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Merken   Drucken   24.09.2010, 11:00 Schriftgröße: AAA

Jobsuche: Das Für und Wider anonymer Bewerbungen

Bewerber für US-Orchesterstellen spielen hinter Vorhängen vor - damit Geschlecht, Alter und Aussehen keine Rolle bei der Auswahl spielen. Industrieunternehmen kopieren das Verfahren. Ein Grund ist der anstehende Fachkräftemangel. von Sabine Meinert 
Bewerben sich türkische und deutsche Jugendliche um einen Job, dann haben die Kandidaten mit fremd klingenden Namen weniger Chancen, ausgewählt zu werden. Das belegt eine Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) und der Universität Konstanz. Bewerber mit einem türkisch klingenden Namen werden beispielsweise deutlich seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Doch auch das Alter oder die Religionszugehörigkeit können die Chancen verschlechtern. Deshalb startet die Antidiskriminierungsstelle des Bundes diesen Herbst das einjährige Modellprojekt "Anonyme Bewerbung".
Bessere Chancen auf einen Job: mit deutschem Namen und christlichem ...   Bessere Chancen auf einen Job: mit deutschem Namen und christlichem Hintergrund
Ziel ist es, die Chancengleichheit wieder herzustellen, indem Angaben zu Nationalität, Alter, Geschlecht, zu Familienstand oder eben der Name weggelassen werden. Allein Leistung und Qualifikation sollen so im Vordergrund stehen und Basis für die Entscheidung für oder gegen einen Kandidaten sein. An dem Projekt beteiligen sich zunächst nur wenige Konzerne wie die Deutsche Telekom , L'Oréal , Deutsche Post , Procter & Gamble, außerdem der Erlebnis-Anbieter Mydays und das Bundesfamilienministerium.
Bewerber: Chance bis zum Gespräch gewahrt
Immerhin denken 40 Prozent Berufseinsteiger, dass solcherart anonymisierte Unterlagen Diskriminierung zunächst verhindern können, so eine Umfrage des Online-Karriereportals Monster.de. Doch 60 Prozent sind der Meinung: Spätestens im Bewerbungsgespräch ist es mit der Chancengleichheit vorbei. Ähnlich sehen das Berufseinsteiger in Österreich und der Schweiz.
Die IZA-Studie zeige aber, dass die Ungleichbehandlung in kleineren Unternehmen am stärksten ausgeprägt sei, so Marcus Riecke, Geschäftsführer Central Europe bei Monster Worldwide. Der Statistik zufolge sinkt bei einem türkischen Namen die Chance auf ein Vorstellungsgespräch in kleineren Unternehmen um 24 statt den üblichen 14 Prozent. "Gleichzeitig leiden diese Unternehmen am meisten unter dem drohenden Fachkräftemangel. Die anonyme Bewerbung kann also eine große Chance für all diejenigen Bewerber sein, die mit ihrer Qualifikation überzeugen, aber aufgrund von Alter, Nationalität oder Geschlecht im Bewerbungsprozess unter Umständen vorab ausscheiden."
Konkret: Vor allem Migranten, Frauen nach der Babypause und Ältere könnten bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt bekommen, so Fachleute. Doch das Modellprojekt soll auch den Firmen helfen. Denn die auf Vorurteilen basierende Diskriminierung stelle nicht nur ein gesellschaftspolitisches Problem dar, sondern auch einen Verzicht auf wirtschaftliche Effizienz und somit einen Wohlfahrtsverlust, so das IZA.
Nichts Neues für Projekt-Probanden
Innerhalb des Projekts sollen die Unternehmen ein standardisiertes Bewerbungsformular entwerfen, das nur objektive Informationen über den Kandidaten enthält. Er soll eine Bewerbernummer erhalten, die zur Identifizierung im Auswahlprozess dient. Die richtigen Unterlagen sollen erst dann zugänglich sein, wenn feststeht, wer eingeladen wird.
Bisher noch üblich: Klassische Bewerbungsschreiben mit Namen, ...   Bisher noch üblich: Klassische Bewerbungsschreiben mit Namen, Daten, Unterschrift
Doch schon die geringe Zahl der Projektteilnehmer zeigt: So richtig begeistert ist die Wirtschaft nicht. Und für die, die mitmachen, sind anonymisierte Unterlagen im Personalauswahlverfahren nichts Neues. Procter & Gamble arbeitet in Frankreich schon lange so, Post und Telekom in den USA. Auch L'Oréal und Mydays sind nicht unbeleckt.
Es mag daran liegen, dass bisher unklar ist, wie anonym die Papiere sein müssen, um den Ansprüchen der Projektmacher zu genügen. Müssen weibliche Berufsbezeichnungen geändert, Zeugnisse von Schulen im Ausland geschwärzt und Daten von länger zurückliegenden Berufsstationen gelöscht werden, um ja keinen Hinweis auf Geschlecht, Herkunft oder Alter zu geben?

Teil 2: Welche Vorbehalte nichtbeteiligte Unternehmen haben.

  • FTD.de, 24.09.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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