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Merken   Drucken   20.11.2005, 16:03 Schriftgröße: AAA

101 Haudegen: Götz Werner - Ganz im Vertrauen   

Bei ihm dürfen Kassiererinnen über das Sortiment mitentscheiden, Manager ihre Vorgesetzten wählen und Lehrlinge Theater spielen. Den Mitarbeitern Freiheiten zu lassen gehört für den Gründer der Drogeriekette DM zum Unternehmertum dazu. von Ludwig Greven, Berlin
Götz Werner, Gründer der Drogeriekette DM   Götz Werner, Gründer der Drogeriekette DM
Kaum hat der Chef seinen Laden im funkelnagelneuen Eastgate-Einkaufscenter im tristen Berlin-Marzahn betreten, zieht er erst einmal einen Besenstiel aus dem Regal. Mit dem hantiert der Herr über 1642 DM-Drogeriemärkte und 23.000 Angestellte hoch über seinem Kopf an den Lampen an der Decke herum. "Die Handwerker beleuchten immer den Boden und nicht die Ware", erläutert der 61-Jährige der jungen Filialleiterin. Das muss er ändern. Und zwar sofort.
Zehn Minuten später ist Götz Werner zufrieden und zieht los, um das Geschäft des Konkurrenten Rossmann am anderen Ende der glänzenden Shopping-Mall zu besichtigen. Was er dort sieht, stimmt ihn noch fröhlicher: Der Erzrivale aus Burgwedel bei Hannover hat sich zwar zuerst im Center eingemietet und bietet neben Windeln, Rasierern und Shampoos auch Weine und CDs an. "Aber", beobachtet der Mann mit dem lichten Haar und dem rot-gelben "dm"-Emblem am dezenten Nadelstreifenanzug gut gelaunt beim Blick auf die Kasse: "Die Kunden kaufen hier einfach weniger als bei uns."
Wirtschaftlich die Nase vorn
Warum das so ist und weshalb Werner im scharfen Dreikampf der deutschen Drogerie-Discounter mit Branchenführer Schlecker und dem Rivalen Rossmann wirtschaftlich die Nase vorn hat, das hat offenkundig viel mit der Person des Firmenchefs und seinem ungewöhnlichen Führungsstil zu tun. Der 1944 in Heidelberg geborene Sohn eines Drogisten ist nicht nur ein Vorzeigeunternehmer aus dem Musterbuch des deutschen Wirtschaftswunders, der aus kleinsten Anfängen binnen 32 Jahren den zweitgrößten deutschen Drogeriekonzern geschaffen hat. Er ist auch bekennender Anthroposoph, der sich mit eigenwilligen Vorschlägen in politische Debatten einmischt und seinen Mitarbeitern große Freiheiten gewährt.
So dürfen die Beschäftigten über Sortiment, Dienstpläne und Gehälter mitentscheiden; sie wählen ihre Vorgesetzten zum Teil selbst. Ihre Löhne werden in der Firmenzentrale in Karlsruhe nicht als "Personalkosten" verbucht, sondern als "Leistungsbeitrag", weil sie ja zum Ergebnis der "Wirtschaftsgemeinschaft" DM beitragen, wie Werner nicht müde wird zu betonen. Und seine "Lernlinge" genannten Auszubildenden, von denen er im abgelaufenen Jahr eine Rekordzahl von 620 neu eingestellt hat, schickt er jedes Jahr für eine Woche zum Theater-Workshop. Dort, beim "Abenteuer Kultur", sollen sie lernen, aus sich herauszugehen, was nicht nur ihrer Persönlichkeitsbildung nutze, sondern auch ihrer Arbeit und dem Verkaufserfolg: "Wenn die ihren ,Faust‘ aufführen, begegnet ihnen der Filialleiter mit großem Respekt, weil der sich das womöglich selber nicht trauen würden, und sie gewinnen viel Selbstbewusstsein", beschreibt der Goethe-Liebhaber das Ziel des Experiments.
Seine Firmenphilosophie
Respekt und Vertrauen - diese Begriffe führt Werner gern im Mund. "Zutrauen veredelt den Menschen, ewige Bevormundung hemmt sein Reifen", zitiert er den preußischen Reformer Freiherr vom Stein. "Je selbstständiger die Mitarbeiter sind und je besser sie die Bedürfnisse der Kunden wahrnehmen, desto unternehmerischer wird ein Unternehmer", lautet seine Firmenphilosophie, die er an den Anthroposophie-Gründer Rudolf Steiner angelehnt hat.
Um seine Ideen zu untermauern, zitiert Werner dann noch Joseph Beuys und Hermann Hesse, Erich Fromm und das Lukas-Evangelium - eine bunte Mischung aus Sinnsprüchen und Lebensweisheiten, die wenig mit dem Kauderwelsch mancher Managementberater gemein hat.
Verschroben wirkt auch auf den ersten Blick sein politisches Lieblingsprojekt, über das er stundenlang reden kann und für das er neuerdings in großformatigen Anzeigen wirbt: ein staatliches Grundeinkommen für alle Bürger. Mit dem "Bürgergeld" möchte der Milliardär nicht nur das Problem der hohen Arbeitslosigkeit in einer Gesellschaft lösen, die nach seiner Einschätzung im Überfluss lebt. "Wenn die Menschen nicht mehr arbeiten, weil sie müssen, sondern weil sie wollen, würde sich das soziale Klima völlig ändern", schwärmt er, "Deutschland würde zum Arbeitsparadies."
Konsum extrem besteuern
Finanzieren möchte Werner die staatliche Wohltat über eine hohe Mehrwertsteuer - bei kompletter Abschaffung der Einkommensteuer. Ein Händler, der den Konsum extrem besteuern will? Für Werner kein Problem. "Gewinn ist nie ein Unternehmensziel. Der Gewinn ist Bedingung für Unternehmertum, so wie Sie atmen müssen, um zu leben", ist einer seiner Lieblingsleitsprüche.
Doch der DM-Chef, der einst selbst eine Drogistenlehre absolvierte, ist keineswegs ein versponnener Gutmensch. Den ersten Laden eröffnete er 1973, weil sein damaliger Chef seine Geschäftsidee ablehnte: Nach dem Wegfall der Preisbindung wollte er es Aldi & Co. nachtun und die bis dahin biederen Drogerien in Supermärkte umwandeln. Kurz entschlossen setzte er die Revolution der Branche selbst in Gang.
Heute setzt sein Konzern mehr als 3 Mrd. Euro in neun Ländern um und wächst seit Jahren zweistellig. Die Rendite liegt nach seinen Angaben konstant bei gut einem Prozent - im Einzelhandel angesichts des Preiskampfs ein beachtlicher Wert. Zudem stellte er im abgelaufenen Geschäftsjahr wieder 1000 Mitarbeiter ein, so viel wie kaum ein anderes Unternehmen in Deutschland. Und die Expansion soll fast ungebremst weitergehen.
Keine Sonderangebote
Dabei scheut sich Werner nicht, die Konkurrenten wie in Berlin direkt herauszufordern, denn er ist vom Erfolg seines Geschäftsmodells überzeugt: gute Ware mit gutem Service in freundlicher Umgebung. Beratungsfirmen bescheinigen DM nicht nur die höchste Kundenzufriedenheit und -treue, sondern auch die günstigsten Preise, obwohl Werner seit zwölf Jahren konsequent auf Sonderangebote und Schnäppchenpreise verzichtet. "Wenn sie einmal mit Rabatten angefangen haben, können sie nicht mehr aufhören", lästert er über die Konkurrenz. Die Stiftung Warentest und Ökotester zeichnen regelmäßig seine Produkte aus. Und stolz verweist Werner darauf, dass der Durchschnittsumsatz in seinen Filialen mehr als fünfmal so hoch sei wie bei Schlecker und fast doppelt so hoch wie bei Rossmann - "obwohl wir ja alle letztlich die gleiche Ware anbieten".
"Götz Werner ist als Unternehmer ein Solitär", sagt Andrew Thorndike von der Beratungsfirma Accenture. Wie kaum ein anderer Familienunternehmer im Einzelhandel führe er das Geschäft trotz der Größe noch stark selbst. "DM ist Werner, und Werner ist DM. Der Erfolg des Unternehmens hat eine ganz starke persönliche Note."
Die Gewerkschaft Verdi, die beim Konkurrenten Schlecker die Arbeitsbedingungen scharf kritisiert, hat bei DM wenig auszusetzen. Zwar zahle das Unternehmen zum Teil unter Tarif, dafür pflege Werner ein "gutes Betriebsklima" und stecke viel in die Ausbildung, lobt Jochen Welsch, der im Aufsichtsrat des Drogisten sitzt - auch das für ein Familienunternehmen ungewöhnlich. Nach langem Widerstand hat Werner sogar Betriebsräte akzeptiert. Mitarbeiter loben ihn, weil er offen für Kritik und Anregungen sei. "Man merkt gar nicht, dass er der Chef ist", sagt die Filialleiterin in Marzahn. Allerdings müsse man sich hüten, mit der Firmenleitung in Konflikt zu kommen, heißt es bei anderen hinter vorgehaltener Hand. Da sei DM auch nicht anders als andere Unternehmen.
"Wir machen den Unterschied"
Werner ist überzeugt, dass vor allem seine Mitarbeiter und deren Motivation den Ausschlag geben. "Wir machen den Unterschied" hat er deshalb auf den Rücken ihrer Kittel sticken lassen. Dennoch kümmert sich der Firmenchef am liebsten selbst um jede Kleinigkeit. Und so drückt er, kaum dass er sein neues Flaggschiff-Geschäft in Berlin vis-à-vis vom KaDeWe betreten hat, eine Klingel, um eine neue Kasse öffnen zu lassen. "Was nützt es", sagt er, während er ungeduldig im Laden herumschaut, "wenn der Kunde mit der Ware zufrieden ist, aber er verpasst den Bus, weil er zu lange warten musste. Der kommt bestimmt nicht wieder."
"Retail is detail", sagt Werner, der nebenbei als Professor an der Universität Karlsruhe das Fach "Unternehmertum" unterrichtet. Diesmal zitiert er als sein Vorbild Sam Walton, den Gründer der US-amerikanischen Wal-Mart-Kette: "Wenn wir den einzelnen Laden aus dem Auge verlieren, haben wir verloren."
Der DM-Chef kümmert sich aber nicht nur um die Platzierung und Beleuchtung seiner Waren, sondern auch um die gesellschaftliche Umwelt. Deshalb engagiert sich sein Unternehmen bei Straßenkinder-Projekten in Ägypten sowie einer Saatgut-Initiative und unterstützt lokale Jugendhilfsprojekte.
Als er seine Idee vom Bürgergeld anderntags auf einem europäischen Kongress in der Hauptstadt vorstellt, reagiert das Publikum auf seinen Vortrag zuerst mit verblüfftem Lachen - und dann mit warmem Applaus. "Ich hätte gar nicht gedacht", strahlt die Tagungsleiterin, "dass die Rede eines Unternehmenschefs so amüsant sein kann."
  • Aus der FTD vom 21.11.2005
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