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Merken   Drucken   20.06.2007, 16:50 Schriftgröße: AAA

Neue Berufe: Kriminologe M.A.: Sherlock Holmes´ Nachfolger

Wer schon als Kind lieber "Detektiv" als "Vater, Mutter, Kind" gespielt hat und nun eine Karriere anstrebt, die über die Arbeit auf einer Polizeiwache hinausgeht, hat jetzt die Chance dazu: Die Universität Hamburg bietet ab Herbst einen Master of Arts in Kriminologie an. Der berufsbegleitende Studiengang richtet sich auch an Juristen, Sozialpädagogen und Psychologen. von Sabine Meinert (Hamburg)
Sherlock Holmes ist ein Trendsetter - für die Kriminologie zumindest. Er war - obwohl der Kriminalist nie gelebt hat - einer der ersten, der seine Fälle nicht nur durch Zeugenbefragungen und Fahndungsaktionen, sondern vor allem durch genaue Beobachtung und nüchterne Schlussfolgerungen löste. Sein Erfolgsgeheimnis war, dass er seine Fälle analytisch-rational durchdachte und gesellschaftliche Tendenzen und Veränderungen einbezog.
Die Markenzeichen des Detektivs Sherlock Holmes: Deerstalker-Hut ...   Die Markenzeichen des Detektivs Sherlock Holmes: Deerstalker-Hut und Pfeife
Ähnliches findet sich auch in der Kriminologie wieder, die jedoch als "Wissenschaft des Verbrechens" mehr an den Ursachen für Kriminalität interessiert ist, als an der direkten Aufklärung von Delikten, weiß Kriminologin Bettina Paul. "Die Kriminologie beschäftigt sich mit Fragen wie: Was ist überhaupt kriminell? Und was ist vielleicht nur non-konformes Verhalten? Was ist ein Rechtsbruch? Welche neuen Phänomene in der Kriminalität gibt es? Wie kann der Staat darauf reagieren?"
Paul koordiniert für den neuen Hamburger Studiengang die Lehre und ist selbst Dozentin dort. "Normalerweise beschäftigen sich Polizisten und Juristen mit ähnlichen Fragen bereits in ihrer Ausbildung - aus der Sicht ihres Fachgebiets. Wir bieten jedoch einen interdisziplinären Ansatz. Deshalb ist der Kriminologie-Master auch für Mitarbeiter der sozialen Dienste sowie der Jugend- und Sozialarbeit geeignet, außerdem für Richter, Rechtsanwälte, Strafvollzugsbeamte. Auch Psychologen oder Lehrer finden hier eine adäquate Weiterbildung. Interessant könnte unser Angebot auch für Medienvertreter und Kommunalpolitiker sein", ist sich die Kriminologin sicher.
Zwei Semester plus Masterarbeit
Voraussetzung für das 18-monatige Angebot ist ein abgeschlossenes Fach-/Hochschulstudium und mindestens ein Jahr Berufserfahrung. Innerhalb von zwei Semestern absolvieren die Teilnehmer neun Module zu Themen wie Strafrechtssoziologie oder Kontrollpolitik. Jeweils zwei Präsenztagen an einem Wochenende folgen vier- bis fünfwöchige Online-Phasen, in denen mithilfe von Lernplattformen und Lehrbriefen selbstständig gearbeitet wird. In Internet-Foren diskutieren die Teilnehmer die aktuellen Themen, später werden die Texte dazu in Klein-Gruppen nachbearbeitet. Ein Kontakt zu den Dozenten, darunter der derzeit berühmteste deutsche Kriminologe Professor Fritz Sack, ist jederzeit per E-Mail möglich. Etwa 17 Stunden in der Woche sollte man einplanen, dazu sechs Monate für die abschließende Masterarbeit.
Dr. Bettina Paul, Kriminologin an der Universität Hamburg   Dr. Bettina Paul, Kriminologin an der Universität Hamburg
"Geeignet ist das Studium für alle, die über den Tellerrand hinausblicken wollen. Der Einblick in andere Arbeitsbereiche, den wir durch die Teilnehmer aus unterschiedlichsten Berufen bieten können, ermöglicht es, später spezifischer zu agieren, Aufgaben mit neuen Herangehensweisen und Arbeitsstrukturen zu bewältigen", sagt Paul.
Fragen aus dem täglichen Berufsleben
Praxisorientierung und täglich auftauchende berufliche Fragestellungen finden sich zuhauf, ist Pauls Erfahrung. "Das Thema Stalking wird uns sicher noch lange beschäftigen. Derzeit steht die Frage im Fokus, wann unerbetene Aufmerksamkeit von Fremden tatsächlich Stalking ist. Reichen dafür drei Anrufe? Oder Sex-Delikte: Früher war sexuelle Gewalt gegenüber Frauen kein Grund für eine Anzeige. Wie kommt es, dass wir Sex-Delikte inzwischen anders beurteilen? Und mit den Theorien zu Internet- und Wirtschaftskriminalität stehen wir erst am Anfang."
Paul, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kriminalistik arbeitet, hat selbst zum Drogenschmuggel promoviert - aus Sicht des Zolls. Nur ein Beispiel, wie man aus einem anderen Blickwinkel auf ein Thema schauen kann. Aktuell ist ihrer Meinung nach besonders interessant, was für alternative Sanktionen der Staat bei Rechtsbrüchen anwenden kann. Und auch Gewaltprävention und Mediation, zum Beispiel in Schulen und Stadien, rücken aus aktuellem Anlass immer stärker in den Fokus. "Das sind spannende Fragen für Soziologen wie für Polizisten oder Juristen. Und dieses Interdisziplinäre bieten wir als einzige in Deutschland in unserem Studiengang", sagt Paul.
Bekannter Kriminologe sorgt für Schlagzeilen
Christian Pfeiffer ist Direktor des Kriminologischen ...   Christian Pfeiffer ist Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen
Wie viel Aufmerksamkeit ein Kriminologe mit seiner Arbeit erreichen kann, beweist der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, immer wieder. So löste der Wissenschaftler, der mehrere Jahre niedersächsischer Justizminister war, einen Proteststurm mit einer Studie aus, nach der die hohe Ausländerfeindlichkeit in Ostdeutschland ein Resultat der autoritären Erziehung in DDR-Kindertagesstätten sei.
Nur kurze Zeit später untersuchte Pfeiffer die Relation zwischen hohem Medienkonsum und Gewalttätigkeit und stellte fest: Killerspiele erhöhen die Gewaltbereitschaft. Viel Fernsehen lässt die schulischen Leistungen von Jugendlichen sinken, was Kritikern zufolge im Gegensatz zu seiner ersten Untersuchung steht. Um der Gewalttendenz entgegenzuwirken, empfahl Pfeiffer die Zahl der Ganztagsschulen auszubauen - und bleibt damit seit Jahren ein gefragter Diskussionspartner und Gutachter.
Aufstieg sichern mit Masterabschluss
Das neue Kriminologie-Studium in Hamburg verschafft den Absolventen die Möglichkeit, sich in relativ kurzer Zeit für Leitungsaufgaben zu qualifizieren, zum Beispiel für den höheren Dienst in der Polizei oder als Abteilungsleiter im sozialen Dienst. Auch der Quereinstieg wird dadurch möglich: Wer beispielsweise beim Landes- oder Bundeskriminalamt arbeiten will, eine Aufgabe in der kriminologischen Forschung oder im Innenministerium anstrebt oder in die Lehre an einer Polizeihochschule einsteigen will, hat damit beste Chancen.

Der Studiengang Kriminologie M.A. an der Universität Hamburg beginnt im Oktober 2007. Bewerbungsschluss ist der 1. Juli. Mehr Informationen unter: www.kriminologie.uni-hamburg.de/wbmaster/ Der Studiengang wird außerdem auf der Langen Nacht der Weiterbildung an der Uni Hamburg am 22. Juni vorgestellt.
  • FTD.de, 20.06.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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