Mikado
Sie sind heimtückisch und scheinen aus dem Nichts zu kommen - hier ein kleiner Stromausfall, da ein falsche Geste in die Kameras, dort eine unangemessene Gehaltserhöhung. Am Ende findet sich das Unternehmen in den Medien wieder, begleitet von dem Wort "Krise".
Rund 240 operative und kommunikative Krisen in deutschsprachigen Unternehmen zählt Frank Roselieb vom Institut für Krisenforschung in Kiel pro Jahr. Hinzu kommen knapp 40.000 bilanzielle Krisen, die meist in Insolvenz enden. Obwohl viele Problemsituationen vermieden werden könnten, erwischt es jede Woche neue Firmen.
Wenn Roselieb über sein Fachgebiet spricht, steht schnell die Frage im Raum: Warum gibt es überhaupt noch Krisen? Warum sind Siemens-Chef Klaus Kleinfeld, Deutsche-Bank-Vorstand Josef Ackermann und der ehemalige VW-Arbeitsdirektor Peter Hartz derart in die Bredouille geraten?
Denn was Roselieb an Tipps zum Besten gibt, klingt ausgesprochen logisch. Seine Ratschläge nehmen sich geradezu harmlos aus im Vergleich zu der Misere, die eintritt, wenn sie ignoriert werden.
Für Krisen gewappnet
Unternehmen können sich nach seinen Worten mit sechs Schritten gegen problematische Entwicklungen wappnen. "Erstens: Man muss sich in Datenbanken vergleichbare Unternehmen und Branchen ansehen, die in schwierige Situationen geraten sind. Zweitens: Man muss eine Infrastruktur für den Notfall schaffen. Wie etwa die Vorbereitung auf eine Rückrufaktion.
Drittens: Es muss die Bereitschaft geben, eine Krise zu erkennen. Dazu gehört die Pflege von Datenbanken. Viertens: Man muss den aktuellen Markt beobachten. Wer ihn kennt, weiß, was auf die eigene Firma zukommen kann. Fünftens: Man muss im Notfall Krisenkommunikation betreiben können. Sechstens: Man muss die Geschehnisse nachbereiten. Das umfasst Maßnahmen gegenüber Kunden und Mitarbeitern."
Warum die Schritte nicht so einfach umzusetzen sind, weiß Roselieb ebenfalls. Das Institut sammelt seit 1984 Material und hat verschiedene Gründe ausgemacht. "Viele Krisen werden gar nicht erkannt, weil die Wahrnehmung des Unternehmens eine andere ist als die Wahrnehmung der Öffentlichkeit", sagt er mit Blick auf den Stromausfall im vergangenen Winter.
Über mehrere Tage mussten 250.000 Menschen ohne Strom in Turnhallen und Schulen ausharren. RWE habe das als alltägliche Lappalie abgetan und unterschätzt, dass Strom für die Öffentlichkeit ein existenzielles Thema ist. Was Unternehmen wahrnehmen müssten, sei indes ganz unterschiedlich.
Problemfall Familienunternehmen
Tom Rüsen, der sich am Institut für Familienunternehmen an der Universität Witten-Herdecke mit dem Entstehen von Krisen in Familienunternehmen beschäftigt, sieht mangelnde Wahrnehmung von Veränderungen als Hauptauslöser. "Familienunternehmen nehmen Umbrüche im Markt nicht rechtzeitig wahr. Es werden Erfolgsrezepte aus Zeiten des Wirtschaftswunders fortgeführt."
Außerdem spielten emotionale Verhaltensweisen eine große Rolle. Starke Loyalität führt einerseits dazu, dass Familien und Mitarbeiter bei einer Liquiditätskrise bereit sind, mehr Zeit und Geld einzubringen als in anderen Unternehmen. Andererseits könnten notwendige Maßnahmen nur schwer durchgesetzt werden, weil etwa familiäre Querelen die Entscheidungsfähigkeit hemmen. "Mitunter sind die Entscheidungsträger psychologisch überfordert."
Dass Kleinigkeiten bei Konzernen zum großen Problem werden, liegt laut Roselieb zudem an mangelnder Echtzeitkommunikation. "Siemens hat sich im Fall von BenQ die Informationsführerschaft nehmen lassen." Dies habe dazu geführt, dass Gewerkschaften und sogar die Kirche das Wort ergriffen haben - um sich negativ über Siemens zu äußern.