Dossier
Finanzkrise, Jobabbau, Bonischlagzeilen: Die Jahrhundertpleite hat die Mentalität angehender Banker verändert. Hohe Risiken und der schnelle Euro sind out, normales Kundengeschäft wieder gefragt. Die FTD hat fünf Berufsanfänger getroffen. von Melanie Bergermann, Frankfurt
Julian Böhm erinnert sich noch gut an den 15. September 2008. Frühmorgens steht er auf, zieht seinen Anzug an und macht sich auf den Weg zur Arbeit. Seit Freitag hat er den Fernseher nicht mehr angemacht, kein Radio gehört, nicht mehr im Internet gesurft - bloß nichts mehr sehen und hören, zu sehr zehrt die Krise an seinen Nerven. Böhm ahnt, dass sein Arbeitgeber dieses Beben nicht überleben wird. Die Aktie ist seit Wochen auf bedenklicher Talfahrt, das Management wehrt sich verzweifelt und panisch gegen das Ende.
Um sieben Uhr kommt er am Rathenauplatz nahe der Alten Börse in Frankfurt an. Vor dem Haus Nummer eins mit der eleganten Altbaufassade stehen schon Kamerateams, ein Pulk fiebriger Journalisten lauert auf O-Töne der Trauer und Wut. "Da wusste ich, es ist vorbei."
Seit Juli ist der 24-jährige Praktikant bei der Deutschlandtochter von Lehman Brothers. Er ist so stolz, bei einer der feinsten Adressen des Investmentbankings reinschnuppern zu dürfen. Er ist am Puls der Märkte, so nah an seinem Traum. Und dann das. Aus dem Traum wird ein Albtraum. Lehman ist am Ende. Und Böhm erlebt hautnah den Tod der Investmentbank, die Pleite des Jahrhunderts.
Gespenstische Atmosphäre im Büro
In den Büros am Rathenauplatz, berichten Mitarbeiter, herrscht an diesem Montagmorgen eine gespenstische Atmosphäre. Fassungslosigkeit hat die sonst übliche Hektik verdrängt, viele starren auf ihre Bildschirme und suchen im Netz verzweifelt nach Nachrichten über ihre Bank, als gäbe es noch immer Hoffnung. Tränen fließen, manchmal klingelt ein Telefon - Kunden rufen an, um ihr Beileid zu bekunden.
Julian Böhm
In den Wochen danach bricht die Hölle los. Die Börsen stürzen ab, Banken gehen pleite oder werden in letzter Sekunde verstaatlicht, die Menschen horten aus Angst Bargeld, weil sie nicht wissen, was noch alles kommt. Wer Banker ist, muss sich plötzlich dafür rechtfertigen. Und gegen das Vorurteil ankämpfen, ein gieriger Bonihai und Hasardeur zu sein, der die Welt ruiniert. Aus dem Vorzeigeberuf ist plötzlich ein Problemberuf geworden. Bisher war ein Arbeitsplatz bei Lehman "mit unglaublich viel Prestige verbunden", sagt Böhm. Lehman, das war schon was. "Wow, du bist bei Lehman? Kannst du da nicht mal ein gutes Wort für mich einlegen?", haben ihn Kommilitonen gefragt. Doch plötzlich will mit dem Namen niemand mehr gern in Zusammenhang gebracht werden.
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