beträge zu spenden. Erst wollten sie sicher sein, dass alle Online-Bezahlsysteme funktionieren. Sie tun es.
"Ich könnte den ganzen Tag auf unserer Seite verbringen und zugucken, wie sich die Leute anmelden", schwärmt Maier. Sehr bald erhielten auch die 370 Vertreter von Firmen und Hilfsprojekten sowie Privatleute, die sich teils vor Monaten bei Wikando anmeldeten, einen Zugang, sagt sie: "Wenn die durch sind, kann eigentlich nichts Großes mehr passieren."
Nur noch wenige Tage, dann geht Wikando online. Na ja, ein bisschen jedenfalls. Gegen Ende dieser Woche will das Charity-Portal eine Beta-Version freischalten. Auf die werden rund 60 User - Bekannte und Projektpartner - einen Zugriff haben.
Das soll ein letzter großer Test sein, bevor die endgültige Version von Wikando online geht. Was diesen Test von den vorhergehenden unterscheidet, bei denen Freunde und Bekannte in den Räumen des Start-ups sich probeweise auf der Seite registrierten? Es ist der Unterschied zwischen Selbstauskunft und Handeln. "Wenn wir so etwas in unserem Büro machen, stellen wir ja Fragen: Warum habt Ihr das jetzt so oder so gemacht?", sagt Gründer Peter Kral. Im Internet-Test hingegen könne man beispielsweise den Registrierungsprozess ungefiltert nachverfolgen: "Dann sehen wir ja, an welchem Punkt jemand abspringt."
Läuft alles? Mirjam Maier und Peter Kral starten einen Online-Test ...   Läuft alles? Mirjam Maier und Peter Kral starten einen Online-Test für ihr Portal
Hinzu kommt, dass in den Bürotests jeder User für sich allein agierte. "Das war eine isolierte Umgebung", sagt Kral, "jetzt sind auch Freunde online."
Und weil Wikando auch eine Community sein will, ist für Kral und seine Mitgründerin Mirjam Maier wichtig zu sehen, wie sich die User untereinander verhalten.
Getestet und für gut befunden
Letztendlich wird es um Details gehen, ist sich Kral sicher: "Die wichtigsten Punkte haben wir gelöst." Eine Einschätzung, die jetzt von unabhängiger Seite bestätigt wurde: Nach fast vier Monaten Wartezeit gab es für die Wikando-Programmierer den lang ersehnten Workshop mit Mitarbeitern eines Unternehmens, das unter anderem StudiVZ und die HypoVereinsbank in Server- und Softwarefragen berät.
Die Referenten gaben Tipps über Sicherheit, darüber, wie man durch "Caching" verhindert, dass ein Server auch bei vielen parallelen Nutzeranfragen nicht in die Knie geht, oder wie man am besten im laufenden Betrieb die Software überarbeiten kann. Und: Die Referenten hatten die Wikando-Seite schon im Vorfeld gründlich überprüft, erzählt Kral freudig: "Es sind keine groben Schnitzer drin." Überhaupt seien die Berater extrem gut vorbereitet gewesen. Sollten sie auch wohl besser sein - der Workshop kostete rund 2600 Euro. Viel Geld für das Augsburger Start-up, sagt Kral: "Aber das war es wert."
"Wir ackern in der letzten Zeit gut 100 Stunden in der Woche", sagt Mirjam Maier. "Wir wollen jetzt auch endlich online gehen und loslegen!" Zuletzt war das Projekt immer wieder ins Stocken geraten: Ihre Flyer-Aktion auf der Münchener Freiwilligenmesse ging schief, die Bewerbungsgespräche für die neuen Praktikanten nahmen viel Zeit in Anspruch und die Tests deckten immer wieder neue Schwachstellen im Programm auf.
Wikando-Gründerin Mirjam Maier   Wikando-Gründerin Mirjam Maier
"Die Personalfrage ist endlich geklärt, die Verträge sind unterschrieben", sagt Maier. Bereits Anfang der Woche wurde das Online-Marketing-Team verstärkt, im April kommt eine Festanstellung dazu. Sogar die drei Vollzeitstudenten, die wieder an die Fachhochschule zurückkehren, bleiben wenigstens als Teilzeitkräfte dem Projekt treu. Auch die Tests sind fast vollständig abgeschlossen. "Eine bunte Mischung von Probanden" klickten sich vor Ort durch die verschiedenen Features der Seite, im Anschluss gab es eine Nachbesprechung - pro Tester rund ein bis zwei Stunden lang. "So kann man genau nachvollziehen, welche Abläufe die User stören", sagt Maier.
Die letzten Fehler korrigieren
Einige der Tester hatten kaum Interneterfahrung, was es ihnen bereits zu Beginn schwer machte, sich überhaupt auf dem Portal anzumelden. "Es war sehr wichtig, die Probanden hier vor Ort zu haben und zu sehen, womit sie nicht zurecht kommen", sagt Maier. Resultat der Testphase: Verwirrende Features und komplizierte Abläufe im Menü wurden ersatzlos gestrichen.
Seit dem vergangenen Wochenende ist die Seite intern hochgestellt, heißt: noch nicht online verfügbar, aber auf dem besten Weg dahin. Diese Woche müssen noch Fehler korrigiert werden, kommende Woche müssen noch einmal Freunde und Bekannte zum Testen antreten. "Wir konnten die Dauer der Testphase kaum abschätzen", sagt Maier. Noch funktionieren einige Links nicht, geschriebene Wörter überlappen sich oder verschwinden aus dem Monitorsichtfeld und Bilder werden nicht angezeigt. "Für unsere Programmierer sind das nur noch Kleinigkeiten. Und Ende März geht es dann richtig los."
  • FTD.de, 03.06.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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