FTD.de » Management + Karriere » Karriere » Praktische Praktika

Merken   Drucken   21.09.2007, 14:00 Schriftgröße: AAA

Praktische Praktika

Es gibt Praktika, und es gibt "le stage". Dieses einzigartige System aus Brückensemestern, die mit Firmenpraktika gefüllt werden, ist bei den französischen Grandes Écoles Teil der Masters-Kurse. von Andrew Baxter (London)
"Frankreichs Grandes Écoles wurden von Unternehmen entwickelt", sagt Patrice Houdayer von EM Lyon. "Von Anfang an bestand also ihr Hauptziel nicht darin, einfach nur akademische Fähigkeiten aufzubauen, sondern auch darin sicherzustellen, dass die Absolventen gut auf die Unternehmen vorbereitet sind. Es ist uns in Fleisch und Blut übergegangen, dafür zu sorgen, dass unsere Studenten der Geschäftswelt viel Potenzial bieten."
Zeitpunkt, Länge und Ausgestaltung variieren, aber im Allgemeinen absolvieren die Studenten bis zu drei Praktika während oder unmittelbar im Anschluss des akademischen Programms.
Nicht nur Hineinschnuppern
Zuhörer eines MBA-Kurses in Frankreich   Zuhörer eines MBA-Kurses in Frankreich
Bei der HEC Paris beispielsweise sind vor einem Abschluss 30 Wochen Praktikum oder ein Jahr Berufserfahrung vorzuweisen. Fast alle Studenten nehmen zwischen dem zweiten und dem dritten Studienjahr eine einjährige Auszeit, während derer sie bis zu drei Praktika durchlaufen.
Entwickelt wurde der französische Ansatz vor 20 Jahren, um die Interessen von Arbeitgebern, Studenten und Lehrkörper gleichermaßen zu bedienen, sagt Delphine Manceau, die bei ESCP-EAP das Grande-École-Programm leitet: "Die Studenten hatten bei kurzer Laufzeit Probleme, wirklich interessante Praktikumsplätze zu finden, die ein gutes Maß an Verantwortung boten. Bei zwei oder drei Monaten bleibt gerade Zeit, die Kultur und die Abläufe des Unternehmens zu begreifen, dann ist es auch schon vorbei", sagt sie.
Firmen sind Normalpraktika zu kurz
Unternehmen sahen ein zweimonatiges Praktikum als reine Beobachtungsperiode an, während derer die Studenten keine Verantwortung übernehmen und nicht an Entscheidungen beteiligt sein sollten. Die Professoren dagegen wünschten sich, dass die Studenten länger in den Unternehmen blieben, um ihre Erfahrungen dann ins Studium einbringen zu können. Dies sollte die Kurse für Studenten und Lehrer interessanter machen. In längeren Praktika können Studenten viel mehr erreichen, als nur das Gelernte auf praktische Probleme anzuwenden.
"Sie tragen in den Unternehmen echte Verantwortung und können prüfen, ob die Laufbahn, die sie einschlagen wollen, gut für sie ist oder nicht", sagt Manceau.
Wo muss ich besser werden?
Als weiteren Vorteil führt Houdayer an, dass die Studenten eine Vorstellung davon bekommen, welche Fähigkeiten sie entwickeln sollten. Ein Student stellt bei seinem ersten Praktikum möglicherweise fest, dass ihm für das Markenmanagement notwendige Finanzfähigkeiten fehlen. Nach seiner Rückkehr in die Schule kann er die Wissenslücken gezielt schließen. "Mit 'le stage' erhält man spezifisches Wissen, über das man ansonsten nicht nachgedacht hätte", sagt Houdayer.
Bei der Jobsuche erweist sich die Berufserfahrung aus den Praktika als Wettbewerbsvorteil gegenüber vielen Mitbewerbern anderer Universitäten, sagt Françoise Quédeville-Marmey, akademische Leiterin an der Business School Essec.
Eine der Grandes Ecoles: Die ESSEC   Eine der Grandes Ecoles: Die ESSEC
"Das wichtigste Praktikum ist das am Ende der Lernphase", sagt sie. "Für die Unternehmen ist es eine Prüfung, ein Test vor der Einstellung." Dieses Jahr wurden von Quédeville-Marmeys Studenten fast 60 Prozent von den Firmen übernommen, bei denen sie ihre abschließenden Feldstudien durchgeführt hatten.
Unternehmen bieten von selbst Praktika
In Frankreich ist das Stage-System inzwischen ein so fester Bestandteil, dass jeder Schule tausende Praktikumsplätze in den großen französischen Unternehmen angeboten werden. Einige große Finanzdienstleister bieten bis zu 1000 Praktikumsplätze jährlich.
Die Beweggründe der Firmen liegen auf der Hand: So wie die Studenten ihre Möglichkeiten ausprobieren können, haben auch die Firmen die Möglichkeit, jeden ausführlich zu testen, sagt Houdayer. Dank ihrer Erfahrungen und ihres Wissens lassen sich Absolventen schnell eingliedern, sagt Philippe Labrousse, Karriereberater beim Essec-Mastersprogramm.
Missbrauch eingeschränkt
Natürlich lässt sich ein Missbrauch des Systems nicht vermeiden. Praktikanten erhalten im Normalfall nicht so viel Geld wie normale Angestellte, sodass sich einige Unternehmen nur zu gerne mit günstigen Arbeitskräften eindecken und bis zu einjährige Praktika anbieten, auf die kein Jobangebot folgt. In einigen Fällen ist der Kontakt zum Management auf das Allernötigste beschränkt, und die letzte Aufgabe besteht darin, drei Wochen lang den Nachfolger einzuarbeiten.
2006 hat die Regierung Maßnahmen ergriffen, die den Missbrauch einschränken sollen. Die neuen Bestimmungen geben der Weiterbildung des Studenten mehr Gewicht und nehmen die Firmen stärker in die Verantwortung. Die Dauer der Praktika wird auf sechs Monate begrenzt.
Manceau glaubt, dass Stage-System könne außerhalb Frankreichs stärker Fuß fassen, wenn der Master of Sciences europaweit mehr Akzeptanz genieße. In einem Aspekt ist "le stage" bereits international, denn Schüler der Grandes Écoles reisen teilweise weltweit für ihr Praktikum. Der Einsatz findet dann jedoch meist in Ablegern französischer Konzerne statt oder bei multinationalen Firmen, die mit dem französischen System vertraut sind.
  • FTD.de, 21.09.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
enable2start+Gründerszene
  • Neue Software: Die Orderbird-Kasse schwärmt aus

    Orderbird erweitert seine Kassen-App. Die neue Version verbindet alle Geräte eines Restaurants und fasst ihre Umsätze in einem einzigen Tagesbericht zusammen. Zur Belohnung fliegen die Gründer mit allen Mitarbeitern nach Portugal. mehr

  14.05. Wissenstest Kennen Sie Nordrhein-Westfalen?

NRW hat einen neuen Landtag gewählt. Das Land zwischen Rhein und Weser hat viele Eigen- und Besonderheiten. Was wissen Sie über das größte deutsche Bundesland?

Mit welchem Versprecher erlangte die WDR-Moderatorin Carmen Thomas zweifelhafte Berühmtheit?

Wissenstest: Kennen Sie Nordrhein-Westfalen?

Alle Tests

  24.05. Kopf des Tages Sergio Marchionne - Der Puzzlemeister
Kopf des Tages: Sergio Marchionne - Der Puzzlemeister

Der Fiat-Chef hat den kleinen Autokonzern durch die Fusion mit Chrysler vor dem Untergang gerettet. Doch das reicht nicht. Nun holt er auch noch Mazda dazu mehr

 



  •  
  • blättern
MANAGEMENT

mehr Management

GRÜNDUNG

mehr Gründung

RECHT + STEUERN

mehr Recht + Steuern

KARRIERE

mehr Karriere

BUSINESS ENGLISH

mehr Business English

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote