Maurice Faure in seinem Büro in Cahors
Vom größten Tag seines Lebens ist Maurice Faure nur ein Foto geblieben. Klein und ungerahmt lehnt es in der Bücherwand seines Arbeitszimmers. Drumherum Bilder mit politischen Weggefährten. Alles in Schwarz-Weiß. Nur die Familie ist in Farbe abgelichtet: seine Söhne unter weißen Sonnenschirmen, die Lebensgefährtin, Enkelkinder, die am Katzentisch essen. Sie strahlen in den Tönen der Gegenwart. Die große Politik, die liegt weit zurück.
Die Regale in seinem Arbeitszimmer sind gefüllt mit Bildbänden über Malaysia und Indien, ganz oben ist "Die erotische Kunst der Meister" einsortiert. In der Ecke steht ein Notebook mit Drucker. Durch das halb geöffnete Fenster dringt Frühlingsluft, Spatzen tschilpen.
Faure, 85 Jahre alt, sitzt hinter seinem Schreibtisch, die wuchtigen Hände auf den Rand der gläsernen Arbeitsplatte gestützt. Sein Kopf ist rund, die Wangen rosig, die Augen klein. Mit durchgestrecktem Rücken thront er dort. Und wenn er sich auf seinem Stuhl umdreht und ungelenk nach dem kleinen, ungerahmten Schwarz-Weiß-Foto greift, funkeln die alten Augen voller Vorfreude. "Sehen Sie her", sagt er. Er wedelt mit dem Bild. Darauf sieht man Konrad Adenauer, wie er etwas teilnahmslos zur Seite schaut. Zur Rechten des Bundeskanzlers sitzt ein gutaussehender junger Mann mit dunklen, straff frisierten Haaren und entschlossener Miene. "Das bin ich."
Faures Brust schwillt. Die Hand mit dem Bild zittert. Alle Besucher wollen sie in diesen Tagen sehen, die Aufnahme von der Unterzeichnung der Römischen Verträge. Und er, der letzte überlebende Unterzeichner, zeigt es nur allzu gerne. Der große Moment für ganz Europa war auch sein großer Augenblick.
Faure erinnert sich
Dann taucht Faure in die Vergangenheit ein. 50 Jahre zurück, 25. März 1957, kurz nach 16 Uhr. Er sitzt im gleißenden Scheinwerferlicht im Saal der Horatier und Kuratier des römischen Kapitols. Die Außenminister Frankreichs, Italiens, der Niederlande und Luxemburgs sowie Deutschlands Bundeskanzler Adenauer um ihn herum. Dazu Diplomaten aus sechs Ländern. Bis zum Mittag haben sie noch verhandelt. Jetzt warten Hunderte Journalisten, eine Wand von Fotografen. Stimmengewirr.
Draußen über den Hügeln der Ewigen Stadt läuten alle Kirchenglocken gleichzeitig im Frühlingsregen. Knapp zwölf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs will Europa ein für alle Mal ein Signal für den Frieden setzen. Ein Vertrag über einen gemeinsamen Wirtschaftsraum - der Vertrag von Rom. Unterzeichnungsmappen liegen aus für die Minister und ihre Unterhändler.