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Merken   Drucken   04.02.2010, 16:50 Schriftgröße: AAA

ZEW-Studie: High-Tech-Gründer werden älter

Jung und frisch von der Uni – wer sich so den klassischen Gründer vorstellt, liegt in Deutschland eher falsch. Unternehmensgründer – vor allem in High-Tech-Branchen – sind im Schnitt 36 Jahre alt. Doch die Älteren gehen dafür immer öfter in die Selbständigkeit, zeigt eine aktuelle Analyse. von Sabine Meinert 
Rund 38 Prozent der Deutschen, die ein eigenes Business gründen, sind zwischen 25 und 35 Jahre alt. Etwa 33 Prozent sind sogar noch bis zu zehn Jahre älter. Aktuell sind weniger als 25 Prozent der Unternehmenseinsteiger im Hochtechnologiebereich jünger als 32, so aktuelle Daten des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung ZEW, die in Zusammenarbeit mit Microsoft Deutschland erhoben wurden. Damit ist der deutsche Durchschnitts-Gründer ein Mittdreißiger.
High-Tech-Gründungen in Deutschland auf dem Tiefpunkt   High-Tech-Gründungen in Deutschland auf dem Tiefpunkt
Georg Licht, Leiter des Forschungsbereichs Industrieökonomik und Internationale Unternehmensführung am ZEW: "In den zurückliegenden 15 Jahren haben wir einen stetigen Anstieg des Gründeralters beobachtet. Bei Jungunternehmern, die eine Software-Idee verwirklichten, kletterte der Schnitt von 34 auf etwa 37 Jahre, bei Gründern, die in die Forschung einstiegen, von 39 auf rund 43 Jahre und Technologie-Gründer sind nun durchschnittlich knapp 42."
Damit wird das Bild vom blutjungen, wagemutigen Gründer über den Haufen geworfen. Und: Die Gründungsneigung der Älteren steigt - immerhin ist jeder 20. sogar älter als 55 Jahre. Allerdings kann das die Zurückhaltung der Jüngeren nicht ausgleichen. Insgesamt wagen sich inzwischen viel zu wenige in die Selbständigkeit, warnt ZEW-Forscher Licht. "Die High-Tech-Gründungen sind deutlich unter das Niveau der 90er-Jahre zurückgegangen."
Rückgang von einem Fünftel bis 2050
Abwärtstrend bei Unternehmensgründungen   Abwärtstrend bei Unternehmensgründungen
Geht die Entwicklung so weiter wie in den vergangenen Jahren, wird die Zahl der Unternehmensgründungen bis 2030 um zehn Prozent und bis 2050 um 20 Prozent zurückgehen. Ein Trend, der die deutsche Wirtschaft nicht nur einen entscheidenden Anteil an Innovationskraft, sondern - angesichts der demographischen Entwicklung - auch massiv Marktanteile in den High-Tech-Branchen kosten kann.
Die Analyse der Wirtschaftsforscher zeigt: Jüngere und Ältere gründen aus unterschiedlichen Motiven. Während die Jüngeren vor allem selbstbestimmt arbeiten wollen, sehen Ältere in der Selbständigkeit die beste Alternative, am Arbeitmarkt zu bestehen. Die Jüngeren stecken ihre Ideen vor allem in IT- und Software-Firmen, Ältere gründen häufiger im Ingenieurbereich. Wer schon fachliche und soziale Erfahrungen im Beruf sammelte, traut sich auch eher, im Team zu gründen und ein größeres Unternehmen zu starten, so die Untersuchung. Bei Jüngeren stehen Ein-Mann-Start-ups und kleinere Firmen höher im Kurs.
Jede Menge Hindernisse
Ein Beispiel dafür ist Martin Szugat, der mit seiner Geschäftsidee die Panini-Sammelalben ins Internet exportierte. Sein Unternehmen SnipClip startete ein soziales Sammelspiel für Bilder und Videoclips, das auf Facebook ein Zuhause fand. Die Selbstverwirklichung und die Gewissheit, im Beruf sein eigener Herr zu sein, trieben ihn und seine zwei Mitgründer an, sagt Szugat.
Martin Szugat, SnipClip   Martin Szugat, SnipClip
Die kleine Firma des Dreißigjährigen ging mit ihrem Geschäftsmodell auch ins Ausland, inzwischen sind in der Firma sieben Mitarbeiter beschäftigt. Dass diese Entwicklung reibungslos lief, kann Geschäftsführer Szugat dagegen nicht bestätigen. Trotz des Gewinns von Gründerwettbewerben und hilfreichen Coachings musste auch er gegen zahlreiche Hemmnisse kämpfen. "Alles, was mit Behörden zu tun hat, kostet sehr viel Zeit und Geld. Außerdem sind zu viele Berater als Gründer-Abzocker auf dem Markt unterwegs. In Deutschland existieren zudem zu wenige Inkubatoren und Institutionen zur Wirtschaftsförderung. Es fehlen risikofreudige Business-Angels. Sprich: Insgesamt ist das Ökosystem für Gründer schwach."
Ähnlich sieht das auch Achim Berg, Vorsitzender der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland. "Ich war auch mal High-Tech-Gründer. Und vor 20 Jahren habe ich ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Es hat sich eindeutig zu wenig geändert." Mit der Gründerinitiative "Unternimm was" und weiteren Förderprogramm für Start-ups will Microsoft das Klima für Existenzgründer deshalb verändern. "Deutschland muss das Silicon Valley Europas werden", so Berg und verweist auf den ökonomischen Faktor der Neugründungen. Allein 2008 seien in Deutschland von Gründern mehr als 400.000 Arbeitsplätze geschaffen worden.
Forderungen an die Politik
Gemeinsam mit dem ZEW will Berg die Missstände weiter benennen: kompliziertes Steuersystem, unflexibles Arbeitsrecht, Fachkräftemangel, zu wenig Möglichkeiten zur Kapitalbeschaffung. Er fordert mehr Zutun von Seiten der Politik: "Der angekündigte Gründerfonds muss nun schnell kommen und angemessen ausgestattet werden." Auch steuerliche Anreize und einen Sonderstatus für junge Unternehmen - ähnlich wie in Frankreich - kann er sich vorstellen, damit die Start-ups nach der Gründungsphase nicht gleich in die Krise schlittern.
ZEW-Ökonom Licht sieht dagegen keine Notwendigkeit, jüngere und ältere Gründer mit unterschiedlichen Förderprogrammen zu unterstützen. "Hinsichtlich ihrer Forschungs- und Entwicklungstätigkeit und des Innovationsgrades ihrer Produkte unterscheiden sich die Gründergenerationen kaum. Wichtiger wäre eine Förderung bezogen auf Branchen oder auf die Eigenschaften der Gründungsidee. Und wenn das Umfeld stimmt, dann kann der stetige Rückgang der Neugründungen zumindest deutlich gedämpft werden", hofft er.
Im Rahmen der ZEW-Studie wurde die Altersstruktur von Gründern in Deutschland auf Basis des Mannheimer Unternehmenspanels untersucht. Hinzugezogen wurden Daten zu Unternehmenscharakteristika nach Altergruppen der Gründer auf der Basis des KfW/ZWE-Gründungspanels sowie zwei Unternehmens-Fallstudien.
  • FTD.de, 04.02.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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