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Merken   Drucken   11.07.2011, 11:00 Schriftgröße: AAA

Emotions-Coaching: Wischen gegen den Stress

White-Collar-Boxing, Meditation, kreatives Gestalten oder Bogenschießen - es gibt viele Möglichkeiten, dem täglich wachsenden Jobstress-Monster zu begegnen. Manche Führungskraft versucht es mit der Wingwave-Methode. von Sabine Meinert 
Coach Cora Besser-Siegmund bewegt ihre Hand vor den Augen des 56-jährigen Managers hin und her. Dessen Augen folgen ihrem Arm, der wie ein Scheibenwischer von links nach rechts wedelt. Dann einmal tief ein- und ausatmen. Während der Mann noch einmal nachfühlt, zeigt sich: Die Gesichtszüge des Geschäftsmannes wirken deutlich entspannter als zu Beginn des Termins. Sein zuvor besprochenes Problem macht ihm nun keine Angst mehr, sagt er.
Coach Cora Besser-Siegmund   Coach Cora Besser-Siegmund
Schneller, sichtbarer Erfolg
Was zunächst wie ein Partyspiel oder suggestiver Trick klingt, hat einen ernsten Hintergrund: Emotions-Coaching. "Mit dieser Methode kann Leistungsstress schnell abgebaut werden, Kreativität und Mentalfitness steigen, Konflikte können entspannt abgearbeitet werden", sagt die Diplompsychologin, die zusammen mit ihrem Mann Harry Siegmund vor mehr als zehn Jahren die Wingwave-Methode entwickelte. Sie weiß: Der schnelle und sichtbare Erfolg überzeugt. Regelmäßig nutzen beispielsweise Manager des Volkswagen-Konzerns die Methode, um sich auf große Präsentationen vorzubereiten.
Mehr als 2000 Coachs weltweit, davon allein 1500 im deutschsprachigen Raum, helfen Führungskräften dabei, auf den Punkt genau ihre Leistung zu bringen, Blockaden abzubauen und vor allem ständig wiederkehrende Stresssituationen abzubauen. "Wir versuchen, mit einem gezielten Test punktgenau die Ursache des Stressauslösers zu finden, den Trigger zu erkennen. Der kann schon Jahrzehnte zurückliegen oder erst seit kurzer Zeit die mentale Verfassung stören und manchmal aus einem ganz unerwarteten Themenfeld kommen. Ist der Kern des Problems, sprich das Gefühl - Ärger, Wut, Unzufriedenheit - gefunden, simulieren wir mit den Winkbewegungen die Traumphase während des Schlafes, die Rapid-Eye-Movement-Phase. Dabei werden die beiden Gehirnhälften besser vernetzt und Unbewältigtes verarbeitet, die mentale Eigenregulierung angeregt, quasi die Emotions-Balance wieder hergestellt."
Denn, so Cora Besser-Siegmund, alles hängt an Emotionen: wenn Führungskräfte mit dem Team nicht zurechtkommen, Panik vor der Präsentation im Vorstand haben oder Jobprobleme auch nachts noch ewig wiederkäuen. Erlebt ein Manager beispielsweise ein unangenehmes Meeting, in dem er seinen Standpunkt nicht optimal vertreten kann, möglicherweise von anderen verlacht wird, dann verursacht das wenig erfreuliche Gefühle. Die Scham, sich blamiert zu haben, hinterlässt einen besonders negativen Beigeschmack und nervt. Kann dieser Zustand - während der normalen Schlafphasen - nicht abgebaut werden, führt das zu erneutem Stress vor jedem weiteren Meeting.
Alles wird bewertet, sortiert, verarbeitet
Hintergrund ist, dass sämtliche Sinneswahrnehmungen zunächst vom limbischen System, also emotional bewertet werden. Danach wird sortiert, welche Erinnerung in welchem Hirnbereich gespeichert, in welche Erfahrenswelt integriert oder eben aussortiert wird. Erst nach dem Abarbeiten aller Erlebnisse ist man gefühlsmäßig frei davon, auch wenn man sich noch an sie erinnert. Nur: Ab und zu treten bei der Verarbeitung Fehler auf. Die Emotionen können nicht mehr fließen und sorgen für Stress. Neue Informationen lassen sich dann immer schwerer verarbeiten, Schlafen bringt kaum noch Erholung. Die Leistungsressourcen werden aufgebraucht.
In diesen Fällen kann Wingwave helfen, sind Fachleute überzeugt. Üblicherweise fahnden sie mit Bausteinen aus dem Neurolinguistischen Programmieren (NLP) und einem Muskeltest aus der Kinesiologie zunächst nach der Ursache, später nach einem "Körperecho" für das Problem des Klienten. "Die unangenehmen Gefühle manifestieren sich bei jedem an irgendeiner Stelle des Körpers. Der Bodyscan kann zum Beispiel verspannte Schultern, Magendrücken, Enge im Brustkorb anzeigen. Lenkt man den Gefühlsfokus dorthin, kann die Wink-Sequenz Stress abbauen und Entspannung bringen. Wir fokussieren dann auf positive Zustände und Gedanken, ‚weben' Ziele und Vorstellungen in die Erlebniswelt der Manager ein", so die Psychologin Besser-Siegmund.

Was bedeutet Wingwave?
Der Wortteil Wing weist auf das englische Wort für Flügel hin. Es soll den Flügelschlag eines Schmetterlings symbolisieren, der auf der anderen Seite der Welt einen Sturm oder eine Klima-Änderung verursachen kann. Kleine Ursache, großer Effekt.
Wave soll an das englische Wort brainwave erinnern - sinngemäß für tolle Idee, Geistesblitz. Brainwaves gezielt auszulösen, ist das Ziel der Methode.

Wissenschaftliche Studien an Hochschulen in Hamburg, Hannover und Köln bestätigen den Erfolg. In nur drei Stunden können zum Beispiel Prüfungsängste nachhaltig abgebaut werden, so Forscher der Uni Hamburg. Eine Umfrage unter knapp 900 gecoachten Führungskräften ergab zudem, dass über 70 Prozent ihre Leistung mit der Wingwave-Methode stabilisieren und Stress massiv abbauen konnten. Die Wirkung hielt bei der überwiegenden Mehrheit mehr als ein halbes Jahr an. "Meist müssen wir ein Problem kein zweites Mal mit Wingwave angehen, eher einen zusätzlichen Aspekt, weil das Stressprofil sich geändert hat", sagt Besser-Siegmund.
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Lässt sich alles wegwinken?
Wingwave eignet sich nur für klar abgegrenzte, überschaubare Problemfelder und isolierte Blockaden wie Redehemmungen, Präsentationsangst, Leistungsstress. Ein Gesamtcoaching kann die Kurzzeit-Methode nicht ersetzen. Vielmehr sollte sie ein Baustein sein, den der Coach neben anderen einsetzt. Über Sprache und Kognition fokussiert Besser-Siegmund vor allem auf Gedanken- und Zeitmanagement, nutzt außerdem ein Training zur Konfliktstabilität.
"Innerhalb des Coachingprozesses sollte Wingwave ein Modul sein. Ein Stressthema lässt sich dann aber in zwei bis fünf Coaching-Stunden bearbeiten. Tritt nach kurzer Zeit keine Besserung ein, stößt die Methode an ihre Grenzen." Neben Managern mehrerer Luxemburger Großbanken und des Autobauers VW, die ihre Führungsaufgaben besser bewältigen wollen, nutzen vor allem auch Künstler und Profi-Sportler die Methode, um an ihrer Leistungsfähigkeit zu arbeiten.
Mehr Informationen unter: www.wingwave.com
  • FTD.de, 11.07.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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