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Merken   Drucken   22.08.2010, 19:11 Schriftgröße: AAA

Kopf des Tages: Der härteste Gegner für Stuttgart 21

Schon seit 15 Jahren kämpft Gangolf Stocker gegen Stuttgart 21. Mittlerweile ist er Symbolfigur des Protests gegen das Bahnprojekt. Die Leidenschaft für den Widerstand gegen die Mächtigen keimte früh in ihm. von Heimo Fischer 
Der Mann mit dem grauen Haarschopf, dem Kinnbart und den Furchen im Gesicht ist müde. "Ich muss wieder anfangen zu malen, sonst werde ich krank", sagt Gangolf Stocker. Seit nunmehr einem Jahr hat er keinen Pinsel mehr in der Hand gehalten.
Gangolf Stocker   Gangolf Stocker
Es wird wohl noch dauern, bis der 66-Jährige zu seiner Leinwand zurückkehrt. Denn der Rentner hat den Höhepunkt einer zweiten Karriere erreicht: als Symbolfigur für den Protest gegen Stuttgart 21, das ehrgeizige Bauprojekt einer Stadt, die sich einen der prächtigsten und teuersten Bahnhöfe Europas bauen will und die doch so viel Mühe hat, ihre Bürger dafür zu begeistern.
Erst Freitag demonstrierten rund 20.000 wieder in der Stuttgarter Innenstadt. Montag Abend soll die größte Protestveranstaltung in der Geschichte des Projekts starten. Eine der treibenden Kräfte dahinter ist Gangolf Stocker.
Als die Pläne 1994 vorgestellt werden, beginnt er Verbündete zu suchen. Kernstück des Bauvorhabens: Der bislang oberirdische Bahnhof soll unter die Erde, die Zulaufstrecken werden dabei in kilometerlange Tunnel verlegt. Stocker findet einen Ausbau des heutigen Kopfbahnhofs viel schöner und billiger. Er kann darauf verweisen, dass der Sackbahnhof, vom Architekten Paul Bonatz entworfen und 1928 fertiggestellt, längst Wahrzeichen der Stadt ist.
Stockers Alternativkonzept gewinnt immer mehr Anhänger. Ob der Protest Erfolg hat, steht aber in den Sternen. Für manche Widerständler kommt es aber wohl gar nicht darauf an. Leute wie Stocker kämpfen nicht nur gegen den Neubau, sie fordern mehr Mitbestimmung für die Bürger - und bieten den Mächtigen die Stirn. Das macht ihren Protest auch für die politikverdrossene Mitte interessant.
Mit Widerstand kennt sich Stocker aus. Als junger Mann verweigerte er den Kriegsdienst, zu einer Zeit, als das noch nicht salonfähig war. Politisch startete er bei der SPD, dann folgten DKP und PDS. Lange hielt er es nirgendwo aus. Heute ist er parteiloser Stadtrat.
Seine Berufslaufbahn als Künstler unterbrach er, als er heiratete und Kinder bekam. Um die Familie besser abzusichern, suchte er sich einen Angestelltenjob. Im Stuttgarter Thieme-Verlag wurde er auch Betriebsrat. Einer von der unbequemen Sorte. "Von den 23 Jahren, die ich dort war, wollten sie mich 22 Jahre lang loswerden", erzählt er. Irgendwann ging er tatsächlich - mit einer hohen Abfindung. "Da habe ich wieder angefangen zu malen." Realismus mag er, sagt Stocker. Avantgarde ist nicht sein Ding.
Montag werden sich wieder Tausende Stuttgarter dem Protestzug anschließen, den Stocker einst mit ins Leben gerufen hat und der den provokanten Namen Montagsdemo trägt. Er glaubt, dass er und seine Anhänger ihrem Ziel nahe sind. "Wenn wir jetzt keinen Blödsinn machen, könnte bald das Handtuch fallen." Dann gibt es zwar erst mal keinen neuen Bahnhof. Aber Stocker kann wieder malen.
  • Aus der FTD vom 23.08.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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