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Merken   Drucken   11.02.2009, 20:03 Schriftgröße: AAA

Agenda: Die Finanzmarkt-Trümmerfrauen

Frauen sind die besseren Finanzexperten. Das macht sie zu den Gewinnern der Krise. Nun sollen sie die Trümmer der Männer wegräumen - und mit ihrem Gespür für Risiken den nächsten Absturz verhindern. von Ruth Fend (Hamburg)
Die Welt vor den Büroräumen der Grindelallee 176 ist laut und hektisch; drinnen ist es - Klischee hin oder her - ein wenig weiblich. Während draußen der Verkehr an den Glaswänden vorbeidonnert, wabern im Großraum Nebelschwaden über einer beleuchteten Schale, und die Rollos sind bedruckt mit rosa Rosenblüten. Hier ist das Reich von Susanne Kazemieh, Gründerin der Frauen-Finanz-Gruppe.
Ein wenig Rosarot in diesen Krisenzeiten, in denen es fast jedem schlecht geht, Kazemieh aber spürt die Krise nur daran, dass ihr die Kunden schier die Tür einrennen, vier bis fünf neue am Tag sind es seit einem Jahr. Eigentlich müsste sie Beraterinnen einstellen, um all die Nachfrage zu bedienen, aber so schnell findet sie kein qualifiziertes Personal.
Seit 20 Jahren betreut die Hamburger Anlageberaterin Frauen in Finanz- und Versicherungsfragen. Eine andere Beratung als die Banken verspricht Kazemieh, die Sonderpädagogik und Musik studiert und sich später in Finanzthemen weitergebildet hat. Eine Beratung, bei der sie die ganze Person in den Blick nimmt, herausfindet, welche Rolle Geld für sie spielt, wofür sie es braucht. Erst dann stellt sie Fonds, Aktienpakete und Versicherungen zusammen - hauseigene Produkte hat sie nicht im Angebot. Zertifikate rührt sie nicht an.
Bilderserie Bilderserie: Die Macht ist weiblich
Kazemiehs größtes Asset, so sagt sie, sei ihr Geschlecht. Nicht nur, weil Frauen ihrem Gegenüber zuhörten, statt ihm Zahlenkolonnen und Besserwissereien um die Ohren zu hauen. Der Umgang mit Geld sei ein ganz anderer: "Frauen wollen mit Geld die Welt positiv gestalten und sehen seinen Wert weniger als Statussymbol", sagt Kazemieh. An den Börsen agierten sie gelassener: "Sie haben ein viel besseres Gespür für Risiko."
Dieses Gespür ist gefragt. Konzepte wie "Financial Wellness", ein wohldosiertes Risiko, mit dem es sich noch gut schlafen lässt, nicht mehr nur höchstmögliche Rendite. Das passt in die Zeit. Und so kommen in die Grindelallee nicht nur Frauen, denen Kazemieh eine Alternative zu männlichen Beratern bieten will: Rund 1000 ihrer 7500 Kunden sind Männer. Kazemieh ist Krisengewinnlerin, auch wenn sie sich selbst nie so bezeichnen würde.
Mit dem ersten großen Knall in der Krise, der Pleite von Lehman Brothers, ist nicht nur eine Investmentbank in die Knie gegangen, sondern eine ganze Führungselite. Für Kazemieh ist es nicht der Kapitalismus, der in der Krise steckt, sondern "das männliche Prinzip", in dem Fehler tabu seien und das vor Überheblichkeit strotze. "Was passiert ist, wäre unvorstellbar gewesen, wenn Frauen an den Schalthebeln gesessen hätten."

Teil 2: Der Einfluss des Testosteronspiegels

  • Aus der FTD vom 12.02.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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