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Merken   Drucken   15.12.2006, 14:00 Schriftgröße: AAA

Ein Fall für den Krisenstab

Viele Firmen erkennen problematische Situationen zu spät oder gar nicht. Dabei können sie negative Schlagzeilen recht einfach vermeiden, wenn sie sich an bestimmte Regeln halten - sagen Krisenforscher. von Kai Oppel
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Sie sind heimtückisch und scheinen aus dem Nichts zu kommen - hier ein kleiner Stromausfall, da ein falsche Geste in die Kameras, dort eine unangemessene Gehaltserhöhung. Am Ende findet sich das Unternehmen in den Medien wieder, begleitet von dem Wort "Krise".
Rund 240 operative und kommunikative Krisen in deutschsprachigen Unternehmen zählt Frank Roselieb vom Institut für Krisenforschung in Kiel pro Jahr. Hinzu kommen knapp 40.000 bilanzielle Krisen, die meist in Insolvenz enden. Obwohl viele Problemsituationen vermieden werden könnten, erwischt es jede Woche neue Firmen.
Wenn Roselieb über sein Fachgebiet spricht, steht schnell die Frage im Raum: Warum gibt es überhaupt noch Krisen? Warum sind Siemens-Chef Klaus Kleinfeld, Deutsche-Bank-Vorstand Josef Ackermann und der ehemalige VW-Arbeitsdirektor Peter Hartz derart in die Bredouille geraten?
Denn was Roselieb an Tipps zum Besten gibt, klingt ausgesprochen logisch. Seine Ratschläge nehmen sich geradezu harmlos aus im Vergleich zu der Misere, die eintritt, wenn sie ignoriert werden.
Für Krisen gewappnet Unternehmen können sich nach seinen Worten mit sechs Schritten gegen problematische Entwicklungen wappnen. "Erstens: Man muss sich in Datenbanken vergleichbare Unternehmen und Branchen ansehen, die in schwierige Situationen geraten sind. Zweitens: Man muss eine Infrastruktur für den Notfall schaffen. Wie etwa die Vorbereitung auf eine Rückrufaktion.
Drittens: Es muss die Bereitschaft geben, eine Krise zu erkennen. Dazu gehört die Pflege von Datenbanken. Viertens: Man muss den aktuellen Markt beobachten. Wer ihn kennt, weiß, was auf die eigene Firma zukommen kann. Fünftens: Man muss im Notfall Krisenkommunikation betreiben können. Sechstens: Man muss die Geschehnisse nachbereiten. Das umfasst Maßnahmen gegenüber Kunden und Mitarbeitern."
Warum die Schritte nicht so einfach umzusetzen sind, weiß Roselieb ebenfalls. Das Institut sammelt seit 1984 Material und hat verschiedene Gründe ausgemacht. "Viele Krisen werden gar nicht erkannt, weil die Wahrnehmung des Unternehmens eine andere ist als die Wahrnehmung der Öffentlichkeit", sagt er mit Blick auf den Stromausfall im vergangenen Winter.
Über mehrere Tage mussten 250.000 Menschen ohne Strom in Turnhallen und Schulen ausharren. RWE habe das als alltägliche Lappalie abgetan und unterschätzt, dass Strom für die Öffentlichkeit ein existenzielles Thema ist. Was Unternehmen wahrnehmen müssten, sei indes ganz unterschiedlich.
Problemfall Familienunternehmen Tom Rüsen, der sich am Institut für Familienunternehmen an der Universität Witten-Herdecke mit dem Entstehen von Krisen in Familienunternehmen beschäftigt, sieht mangelnde Wahrnehmung von Veränderungen als Hauptauslöser. "Familienunternehmen nehmen Umbrüche im Markt nicht rechtzeitig wahr. Es werden Erfolgsrezepte aus Zeiten des Wirtschaftswunders fortgeführt."
Außerdem spielten emotionale Verhaltensweisen eine große Rolle. Starke Loyalität führt einerseits dazu, dass Familien und Mitarbeiter bei einer Liquiditätskrise bereit sind, mehr Zeit und Geld einzubringen als in anderen Unternehmen. Andererseits könnten notwendige Maßnahmen nur schwer durchgesetzt werden, weil etwa familiäre Querelen die Entscheidungsfähigkeit hemmen. "Mitunter sind die Entscheidungsträger psychologisch überfordert."
Dass Kleinigkeiten bei Konzernen zum großen Problem werden, liegt laut Roselieb zudem an mangelnder Echtzeitkommunikation. "Siemens hat sich im Fall von BenQ die Informationsführerschaft nehmen lassen." Dies habe dazu geführt, dass Gewerkschaften und sogar die Kirche das Wort ergriffen haben - um sich negativ über Siemens zu äußern.
Ausbildung in Krisenmanagement Wenn solche Fehler gemacht werden, bleibt ein Unternehmen statistisch betrachtet 8,7 Tage in den Medien. Weil die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, unter rund 2,9 Millionen Firmen eine mit einer operativen oder kommunikativen Krise zu werden, spielt Krisenmanagement eine untergeordnete Rolle.
Dennoch hält Roselieb es für sinnvoll, bei der Ausbildung von Führungskräften das Thema Krisenmanagement zu behandeln. Bilanzielle Schwierigkeiten hingegen könnten dadurch vermieden werden, dass Unternehmen ihr BWL- und Controlling-Wissen richtig anwenden. Dass Krisen immer öfter Thema in Nachrichten sind, liegt laut Tom Rüsen daran, dass nicht ausreichend zwischen den Wörtern Krise, Problem und Konflikt unterschieden wird.
Ein Zitat von Max Frisch zeigt, dass es Schlimmeres gibt als Krisen - zum Beispiel Katastrophen. Und selbst die, wusste Frisch, sind weit weniger schlimm, als sie meist gemacht werden: "Die Natur kennt keine Katastrophen. Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt."

Die meisten Krisen treten freitags auf
Branchen Unter allen dokumentierten Krisenfällen von 1984 bis 2005 verzeichneten die Energie- und die Chemiewirtschaft mit 10,6 Prozent die meisten Vorfälle. Es folgte der Ernährungs- und Agrarbereich mit 8,3 Prozent. Der Anteil der Krisenfälle in der Branche Transport und Logistik betrug in diesen gut 20 Jahren 7,1 Prozent.
Ursachen Von 45 erfassten Krisenfällen waren 19,3 Prozent auf Produkt- und Produktionsfehler zurück zu führen. An zweiter Stelle folgte mit 18,9 Prozent das Fehlverhalten von Mitarbeitern (ohne Spitzenkräfte). Platz drei des Rankings belegten physische Großschäden wie Brand, Sturm oder Wasserschäden mit 13,6 Prozent.
Risikotage Mit 21,3 Prozent ist der Freitag der häufigste Krisentag. Zum Wochenende lassen Konzentration und Vorsicht deutlich nach. Dies gilt besonders für die Autobranche. Kritisch für den Lebensmittelbereich ist der Montag. Eine Ursache liegt in den Keimen, die sich bei mangelnder Hygiene über das Wochenende vermehren.
  • FTD.de, 15.12.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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