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Merken   Drucken   11.04.2010, 09:00 Schriftgröße: AAA

Cheffing: So steuern Sie Ihren Boss!

Die Zeiten von „Was der Chef sagt, wird gemacht!“ scheinen vorbei. Jeder Mitarbeiter sollte sich selbst auch als Führungskraft begreifen, sagen Experten. Sie raten Angestellten dazu, Einfluss auf ihren Vorgesetzten zu nehmen und aktiv zu werden. von Sabine Meinert (Hamburg)
Führung von unten ist das Motto der kommenden Jahre, ist Führungskräfte-Trainer und Organisationsberater Jürgen Spincke aus Hamburg überzeugt. Mitarbeiter dürften sich nicht länger als Opfer sehen, sondern die Beziehung zu ihrem Chef gestalten. Eben mit "Cheffing".
Wichtig: Dass Chef und Mitarbeiter im Gespräch bleiben   Wichtig: Dass Chef und Mitarbeiter im Gespräch bleiben
Gefragt ist ein produktiver Umgang mit dem eigenen Chef - konstruktiv und respektvoll, sagt Spincke. Analog zu erfolgversprechenden Methoden der Mitarbeiterführung, die Chefs empfohlen wird, sollte das Cheffing situativ und individuell erfolgen. "Wichtigster Punkt ist, sich erst einmal klar zu machen: Was ist mein Chef überhaupt für ein Mensch? Wie tickt der, was für Bedürfnisse, Ziele, Stärken, und Schwächen hat er? - Einfach um zu realisieren, mit wem man es eigentlich zu tun hat", sagt der Coach. Dabei gelte es, den Chef zu akzeptieren, wie er ist. Wohl der schwierigste Punkt.
Perfekter Boss - adé!
Spinckes Erfahrung ist: Mitarbeiter müssen in diesem Prozess viel lernen, da sie sich meist einen perfekten Vorgesetzten wünschen. Aber üblicherweise entspricht der reale Boss nicht dem Wunschbild. "Jeder Chef agiert im Rahmen seiner Möglichkeiten. Ihm das Gefühl zu geben, er sei nicht in Ordnung, kann für Mitarbeiter nicht der richtige Weg sein", sagt Spincke. Denn jeder Chef hat im Unternehmen mehr Macht als sein Angestellter, selbst wenn es an fachlicher Kompetenz mangeln sollte. Vielmehr gehe es um Respekt und wertschätzenden Umgang miteinander - in beide Richtungen.
Der Regelfall sei aber leider, dass Mitarbeiter in der Passivität versinken, sagt Spincke und gibt ein Beispiel, wie man Cheffing anwenden könnte. Wenn ein Vorgesetzter besonders entscheidungsunfreudig ist, könnte man - anstatt wochenlang abzuwarten - ihn ganz konkret um die Zusage bitten, die für ein Projekt gebraucht wird. "Außerdem sollte man sich fragen, ob man die Entscheidung selbst treffen könnte und sie dem Chef vorstellen, um ihn zu einer klaren Aussage zu bewegen. Flexible Strategien sind gefragt", sagt der Fachmann.
Win-Win-Situation
Berater sehen nichts Negatives an der Führung von unten. Davon können beide Seiten profitieren, so der Tenor. Allerdings hat Cheffing auch nichts mit Manipulation zu tun. Wer darauf aus ist, durch Tricks und Kniffe Vorteile zu erhaschen, wird meist schnell ertappt, so die Erfahrung.
Anwendbar ist das Cheffing überall, wo hierarchische Strukturen bestehen. Es gehe darum, positiv auf seinen Vorgesetzten einzuwirken und Führung nicht als Einbahnstraße zu begreifen, sagt Spincke, der auch Leiter des Qualifizierungszentrums für Führung und Management am Institut für berufliche Ausbildung und Fortbildung IBAF ist. Denn die Führungskräfte brauchen die Unterstützung von unten. "Ein Chef weiß auch nicht alles. Aber wo eine grundlegende Offenheit herrscht und ein Vorgesetzter sich von seinen Mitarbeitern geachtet fühlt, wird er vielleicht eher einen Rat von Team-Mitgliedern annehmen und von ihnen lernen." Fundierte Entscheidungen, so Spinckes Eindruck, kann ein Chef nur mithilfe und basierend auf der Arbeit seiner Mitarbeiter treffen. Passiert dies regelmäßig, ist es ein Vorteil für alle.
Persönliche Entwicklung
Wenn Chef und Angestellter streiten: hier eine Szene aus dem Film ...   Wenn Chef und Angestellter streiten: hier eine Szene aus dem Film "Free Rainer"
Für Mitarbeiter bedeutet das natürlich nicht, dass sie sich überall einmischen, den Chef in eine bestimmte Richtung drängen oder alle Interna der Geschäftsführung kennen müssten. "Man muss auch nicht immer alles verstehen. Es geht um soziale Kompetenz, um ein wertschätzendes Miteinander - und darum, sich persönlich im täglichen Umfeld weiterzuentwickeln", will der Berater vermitteln.
"Eigentlich führt jeder Mitarbeiter seinen Chef ständig. Auch unbewusst. Schließlich hinterlässt alles, was ich tue, einen bestimmten Eindruck und hat Auswirkungen. Selbst wenn ich immerzu klage und jammere, dränge ich meinen Vorgesetzten vielleicht zu bestimmtem Tun. Effektiver ist jedoch, bewusst aktiv zu werden - als Führender, selbst wenn man in der Position eines Geführten, also Mitarbeiters, ist. Das hilft dem Einzelnen, dem Team und dem Chef weiter", so Spincke.
  • FTD.de, 11.04.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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