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Merken   Drucken   05.06.2007, 10:55 Schriftgröße: AAA

Neue Berufe: Der Wissens-Scout

Wer sich weiterbilden und beruflich auf dem Laufenden bleiben will, greift häufig nach Fachliteratur. Doch welche Zeitschrift, welches Buch ist das richtige? Das umfangreiche Wissen ganzer Branchen wird neuerdings von Spezialisten gefiltert, die als Scout im Informationsdschungel agieren. von Sabine Meinert (Hamburg)
Dicke Bücher bieten viel Lesestoff, Datenbanken offerieren aber ...   Dicke Bücher bieten viel Lesestoff, Datenbanken offerieren aber oft spezifischeres Wissen
Maschinen- und Anlagenbau, Informations- und Fahrzeugtechnik, Medizintechnik, Betriebsführung und -organisation - als Ingenieur kann man unmöglich alle Felder im Auge behalten, auch wenn man das häufig angemahnte lebenslange Lernen ernst nimmt. Seminare und Workshops können häufig nur einen kleinen Überblick geben und tragen zur Lösung eines Problems nur wenig Konkretes bei.
Fachinformationszentren bieten deshalb Datenbanken, in denen spezifisches Wissen recherchiert werden kann. Gefüttert werden diese von so genannten Informations-Fachreferenten. Damit sich nicht jeder Wissenschaftler oder Ingenieur selbst durch die zahlreichen Fachzeitschriften wühlen muss, übernehmen sie den Part, das Wichtige, das Wissenswerte, das Qualitätsreichste zu finden und für die Datenbank aufzubereiten.
Der "Wissensfilterer"
Manfred Jaksch ist so einer. Längst arbeitet er nicht mehr in seinem Beruf als Maschinenbau-Ingenieur. Zusammen mit seinen sieben Kolleginnen und Kollegen im Fachinformationszentrum Technik e. V. (FIZ Technik) in Frankfurt am Main liest er pro Jahr etwa 1600 Zeitschriften, flöht Fachbücher, Internetportale und Newsletter nach brauchbaren Informationen durch, filtert Interessantes aus Serien, Dissertationen und Forschungsberichten.
Manfred Jaksch ist einer der Wissens-Scouts beim FIZ Technik   Manfred Jaksch ist einer der Wissens-Scouts beim FIZ Technik
Logisch, dass er ein Schnell-Leser ist. Einer, der nicht schmökert, sondern blitzschnell überfliegt, wo die relevanten Informationen zu finden sind, wem sie hilfreich sein und in welchem Part der Datenbank sie Nützlich-Ergänzendes bieten könnten. Danach müssen die Quellen-Angaben erfasst werden. Ein Stab an freien Mitarbeitern hilft Jaksch, die Informationen weiter zu bearbeiten, eine Zusammenfassung zu schreiben, Schlagworte zu finden und den Text einem passenden Sachgebiet zuzuordnen.
Monatlich 4600 Anfragen
Die Arbeit der Fachreferenten ist gefragt, bestätigt Rainer Pernsteiner, Projektleiter bei FIZ Technik. "Für das Sachgebiet, für das Manfred Jaksch zuständig ist, haben wir pro Monat zwischen 4600 und 4800 Anfragen. Früher waren das eher die großen Unternehmen, heute sind es auch mittelständische Betriebe, Forschungseinrichtungen und kleinere Ingenieurbüros. Die können die Kollegen inzwischen auch sehr gut bedienen."
Um ein Problem zu lösen, geben Kunden zunächst eine Frage beim Suchportal GetInfo ein. Das ist ein Gemeinschaftsprojekt, der Technischen Informationsbibliothek Hannover (TIB), des FIZ Karlsruhe, das sich vor allem mit Mathematik- und Physikwissen beschäftigt, des FIZ Chemie in Berlin und eben des FIZ Technik in Frankfurt/Main. Das Projekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, verbindet die Kunden mit der passenden Datenbank. Der Fragende bekommt in Sekundenschnelle lösungsrelevante Treffer angezeigt und kann gegen Gebühr aus den vorgeschlagenen Texten auswählen. "Viele Firmen organisieren inzwischen sogar einen Teil ihren Wissensmanagements über unsere Datenbanken", so Pernsteiner.
Kein gerader Weg
Etwa 300 Informations-Fachreferenten gibt es derzeit in der Bundesrepublik. Einen definierten Ausbildungsweg gibt es für diesen Beruf allerdings nicht. Ein ingenieurwissenschaftliches Studium wünschen sich Jaksch und Kollegen von einem Neueinsteiger meist. Dazu die Fähigkeit, sachlich zu formulieren und gut abstrahieren zu können. Wer hier arbeite, müsse sich in die Lage des Suchenden begeben und Fakten auch in einem verschwurbelt formulierten, komplizierten Text erkennen können. Außerdem zählen Kontaktfreudigkeit - häufig müssen Autoren noch einmal kontaktiert werden - und Berufserfahrung, wissen die FIZ-ler.
Neugier gefragt: Welche neuen Ideen bringen den Maschinenbau ...   Neugier gefragt: Welche neuen Ideen bringen den Maschinenbau vorwärts?
Jaksch erhofft sich noch mehr: "Neugier muss man haben und echten Spaß daran, Informationen zu bündeln. Wir sind quasi diejenigen, die das umfangreiche Ingenieurswissen für die Kollegen filtern und auf Qualität prüfen. Da muss man schon eindringen wollen in die Materie - dafür braucht man Interesse an Informationsverarbeitung, Fachwissen und gute Englisch-Kenntnisse, denn auch hierzulande wird vieles in Englisch veröffentlicht." Außerdem besteht eine intensive Kooperation mit den Kollegen von Inspec, einer ähnlichen Datenbank in Großbritannien.
"Am Ball bleiben" wurde zum Beruf
Jakschs Spezialgebiet ist die Fertigungstechnik, außerdem alles, was im Maschinenbau mit Motoren, Turbinen, Werkzeugmaschinen und der Bearbeitung von Materialien zusammenhängt. Schließlich hat er mal in der Verpackungsindustrie und später in der Fertigungssteuerung gearbeitet. Da er schon immer an Neuem und Wissenswertem interessiert war, versuchte er, auch fachlich am Ball zu bleiben. Den Informationsdienst des FIZ Technik hatte er daher lange selbst abonniert, die Datenbank brachte ihn bei manchem Projekt weiter. Als dort ein neuer "Wissensfilterer" gesucht wurde, bewarb er sich schließlich. Heute ist er der Leiter der Datenbasen-Produktion.
Die Umstellung von der Arbeit im Unternehmen auf das Managen von Informationen fiel ihm nicht so leicht, gibt Jaksch zu. "Manchmal wäre es heute nicht so schlecht, mal wieder in die Praxis zu schnuppern. Aber dann packt's mich wieder und ich überlege, wie man Prozesse aus einem anderen Fachbereich gewinnbringend für eine Lösung im Maschinenbau einsetzen könnte. Und vor allem, welche Informationen dafür nützlich sein könnten."
Cross-over-Wissen gefragt
Beispiele für solche Überkreuz-Anwendungen finden sich inzwischen überall: Nanotechnologie wird bei Textilien als Fleckenverhinderer eingesetzt. Elektronische Steuerungen, wie sie die Flugzeugindustrie seit Jahren anwendet, werden inzwischen für Lkw oder Pkw getestet, um Auffahrunfälle zu verhindern. Oder Untersuchungen, mit denen Mediziner Knochen- und Gewebestrukturen am Bildschirm sichtbar machen, finden sich nun auch bei Werkstoffen wieder - zum Beispiel, um Materialermüdung zu erkennen.
Im FIZ Technik geht es für die Fachreferenten daher nicht nur um Datenaufbereitung und -verwaltung, sondern vor allem darum, Weitsicht zu entwickeln, Trends zu erkennen. "Jeder einzelne unserer Mitarbeiter muss deshalb den Blick nach vorn richten und ein Gespür dafür entwickeln, was wird wichtig für die Industrie", sagt Pernsteiner. Nur wissenschaftlicher Bücherwurm zu sein, reiche nicht.
Allerdings: Wer nicht gern liest, ist als Informations-Fachreferent wohl eher nicht so gut aufgehoben. Jaksch hebt sich die Schmankerl sogar manchmal für den Nachhauseweg auf - eine besonders gute Maschinenbau-Abhandlung oder ein fesselnder Fachartikel, den er dann ohne Zeitdruck und mit Muße in der Bahn liest. Allerdings schafft es manchmal auch ein Prosa-Band in seine Jackentasche. "Sonst wird es wohl doch zu einseitig", schmunzelt er.
  • FTD.de, 05.06.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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