Bilderserie: Die 25 Top-Businessfrauen Europas
Dass sie das Potenzial dafür besitzt, hat sie bewiesen. Seit drei Jahren führt Botín die Banco Español de Crédito, kurz Banesto. Das Institut wickelt das Privatkundengeschäft der Grupo Santander ab und gilt als Kronjuwel des Konzerns. Ohne Banesto wäre Santander innerhalb Spaniens nur halb so groß. Ihre Bilanz ist beeindruckend: In diesem Jahr wird Banesto den Gewinn um 20 Prozent steigern. Banestos Kreditgeschäft mit der vom spanischen Immobilienboom getriebenen Bauwirtschaft und das Geschäft mit Darlehen für kleine und mittelständische Unternehmen wachsen im zweistelligen Bereich. In den ersten neun Monaten 2005 stieg der Nettogewinn um 16,2 Prozent auf 440,4 Mio. Euro.
Welt aus Zahlen und Fakten
Vorweisbare Zahlen, greifbare Fakten - das ist Ana Botíns Welt: "Es fällt mir schwer, über Dinge zu urteilen, die sich nicht in Zahlen ausdrücken lassen", sagt die zierliche 45-Jährige. Zumindest im Berufsleben hat ihr das bisher nicht geschadet. Seit der Übernahme der britischen Hypothekenbank Abbey National durch Santander im vergangenen Herbst hat diese Aussicht an Gewicht gewonnen: Ana Botín könnte einmal als erste Frau eine der weltweit größten Banken führen.
Übersicht: Die 25 Top-Businessfrauen Europas
So überzeugte sie auch die Jury des Rankings der "25 Top-Businessfrauen Europas", das zum zweiten Mal gemeinsam von der FTD und der FT erstellt wurde. "Sie verfügte schon in jungen Jahren über ausgezeichnete internationale Erfahrungen und ist schnell vorangekommen", urteilt Mitglied John Grumbar, der Vorstandsvorsitzender der Personalberatung Egon Zehnder ist: "Ihre Begabung, Teams zu bilden, Menschen zu motivieren und strategische Gelegenheiten beim Schopf zu ergreifen, hat die Jury überzeugt." Botín sei "brillant, ausdauernd und eine der innovativsten Persönlichkeiten in Europas Finanzbranche", lobt auch Jurymitglied Robert Tornabell, Finanzprofessor und ehemaliger Dekan der Business School Esade in Barcelona.
Ana Botín schätzt den unnahbaren Auftritt. Sie trägt elegante Hosenanzüge und hat stets sorgfältig frisierte Haare. Hartnäckig halten sich Gerüchte, jeden Tag gegen 13 Uhr habe sie einen Termin bei ihrer Stylistin.
Ehrgeizig und leistungsbereit von Kind an
Was nicht bedeutet, dass Botín selbst nicht hart zupacken kann. Dass die Bank inzwischen 217.000 Firmenkunden zählt, ist unter anderem ihr Verdienst. Persönlich warb sie Weinhändler, Boutiquenbesitzer oder Schmuckfabrikanten in ganz Spanien an. Die Bankerin ist heute in Andalusien, morgen in Bilbao und hat auf den Fahrten fast unablässig das Handy am Ohr. Sie spricht schnell, ist eloquent in ihrer Muttersprache und in vier Fremdsprachen, darunter Deutsch.
Ana Patricia Botín - von ihren Mitarbeitern ehrfürchtig Ana P. genannt - wurden seit frühester Kindheit zwei Dinge vermittelt: Ehrgeiz und Leistungsbereitschaft. Für ihren inzwischen 71-jährigen Vater ist nur das Beste gut genug. Der Name verpflichtet. Es war ihr Urgroßvater Emilio Botín I., der die Banco Santander Ende des 19. Jahrhunderts aufbaute, indem er den Reichtum der nordspanischen Hafenstadt Santander aus den Geschäften mit Amerika verwaltete.
Die Führung des Instituts blieb seither in den Händen der Familie, obwohl sie zunächst lediglich drei Prozent und seit der Abbey-Übernahme nur noch zwei Prozent der Aktien hält. Dass die Botíns dennoch vier Mandate im Verwaltungsrat der Bank beanspruchen, halten britische Investoren für nicht gerechtfertigt. Die automatische Weitergabe des Zepters von Emilio Botín an seine Tochter erst recht nicht.
"Ich habe meinen Beruf von der Pike auf gelernt. Mir wurde nichts geschenkt", betont Ana Botín und ärgert sich über Kritiker, die ihre Karriere ihrer Herkunft zuschreiben. Bei einer Pressekonferenz antwortete sie auf die Frage nach ihrer Abstammung: "Frag' ich Sie, ob Ihr Vater ein guter Journalist war?"
Tatsächlich startete die Bankerin ihre Karriere von weit unten. Trotz bester Schulausbildung und Harvard-MBA begann sie als einfache Angestellte bei JP Morgan in New York. Ihr klangvoller Familienname hatte jenseits des Atlantiks kein Gewicht. Sie wurde der Abteilung für Staatsanleihen zugewiesen. "Damals war JP Morgan weltweit eine der besten Banken, für die man arbeiten konnte. Ich musste mich mit Kollegen aus aller Welt messen." Die Belohnung blieb nicht aus: Mit 25 war sie stellvertretende Leiterin des Lateinamerika-Geschäfts.