Joachim Hunold, Chef von Air Berlin
Joachim Hunold bahnt sich den Weg zum Podium, um seine Gäste zu begrüßen. Der kantige, kompakte Mann schreitet durch die Menge, knuddelt hier, küsst da, tätschelt dort. Über 1000 Menschen sind gekommen, um mit ihm auf einer glanzvollen Party am alten Berliner Flughafen Tempelhof die Auslieferung der ersten zwei von insgesamt 70 neuen Airbus A320 zu feiern.
Mehrere Hundert seiner besten Freunde lade der Chef stets bei solchen Gelegenheiten ein, ulken Air-Berlin-Mitarbeiter. Zu seinen Partys kommen "der Niki" (Lauda), "die Sabine" (Christiansen), Laurenz (Meyer) oder auch "der Uwe" (Ochsenknecht). "Ich bin für alle der Achim", sagt der 56-Jährige, und dabei strahlen seine kleinen blauen Äuglein mit dem glänzend glatten Schädel um die Wette.
Keine Frage, die Person Hunold genießt Kultstatus: In der Presse wird er als "Überflieger" ("Bild") mit einem "Hauch von Klaus Löwitsch" ("Stern") gefeiert, der "eher ein feiner Kerl als ein feiner Herr" ("Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung") sei. Mit seiner kumpelhaft offenen Art fängt er jeden. Auch Altkanzler Helmut Kohl lud ihn einst nach einem Dinner spontan auf einen Kaffee ein: "Du kommst mal bei mir vorbei", habe der gesagt, erinnert sich Hunold.
Feinde werden weich
Selbst Wettbewerber zollen dem quirligen Rheinländer Respekt. "Was er aufgebaut hat, ist schon extrem gut", sagt Ralf Teckentrup, Vorstand des Reisekonzerns Thomas Cook. "Der Strategie würde ich im Moment nix hinzufügen wollen."
Und sogar erbitterte Feinde werden irgendwann weich. Zum Beispiel Friedel Neuber. Der langjährige Chef der WestLB geriet Anfang der 90er Jahre mit Hunold aneinander, als die Landesbank beim Ferienflieger LTU einstieg. Hunold, zu jener Zeit Marketing- und Vertriebschef bei der LTU, ging wegen eines strategischen Wechselkurses auf Konfrontation zu Neuber, der ihm daraufhin den zuvor versprochenen Geschäftsführerposten versagte. Mit der sechsstelligen Abfindung konnte Hunold immerhin seinen Einstieg bei Air Berlin finanzieren. Und später habe Neuber eingestanden, ihn falsch behandelt zu haben, sagt Hunold heute.
"Wirklich sehr tief bewegt" hat ihn auch die Versöhnung mit Hinrich Bischoff, dem Chef der Flug- und Leasinggesellschaft Germania. Nach jahrelanger Missachtung hatte Bischoff dem Konkurrenten kurz vor seinem Tod im November 2005 das Unternehmen mit knapp 580 Mitarbeitern und 44 Flugzeugen anvertraut.
Flexibilität ist entscheidend
So viel Anerkennung ist vielen nicht geheuer. "Irgendwann bekommt der Hunold noch mal einen Heiligenschein", sagt eine Branchenvertreterin hämisch. Auch andere beäugen Hunolds Aufstieg mit Skepsis: Wieso ist dieser Mann bloß so erfolgreich?
Hunold hat sein Abitur erst im zweiten Anlauf geschafft und jobbte während seines Jurastudiums zehn Jahre lang als Kellner und DJ, bevor er am Staatsexamen scheiterte. Doch dann drehte er auf: Arbeitete sich vom Vorfeldarbeiter am Düsseldorfer Flughafen zum Stationsleiter hoch. Wollte plötzlich Pharmaberater werden und hatte schon einen Vertrag in der Tasche, als er sich beim Rückflug aus dem Urlaub von seiner Platznachbarin für LTU engagieren ließ. Mauserte sich dort vom Verkaufsassistenten zum Bereichschef. Übernahm schließlich 1991 Air Berlin und machte die Fluggesellschaft zur zweitgrößten in Deutschland. Jüngst hat er einen 4,5-Mrd.-$-Auftrag für neue Maschinen abgeschlossen und traut sich durchaus auch einen Börsengang zu.
Das Erfolgsrezept klingt simpel: Seine Stärke sei es, "vorausschauend zu denken", sagt Hunold. "Da habe ich vielleicht eine Gabe." Aber das entscheidende Kriterium sei Flexibilität. So bot er als Erster Ferienflüge aus der Provinz an, setzte früh auf den Einzelplatzverkauf und machte sich unabhängiger vom Geschäft mit Reiseveranstaltern.
Geschicktes Spiel
Es ist jedoch auch Hunolds geschicktes Spiel des Verkündens und Verschweigens. Er wolle "andere im Unklaren lassen, wo wir stehen". Er gibt zu, früher offiziell immer weniger Flugzeuge genannt zu haben, als er tatsächlich hatte. Für 2005 weist Air Berlin einen Umsatz von 1,2 Mrd. Euro aus, aber über die genaue finanzielle Situation schweigt er. "Warum soll ich anderen meine Zahlen zeigen? Die mache ich doch nur neidisch." Kritiker befürchten indes, dass sich Hunold mit den hohen Investitionen für die neue Flugzeugflotte überhebt. "Der fällt beim ersten Gegenwind um", heißt es.
Anfeindungen geht Hunold nicht aus dem Weg, er provoziert sie. So proklamiert er im Vorwort seines Bordmagazins gern umstrittene politische Ansichten: "Wenn keiner seinen Mund aufmacht, dann verändert sich auch nichts", sagt er. Dafür gibt es oft Lob - in der vergangenen Woche bekam Hunold das Verdienstkreuz am Bande - aber auch jede Menge Schelte. Etwa von Gewerkschaften, die dem Air-Berlin-Chef vorwerfen, er zahle schlecht für lange Arbeitstage und nehme es mit den Sicherheitsvorschriften manchmal nicht so genau.
Wer auch immer an seinem Heiligenschein kratzt, Hunold stört es nicht. Er war sogar schon zur Audienz beim Papst - vor wenigen Wochen flog Air Berlin die Münchner Philharmoniker und Regensburger Domspatzen zu einem Konzert im Vatikan.