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Merken   Drucken   30.01.2012, 22:40 Schriftgröße: AAA

Quartalsreportage enable2start: Verschnaufpause

30.01.2012 - Smart Hydro Power: Ein Prototyp, jede Menge Bestellungen, die ersten Turbinen im Einsatz. Aber das Material der Turbinen schwächelt. Karl Kolmsee muss handeln. von Claus Hornung
Auf diesen Tag in Potsdam hatte Karl Kolmsee seit Monaten gewartet. Kurz vor Jahreswechsel hatten sie endlich einen Termin frei bei der Schiffbau-Versuchsanstalt. Der Institution, die simulieren kann, was die Natur in Deutschland nicht bietet: reißende Flüsse. Nur in ihrem 280 Meter langen Becken konnte Kolmsee herausfinden, wie sich sein Mini-Wasserkraftkraftwerk unter Extrembedingungen verhält. Ob Ver­ankerungen halten, sich die Rotoren immer noch drehen und weiterhin Strom durch die Kabel fließt. "Mit den meisten Ergebnissen waren wir zufrieden", sagt er. Aber die Turbine selbst hielt dem Druck nicht stand und verformte sich. Mangelnde Steifigkeit nennen das Ingenieure. Kein Grund zur Sorge. Aber ein Grund, um anzuhalten und Luft zu holen. "Wir treten jetzt erst mal auf die Bremse", sagt Kolmsee.
Legte ordentlich Tempo vor: Gründer Karl Kolmsee   Legte ordentlich Tempo vor: Gründer Karl Kolmsee
Bislang war das Tempo atemberaubend, in dem Kolmsee sein Unternehmen Smart Hydro Power vorangetrieben hat. Anfang April 2011 versammelt er am Isarkanal eine Gruppe von rund 50 Unternehmern, Energieexperten, Investoren und Journalisten. Ihnen führt er einen Prototyp seines Produkts vor: eine 300 Kilogramm schwere Turbine, die schwimmend oder stehend in Flüssen installiert wird und die Fließkraft in Strom umwandelt.
AUSGABEN, EINNAHMEN, KAPITAL, SCHULDENSTAND
Hier steht die Bilanz von Smart Hydro Power für Oktober bis Dezember 2011
In den Wochen danach steht das ­Telefon nicht still. Erst kommen Anfragen aus der ganzen Welt, dann ­Bestellungen. Sie kommen aus Malaysia, Kanada, Frankreich, Brasilien - meist von Kaufleuten, die das Mini-Wasserkraftwerk in ihren Ländern vertreiben wollen. Dabei gibt es zu diesem Zeitpunkt nach wie vor nur das eine Exemplar.
Und das müssen Kolmsee und sein Team noch optimieren. Im Starnberger See, der gleich neben dem Firmen­sitz in Feldafing liegt, ziehen sie die Turbine hinter einem Motorboot her, um zu sehen, wie sie sich bei stärkeren Strömungen verhält. Sie lernen, wie sie das Elektroniksystem besser aussteuern können, das den Strom in sauberen Wechselstrom umwandelt. Und sie beweisen, dass acht Menschen mit langen Stangen die Turbine tragen und wassern können.
Kolmsees ursprüngliche Planung sah vor, 2011 zehn Turbinen zu installieren und 2012 weitere 100 zu bauen. "Aber wir haben die Begeisterung für unser Produkt unterschätzt", sagt er, "und damit auch den Druck des Marktes, das Produkt auszuliefern." Also schraubt er seine eigenen Vorgaben hoch. 25 Turbinen einer Betaserie sollen noch 2011 installiert werden, ab Januar 2012 sollen monatlich 25 hinzukommen.
Am Starnberger See testete das Team, ob man die Turbine tragen kann   Am Starnberger See testete das Team, ob man die Turbine tragen kann
Im September liegen tatsächlich Bauteile für 20 Geräte in der Feldafinger Werkhalle. Ein Produktionsleiter soll den Zusammenbau der Geräte effizienter machen, System in die Bauteilregale bringen und herausfinden, welche Bauteile das Startup billiger einkaufen könnte. Im gleichen Monat wird die erste Turbine nach Indonesien ausgeliefert.
Kolmsee ist währenddessen schon beim nächsten Schritt angelangt: Er verhandelt mit Investoren über eine Beteiligung von rund 2 Mio. Euro. Geld, mit dem er vor allem weitere Produkte entwickeln soll.
Und er beginnt den deutschen Markt zu erobern. Nicht ganz leicht, denn die heimischen Ströme plätschern vergleichsweise ruhig dahin und sind für einen Einsatz der Tur­bine oft nicht geeignet. Nach monatelangem Suchen hat Kolmsees Team schließlich geeignete Stellen gefunden. Mit einem Investor entwirft Kolmsee ein zweites Geschäftsmodell. Der Investor finanziert mehreren Hundert deutschen Kunden den Kauf von Turbinen - und verdient dafür am verbrauchten Strom.
Das Material der Turbine hält extremen Belastungen nicht stand   Das Material der Turbine hält extremen Belastungen nicht stand
Auch in Peru geht es voran. Im Oktober installiert Kolmsees Team ein Kraftwerk im Amazonasgebiet. Die peruanische Regierung will die gesamte Region in den kommenden Jahren elektrifizieren - ein Absatzmarkt für Tausende von Turbinen. Dabei tauchen plötzlich Probleme auf. Die Floater, Hohlkörper, die die Turbine schwimmen lassen, reißen an einer Stelle auf und füllen sich mit Wasser. Kolmsees Ingenieure finden heraus, dass die Floater an einigen Stellen zu dünn sind. Obendrein fehlt an einer Kabelverbindung ein winziger Dichtungsring. Ein Fehler des Zulieferers. Kein großes Problem, kann man alles reparieren. "Aber wir müssen sicherstellen, dass so etwas nicht wieder vorkommt", sagt Kolmsee, "Wir waren zu lasch bei der Qualitätskontrolle unserer Lieferanten."
Als kurz darauf die Belastungstests in Potsdam zeigen, dass das Material der Turbine für extreme Belastungen nicht steif genug ist, weiß Kolmsee, dass er handeln muss.
Er tritt auf die Bremse. Ab ­Januar wird die Produktion neuer Kraftwerke eingestellt. In dieser Zeit entwickeln seine Ingenieure gemeinsam mit dem chinesischen Hersteller ein neues, steiferes Material für die Turbine. Für die meisten Kunden würde auch das bisherige Material reichen. "Wir reden hier über widrigs­te Bedingungen", sagt Kolmsee. "aber ich will keine Risiken eingehen." Im April will er die Testläufe abgeschlossen haben - und dann die Produktion langsam hochfahren, zunächst auf 15 Turbinen pro Monat.
Smart Hydro Power wird bis dahin kaum Geld einnehmen. Auch die Verhandlungen mit den Investoren liegen auf Eis. Darum wird Kolmsee die laufenden Kosten vorerst aus seinem Ersparten bezahlen. Er nimmt es locker. "Das halte ich so lange durch, wie ich von dem Geschäftsmodell überzeugt bin. Und das bin ich."
  • FTD.de, 30.01.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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