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Merken   Drucken   07.01.2009, 18:53 Schriftgröße: AAA

Agenda: Tod in der Not

Dossier Sie bauen Firmen auf, Konglomerate, Imperien. Dann kommt der Niedergang. Wie Adolf Merckle sehen Unternehmer und Manager in der Krise oft keinen Ausweg - und nehmen sich das Leben. von Ch. Baulig, H. von Buttlar, N. Klöckner und K. Putzier (Hamburg)
"Mein Vater war kein Feigling", schreibt Fanny Gamelin. "Er war stark, aufrichtig und respektvoll." Ein "respektierter Unternehmer" in der Stadt La Rochelle. "Heute ist er tot. Er konnte es nicht verwinden, seine 120 Angestellten nicht bezahlen zu können." Fanny, 23 Jahre alt, Tochter von Joël Gamelin, hat diese Sätze im Internetportal Facebook geschrieben. Sie hat dort eine Gruppe gegründet, die bereits über 12.000 Mitglieder zählt. Sie will die Gamelin-Werft retten, deren Chef ihr Vater war, ruft zu Spenden auf, um die Gehälter der Angestellten bezahlen zu können. 200.000 Euro, genug für einen Monat. Es ist ein Hilfeschrei, ungewöhnlich, aufwühlend.
Joël Gamelin, 55 Jahre alt, war am 23. Dezember in seinem Büro geblieben, als seine Mitarbeiter zum Essen in die Kantine gingen. Dort schluckte er Gift. "Verzeiht mir, dass ich die Firma nicht retten konnte", stand in seinem Abschiedsbrief.
Gamelin hatte die Werft aufgebaut, in jahrelanger Arbeit. Er war spezialisiert, er hatte berühmte Jachten hergestellt, etwa für die Weltumseglerin Maud Fontenay. Aber er fand keine neuen Absatzmärkte und zu wenig qualifizierte Mitarbeiter. Zuletzt bekam er von den Banken keine neuen Kredite mehr - und musste Konkurs anmelden.
Der Unternehmer Adolf Merckle posiert am 26. April 04 in einem ...   Der Unternehmer Adolf Merckle posiert am 26. April 04 in einem Hangwald im Aachtal, den er damals zu kaufen beabsichtigte
Es sind solche Geschichten, die in großen Wirtschaftskrisen die Öffentlichkeit erschüttern. In Deutschland ist es der Tod von Adolf Merckle , der sich mit Aktiengeschäften verspekulierte. Der schwäbische Unternehmer, Herr über Firmen wie Ratiopharm und Heidelberg Cement , hatte sich am Montag auf Bahngleise gelegt und wurde von einem Zug überrollt.
Merckle steht in einer tragischen Reihe von Unternehmern oder Managern, die Großes gewagt, die mit ihren Ideen Firmen, Konglomerate oder Imperien aufgebaut haben. Blühende Reiche, die irgendwann teils unverschuldet, teils verschuldet in die Krise gerieten oder untergingen. Und deren Herrscher dann den Freitod wählten.
Was treibt diese Menschen, die gelernt haben zu kämpfen, die Sieg und Niederlage kennen, zu diesem Schritt? Nicht immer ist es das Geld. Oft ist es ein kompliziertes Geflecht aus Gründen. Neben dem wirtschaftlichen Abstieg ist es der Verlust von Ansehen, Macht und Kontrolle. "Gehobene Führungskräfte werden vom Erfolg angetrieben. Er ist sehr wichtig für sie", sagt der britische Psychiater Cosmo Hallström. "Wenn das alles wegbröckelt, können sie sehr extrem handeln und unberechenbar sein."
Bei Adolf Merckle war es, so eine Erklärung der Angehörigen, "die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können", die den "Familienunternehmer gebrochen" habe. Bei Joël Gamelin war es die Scham, den Ruin nicht abwenden zu können.

Teil 2: Der Sprung nach dem Crash

  • Aus der FTD vom 08.01.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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