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Merken   Drucken   11.04.2008, 13:04 Schriftgröße: AAA

Tür für Familienfremde öffnet sich

Familienunternehmen stellen immer öfter auch externe Führungskräfte ein - häufig jedoch nur notgedrungen. Denn es fehlt an Nachfolgern aus den Gründerfamilien. Eine Studie untersucht die Situation in deutschen Firmen. von Sabine Meinert
Jedes vierte Unternehmen rechnet inzwischen damit, dass es mehr externe Führungskräfte an der Spitze der eigenen Firma geben wird. In jeder zweiten Gründerfamilie sieht man sogar ein, dass es ohne familienfremde Manager in Toppositionen künftig nicht mehr gehen wird. Nur jedes zehnte Familienunternehmen erwartet, dass in Zukunft mehr Familienmitglieder die Chefsessel besetzen werden. Das zeigt die Erhebung "Fremdmanager in Familienunternehmen" der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC). Für die Studie wurden Führungskräfte von fast 120 deutschen Familienunternehmen befragt.
Die wichtigste Erkenntnis aus der Umfrage: Die Skepsis gegenüber den Familienfremden ist weiterhin groß. "Einerseits ist den Unternehmen bewusst, dass sie auf Professionalität und Know-how externer Führungskräfte auf Dauer nicht verzichten können, andererseits fürchten sie den Verlust der Familienidentität", sagt Norbert Winkeljohann, Leiter des Bereichs Mittelstand bei PwC.
Wie groß ist der Familieneinfluss?
In immerhin 70 Prozent der befragten Familienunternehmen stehen derzeit noch Mitglieder oder Nachfahren der Gründerfamilien an der Spitze. Allerdings ist der Familieneinfluss längst nicht so hoch wie es scheint. Nur in etwa jedem vierten Unternehmen sind die Top-Positionen ausschließlich mit Familienmitgliedern besetzt.
Eine von wenigen: Antje von Dewitz übernimmt in Kürze das ...   Eine von wenigen: Antje von Dewitz übernimmt in Kürze das väterliche Familienunternehmen Vaude
Bei 40 Prozent der beleuchteten Firmen haben zumindest überwiegend Familienmitglieder das Sagen. In ebenso vielen Unternehmen gibt es gemischte Führungsgremien, in denen die Externen überwiegend die Fäden in der Hand haben. Nur in 15 Prozent der Unternehmen hält sich die Familie ganz aus dem Top-Management raus.
Je größer, desto mehr "Fremde"
Klar wird: Je größer das Unternehmen und je mehr internationale Geschäfte es abwickelt, desto öfter werden externe Manager engagiert. So dominieren sie die Führungsspitze in fast zwei Dritteln der befragten Unternehmen, die mehr als 500 Mitarbeitern beschäftigen. Allerdings sehen besonders kleinere Firmen die Notwendigkeit, sich mit externen Chefs zu verstärken.
Wo sich Externe bereits etabliert haben, stellen sie die Eigner-Familien meist auch zufrieden - wenn man nach konkreten Erfahrungen fragt. Insgesamt zeigt sich jedoch eine kritische Grundhaltung. Jede dritte Gründerfamilie sieht die Fremdmanager sogar negativ.
Notwendigkeit? - Notlösung!
Die übergroße Mehrheit (80 Prozent) der Familienunternehmen sieht den Einsatz der externen Führungskräfte schlichtweg als Notlösung. Vertrauen könne man sowieso nur der Familie, so ist weitgehend die Meinung. Die PwC-Experten machten einen regelrechten Kulturkonflikt aus. Die Gründerfamilien würden im Zweifel eher Wert auf Traditionen legen als auf Börsenwert-Maximierung, stellten sie fest. Die Angst vor einem langfristigen Identitätsverlust durch externe Top-Manager sei sehr stark in den Familienunternehmen verwurzelt, hieß es.
Die Folge: Das Misstrauen der Eigner schreckt so manche Führungskraft inzwischen ab, bei Familienunternehmen in Top-Positionen anzuheuern. 40 Prozent der familienfremden Manager ist bereits heute überzeugt, junge Führungskräfte hätten in börsennotierten Unternehmen und Großkonzernen bessere Chancen. Viele glauben zudem, in Familienunternehmen zähle die Kompetenz eines Managers nicht halb so viel wie die Zugehörigkeit zur Familie.
Ablehnung macht Jobs unattraktiv
PwC-Vorstand Norbert Winkeljohann sieht eine ablehnende Haltung ...   PwC-Vorstand Norbert Winkeljohann sieht eine ablehnende Haltung gegenüber familienfremden Managern
Der zunehmende Führungskräfte-Mangel erfordere ein Gegensteuern, da die Firmen fehlendes Know-how durch die Rekrutierung externer Top-Leute ausgleichen müssten. "Die Beschränkung auf Familienmitglieder wahrt zwar die Identität des Familienunternehmens, im Zweifelsfall jedoch zu Lasten der Wettbewerbsfähigkeit", warnt Winkeljohann.
Dieser Gefahren werden sich jedoch immer mehr Familienunternehmer bewusst - und längst nicht erst, wenn die Firmen-Übergabe am mangelnden Interesse der eigenen Sprösslinge scheitert. So initiieren zahlreiche Unternehmen im Südwesten der Bundesrepublik regelmäßig den "Karrieretag Familienunternehmen", um junge Fach- und Führungskräfte zu rekrutieren. Gleichzeitig sollen Absolventen von Hochschulen und Berufsakademien für eine Karriere in Familienunternehmen interessiert werden.
Interessante Einstiegs- und Aufstiegsmöglichkeiten, flache Hierarchien, kurze Entscheidungswege und die zunehmende Internationalisierung der Familienunternehmen sind für zahlreiche Berufseinsteiger gute Gründe, eine Führungsaufgabe bei einer familiengeführten Firma anzustreben. Die Unternehmen können zudem mit Werten wie Kontinuität, Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung punkten. Sie können so Bewerber interessieren und sich im Erfolgsfall ihren Chef-Nachwuchs selbst heranziehen. Häufig werden für den Einstieg sowohl Stellen am Hauptstandort, im Ausland und im strategischen Bereich angeboten.

Für die PwC-Studie "Fremdmanager in Familienunternehmen - Gratwanderung zwischen Professionalisierung und Identitätswahrung" wurden Top-Manager von 118 deutschen Familienunternehmen befragt. Zwei Drittel agieren international, der Rest ist ausschließlich im Inland aktiv. Knapp 50 Prozent der Unternehmen erzielt ein Ergebnis von bis zu 50 Mio. Euro pro Jahr. Jedes Dritte verbucht Erlöse von über 80 Mio. Euro. Mehr Informationen unter: www.pwc.de
Auf dem "Karrieretag Familienunternehmen" am 30. Mai 2008 präsentieren sich in Bielefeld 21 Unternehmen. Die Veranstaltung auf dem Geländer der Goldbeck GmbH wird organisiert vom Entrepreneurs Club und der Stiftung Familienunternehmen. Mehr Informationen unter: www.karrieretag-familienunternehmen.de
  • FTD.de, 11.04.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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