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Merken   Drucken   30.10.2008, 11:00 Schriftgröße: AAA

Theorie und Praxis: Die Harvard Business School und die Krise

Unbeeindruckt von den Turbulenzen an den Finanzmärkten diskutiert die ehrwürdige Business-Schule auf ihrer Hundertjahrfeier über die eigene Rolle bei der Lösung des Problems. von Stefan Stern
In den zurückliegenden Wochen wurde an den weltweiten Finanzmärkten weiter wie wild Wert geschaffen und sofort wieder vernichtet. In Paris und Washington bemühten sich Staats- und Regierungschefs verzweifelt, aus dem Chaos eine neue Finanzordnung aufzubauen. Die Zukunft des Kapitalismus selbst schien infrage zu stehen.
Und am Stadtrand von Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts nippten an einem goldenen Sonntagabend Alumni der Harvard Business School (HBS) bei klassischer Musik Champagner und schwärmten von anno dazumal. Das Motto des Abends hätte "Welche Krise?" lauten können.
Die Kritiker überlebt
Junge und jung gebliebene Harvard-Studenten waren zusammengekommen, um das 100-jährige Bestehen der HBS zu feiern. Gegründet wurde die Schule 1908 als "heikles Experiment" ("zum Scheitern verurteilt" auf Akademisch), so der derzeitige HBS-Dekan Jay Light, doch sie hat die meisten Kritiker überlebt. Kein noch so begabter Harvard-Absolvent hätte allerdings vorhersehen können, dass der "Weltwirtschaftsgipfel" zum 100. Jahrestag der Schule mit dem dramatischsten Beben in der Finanzwelt seit Generationen einhergehen würde.
Blick auf den Campus der Harvard University, zu der die Harvard ...   Blick auf den Campus der Harvard University, zu der die Harvard Business School gehört
Man müsste schon aus Stein sein, um über dieses pikante zeitliche Aufeinandertreffen nicht amüsiert zu sein: Hier in der geistigen Heimat der Herren des Universums konnten die Ehemaligen nur zusehen, wie eben dieses Universum Gefahr lief zu implodieren.
Die Turbulenzen schienen so gar nicht ins Arkadien der HBS zu passen. Die Business School wurde in den 20er-Jahren in Boston auf Sumpfland erbaut und erstreckt sich mit 33 Gebäuden auf über 16 Hektar. Seit Jahrzehnten kommen die besten Studienabsolventen an die HBS, um den so wichtigen Passierschein für eine Karriere bis ganz an die Spitze zu erhalten: den Harvard-MBA.
Fallstudien als Markenzeichen
Die HBS bietet eine ernsthafte rigorose Wirtschaftsausbildung. Kernelement dabei ist die Fallstudie, eine kondensierte Geschichte zu einem bestimmten Strategieproblem, mit dem es Unternehmen und Organisationen zu unterschiedlichen Zeitpunkten in der Vergangenheit zu tun hatten.
Die Studierenden müssen sich auf die Diskussion über die Fallstudien gründlich vorbereiten. Bei der Benotung konzentrieren sich die HBS-Dozenten auf Leistungen und Beiträge der Studierenden während des Unterrichts. Dieser Aspekt ist mindestens so wichtig wie die zu schreibenden Klausuren. So erlernen die HBS-Absolventen zu analysieren und für eine Sache einzutreten, also eben die Fähigkeiten, die von künftigen Arbeitgebern so geschätzt werden. Es ist eine "Lernerfahrung, keine Lehrerfahrung", sagt Dekan Light. Studierende und Dozenten sollten voneinander lernen. Hier werden Freundschaften und Verbindungen geknüpft, die ein Leben lang halten.
HBS-Absolventen waren dabei
Führt diese Hochdruck-Lernmethode nicht aber auch zu einer gewissen Vermessenheit? Zweifellos sind sich die meisten HBS-Absolventen bei Verlassen der Schule sehr wohl ihres eigenen Werts und ihrer Fähigkeiten bewusst. Sie wurden nicht zum Scheitern ausgebildet. Ebenso zweifellos steht fest, dass HBS-Alumni im Zentrum der Welt des Investmentbanking und der Strategieberatung mitgewirkt haben - den beiden Bereichen, denen nun vorgeworfen wird, das weltweite Finanzsystem an den Rand des Zusammenbruchs geführt zu haben.
In seiner Eröffnungsrede ging Light auf diesen Vorwurf ein. Mit Hinblick auf die aktuellen Marktturbulenzen räumte er ein: "Keiner von uns hat erkannt, wie sehr sich das System verändert hatte." Gleichzeitig stellte er der HBS diese Herausforderung: "Wir müssen Teil der Lösung sein."
Einige Ehemalige waren sofort mit Lösungsvorschlägen zur Stelle. John Doerr, Wagniskapitalgeber für die Hightech-Branche, sagte, eine neue Herangehensweise an die Wirtschaft sei gefordert. "Man kann ein Rettungspaket für die Wirtschaft schnüren, aber nicht für die Umwelt", sagte er. "Amerika hat sich von China Geld geliehen, um im Nahen Osten Öl zu kaufen, das es verbrennen kann. Dieses Modell 'Leihen, Kaufen, Verbrennen' muss sich ändern." Das war die nüchternste Herausforderung, die während der Veranstaltung von orthodoxen HBS-Jüngern geäußert wurde.
Mahnte, etwas für die Welt zu bewirken: Historikerin und ...   Mahnte, etwas für die Welt zu bewirken: Historikerin und Uni-Präsidentin Drew Gilpin Faust
"Ein Unterschied für die Welt"
Nur zwei prominente Redner der Konferenz erwähnten auch die Gefolgsleute, also die Leute, die die eigentliche Arbeit leisten: Drew Faust, die Präsidentin der Universität von Harvard, und Orit Gadiesh, Chefin der Beratungsfirma Bain & Company. Faust fügte der HBS-Leitlinie einen wichtigen Zusatz hinzu: Die Führungskräfte der Zukunft sollten einen Unterschied in der Welt - und für die Welt - bewirken, sagte sie.
Die aktuelle Krise hat die Stimmung an der HBS nicht gedrückt, aber die Schule gab sich auch nicht so prahlerisch wie in den vergangenen Jahren. Es gibt viel zu tun. Wer führen und wer folgen wird, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.
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