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Merken   Drucken   19.07.2007, 13:01 Schriftgröße: AAA

Mehr Frauen, bitte!

Friseurin, Arzthelferin, Erzieherin sind klassische Frauenberufe. Leider sind es auch Jobs, in denen Karrieresprünge schwer fallen. Dabei braucht Deutschland auch weibliche Köpfe an der Spitze von Industrie und Wissenschaft, sind sich Politik und Arbeitsmarkt-Experten einig. Frauen in Forschung und Technik werden deshalb verstärkt gefördert. von Sabine Meinert (Hamburg)
Die EU hat 2007 zum "Europäischen Jahr der Chancengleichheit" ausgerufen. Sie will die Vielfalt als positiven Wert vermitteln und die Chancengleichheit für alle fördern. In Deutschland sieht es da eher mau aus: Frauen finden sich derzeit in keinem einzigen Dax-Vorstand, nur 25 Prozent der Führungskräfte in obersten deutschen Leitungsebenen sind bisher weiblich, in Großkonzernen sind es sogar nur vier Prozent. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie lässt weiter zu wünschen übrig. Und: Frauen verdienen noch immer deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen - rund 22 Prozent beträgt der Rückstand, so aktuelle EU-Zahlen. Nur in Estland, Zypern und der Slowakei sind die Einkommensnachteile von Frauen derzeit noch größer.
Ist es für Frauen mit vergleichbarer Qualifikation schwieriger in ...   Ist es für Frauen mit vergleichbarer Qualifikation schwieriger in Toppositionen aufzusteigen als für Männer?
Dabei legen inzwischen mehr Mädchen als Jungen das Abitur ab, die Zahl der Studentinnen an deutschen Universitäten ist momentan höher als die der männlichen Kommilitonen. Im Schnitt glänzen Frauen während der Ausbildung mit besseren Noten. Und nach einer Arbeitsmarktstatistik stellen Frauen inzwischen rund 45 Prozent der Arbeitskräfte.
Pfade in die Wissenschaft weisen
Die EU unterstützt seit Herbst vergangenen Jahres deshalb zum Beispiel das europaweite Projekt SET-Routes. Es soll Mädchen und junge Frauen ermutigen, sich bereits im Schulalter für Naturwissenschaften, ein Ingenieurstudium oder eine Technik-Karriere zu entscheiden. Gleichzeitig wollen die Initiatoren jungen Wissenschaftlerinnen Wege in die Führungspositionen aufzeigen. Mit gerade mal knapp 15 Prozent an Universitäts-Professorinnen braucht Deutschland hier noch kräftig Unterstützung. Zum Vergleich, in Finnland oder der Türkei sind bereits über 20 Prozent der Professoren weiblich.
Einer der Organisatoren der Initiative SET-Routes ist das Europäische Laboratorium für Molekularbiologie in Heidelberg (EMBL). Johanna Scheuermann schreibt dort ihre Doktorarbeit zum Thema Alzheimersche Erkrankung. Sie war schon frühzeitig fasziniert von den vielen kleinen "Wundern", die man in Lebewesen antrifft - angefangen von Pantoffeltierchen aus der elterlichen Regentonne bis hin zur Aufzucht von Papageien.
Jugend forscht und weiter
Johanna Scheuermann erforscht die molekularen Grundlagen von Alzheimer   Johanna Scheuermann erforscht die molekularen Grundlagen von Alzheimer
"Obwohl ich noch viele andere Interessen hatte, habe ich die Begeisterung für Naturwissenschaften behalten. Daher habe ich mich für biologische Forschung entschieden, als wir in unserem Abiturjahr die obligatorische Facharbeit zu absolvieren hatten. Ich habe in einem Labor gearbeitet, in dem Osteoporoseforschung betrieben wurde, und lernte, wie man Knochen- und Gewebezellen unter dem Mikroskop charakterisiert. Mit dieser Arbeit habe ich am "Jugend forscht"-Wettbewerb teilgenommen und sehr unerwartet zwei Preise gewonnen", berichtet die junge Wissenschaftlerin.
Die Motivation durch den Preis war so groß, dass sie ihr Studium darauf ausrichtete und heute forscht, um den Menschen zu helfen. Für das Projekt SET-Routes wirbt Johanna Scheuermann inzwischen auch in Schulen dafür, dass Mädchen es ihr nachtun. "Ich mag meine Arbeit sehr, weil sie sehr frei, eigenverantwortlich, und geistig fordernd ist. Als Wissenschaftler passiert es einem schnell, dass das gegenwärtige Projekt gewissermaßen ein Teil von einem selber wird - das kann natürlich anstrengend sein, aber auch sehr erfüllend."
Wie es für technisch oder naturwissenschaftlich begabte Studentinnen weitergeht, versucht SET-Routes mit den so genannten Uni-Botschaftern zu zeigen. Gestandene Forscherinnen informieren ihre potenziellen Nachfolgerinnen darüber, was nach dem Examen auf sie zukommt. Die Botschafterinnen teilen ihre Erfahrungen mit dem Nachwuchs und versuchen so, Mut zu machen, auch ungewöhnliche Berufskarrieren ins Visier zu nehmen.
Hat ihre Freude an Technik zum Beruf gemacht: Ivonne Mathis von ...   Hat ihre Freude an Technik zum Beruf gemacht: Ivonne Mathis von Ferchau Engineering
Technik - keine Hürde
Wie gefragt begabte Frauen sind, zeigt der Fall von Ivonne Mathis. Die 26-Jährige hat eine Ausbildung als technische Zeichnerin und ein Aufbaustudium zur Maschinenbautechnikerin hinter sich. Heute arbeitet sie beim Engineering-Dienstleister Ferchau. Die Firma beschäftigt Entwickler und Konstrukteure, Hard- und Softwareprofis sowie Projektmanager, um technische Lösungen für die verschiedensten Unternehmen zu erstellen.
Ivonne Mathis ist nach ihrer Ausbildung von Ferchau übernommen worden und bearbeitet eigene Projekte. Für eine aktuelle Weiterbildung erhält sie sogar finanzielle Unterstützung. Technik-Begabung hängt nicht vom Geschlecht ab, so die Devise des Unternehmens. "Bei der Wahl unserer Mitarbeiter machen wir keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Bei Ferchau zählen deshalb fachliche Kompetenz und Persönlichkeit. Gute Leute haben bei uns immer eine Chance", sagt Iris Recktenwald, Personalreferentin der Ferchau Niederlassung Saarbrücken.
Hydraulik entwerfen, konstruieren, installieren
Heute arbeitet Mathis an hydraulischen Steuerblocks für Grünfutteranlagen. Dafür konstruiert sie am Computer, entwirft ein 3-D-Modell, überwacht die Installation. Was relativ trocken klingt, ist für die junge Frau eine echte Denksportaufgabe: "Jede Anlage, jede Ausgangssituation ist anders, man muss also immer umdenken. Es ist ein bisschen wie ein Rätsel: Man muss so lange knobeln, bis es eine Lösung gibt. Und wie das dann passiert, das fasziniert mich."
Bei der Berufswahl hat für Mathis lange Zeit die Technik eher nicht im Vordergrund gestanden, doch nach einem Praktikum als Arzthelferin war ihr klar: Das ist nichts für mich. Wie gut, dass da - neben sportlichen Hobbys - noch diese Neugier auf Technik war. "Schon als Kind hab ich mal ein Spielzeug-Elektroboot auseinander genommen. Ich wollte einfach wissen, wie es funktioniert. Als ich es dann wieder zusammengesetzt habe und es tatsächlich wieder fuhr, war ich echt stolz", sagt die Technikerin.
Spaß und Interesse helfen beim Lernen
Ob als Mädchen oder als Junge müsse man etwas finden, was einem Spaß mache, so die Erfahrung der jungen Frau. Denn das Interesse sorgt dafür, dass man effektiv lerne - und das bringe wirklich weiter. Für Mathis heißt das, dass sie noch einmal draufsattelt. Künftig will sie sich als technische Betriebswirtin beweisen. Das eröffnet weitere berufliche Möglichkeiten, zum Beispiel im Vertrieb.
Und auch wenn sie noch eine von wenigen Frauen in der Branche ist, akzeptiert fühlt sich die Maschinenbautechnikerin schon. Obwohl die Hürden für einen beruflichen Aufstieg durchaus noch spürbar und Männer-Netzwerke kaum zu durchbrechen sind. Gäbe es mehr Frauen in technischen Berufen, wäre es sicher leichter, vermutet Ivonne Mathis. "Auf Zickenkriege kann ich verzichten", lacht sie. "Aber eine gute Mischung wäre schon wünschenswert. Schon allein, weil Männer umgänglicher, lockerer, ja auch ruhiger werden, wenn Frauen ein Team bereichern."
  • FTD.de, 19.07.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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