FTD.de » Management + Karriere » Management » Der ideale Arbeitsplatz

Merken   Drucken   14.02.2008, 08:00 Schriftgröße: AAA

Der ideale Arbeitsplatz

Wenn Unternehmen umziehen oder ein neues Gebäude bauen, stehen sie vor der Frage: Wie müssen die neuen Arbeitsplätze aussehen, damit die Mitarbeiter dort möglichst effektiv ihre Aufgaben erfüllen können? Regeln, die früher galten, haben sich überholt. von Sabine Meinert
Mindestens acht Quadratmeter Bürofläche pro Person in einem mindestens 2,50 Meter hohen Raum, 18 Kubikmeter Luftraum bei schweren Tätigkeiten, 12 Kubikmeter für Büroarbeitsplätze - solche gesetzlichen Vorgaben müssen spätestens seit 2004 nicht mehr eingehalten werden. Denn die Regeln haben sich als zu starr erwiesen.
Büroraumkonzeption im Lufthansa Aviation Center   Büroraumkonzeption im Lufthansa Aviation Center
In den vergangenen Jahren haben sich die Anforderungen an Arbeitsplätze und die beruflichen Tätigkeiten stark verändert. Zudem sorgen neue Arbeitszeitmodelle für veränderte Gegebenheiten. Wo in Schichten oder Teilzeit gearbeitet wird, können sich zwei Beschäftigte einen Schreibtisch teilen. Großraumbüros sollen für kurze Wege, schnelle Verständigung und flexible Arbeitsorganisation sorgen. Doch wie sieht er nun aus, der ideale Arbeitsplatz?
In der aktuell gültigen Arbeitsstättenverordnung heißt es nur: "Der Arbeitgeber hat solche Arbeitsräume bereitzustellen, die eine ausreichende Grundfläche und Höhe sowie einen ausreichenden Luftraum aufweisen." (§ 6, Arbeitsstättenverordnung vom 12. 8. 2004) Architekten und Innenarchitekten geben dagegen oft die Devise aus: Gute Arbeit braucht Platz. Die Unternehmen versuchen angesichts solcher Ratschläge in den meisten Fällen, eine gute Balance zwischen den finanziellen und räumlichen Möglichkeiten und den Visionen von Planern beziehungsweise den Wünschen der Mitarbeiter zu finden.
Motivierende Arbeitsumgebung
In jedem Fall sollte die Gestaltung der Arbeitsplätze nicht nur nebenbei geplant werden, sagt Ralf Wegner vom Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin in Hamburg. "Denn: Fühlen sich die Mitarbeiter wohl an ihrem Arbeitsplatz, steigt die Motivation. Derart gestärkte Mitarbeiter beeinflussen den Unternehmenserfolg entscheidend. Sie prägen ein positives Image, haben häufig bessere Kontakte zu Kunden und Lieferanten, lösen Aufgaben effektiver. Zudem sinkt mit steigender Wohlfühlrate der Krankenstand - ein Kostenfaktor. Ein freundliches Arbeitsumfeld lässt auch Raum für gute Ideen und Innovationen."
Grundvoraussetzung für einen modernen Arbeitsplatz ist natürlich, dass Praktikabilität, Sicherheit und Gesundheit gewährleistet sind. "Jeder muss ohne Schwierigkeiten seine Arbeit ausführen können. Die Fläche muss so groß sein, dass man sich ungehindert bewegen kann. Die Raumhöhe sollte auch sehr großen Menschen nicht 'auf den Kopf drücken'. Neben Arbeitsflächen ist es günstig, auch Besprechungszonen einzuplanen", rät der Arbeitsmediziner Wegner.
Angemessene Schreibtischgröße
Ein paar konkrete Anhaltspunkte gibt es dennoch: Laut DIN-Norm 4543 zum Schwerpunkt Büroflächen sind beispielsweise mindestens 1,5 Quadratmeter freie Bodenfläche pro Person vorgesehen. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin empfiehlt stattdessen für das Arbeiten am Bildschirm Büros oder Arbeitseinheiten mit der Grundfläche von mindestens 10 Quadratmetern. Erfahrungswerte vermitteln häufig auch Berufsgenossenschaften. Vom arbeitsmedizinischen Standpunkt betrachtet gelten zudem Schreibtische mit einer Fläche von mindestens 1,60 Meter mal 0,80 Meter als angemessen. Vorschrift ist das aber nicht.
Der Fachmann Wegner hält es für besonders wichtig, die Arbeitsplätze so einzurichten, dass Konzentration möglich ist. Durchgangszimmer seien dafür eher ungeeignet. "Jeder, der intensiv arbeitet, braucht eine Rückzugsmöglichkeit. Es muss möglich sein, auch einmal eine Zeitlang ungestört zu telefonieren oder Daten zu bewerten."
Mit Größe und Ausstattung von Arbeitsplätzen lässt sich auch ...   Mit Größe und Ausstattung von Arbeitsplätzen lässt sich auch die Hierarchie-Ebene verdeutlichen
Für den Chef das Größte
Hierarchien spielen bei der Arbeitsplatzgestaltung eine Rolle. Ein Sachbearbeiter wird ein weniger repräsentatives und kleineres Büro zugewiesen bekommen als der Geschäftsführer einer Firma. Was angemessen ist, entscheidet jedes Unternehmen für sich. Klar ist aber: Ein Chefarbeitsplatz muss seine Autorität unterstreichen. Deshalb sitzen die Konzernspitzen meist in den oberen Etagen, in Eckbüros mit viel Licht und tollem Blick. Passend zu den gewichtigen Entscheidungen, die hier möglicherweise getroffen werden, gibt es häufig schwere Möbel.
"Schon beim Betreten des Raums soll Mitarbeitern wie Besuchern klar werden. Hier sitzt jemand, der etwas zu sagen hat. Denn heutzutage verfügen nur wenige Führungskräfte über eine derart starke natürliche Autorität, dass dies auch ohne eine große und entsprechend ausgestattete Unternehmenslenker-Schaltstelle deutlich wird", sagt Wegner, ergänzt aber auch, dass dieses durchaus kontrovers diskutiert wird.
Lila oder beige - ist nicht mehr die Frage
Farben spielen bei der Ausgestaltung von Büros und Arbeitsplätzen aus Erfahrung der Experten inzwischen keine Rolle mehr. Starkes Rot, stylisches Lila, beruhigendes Grün oder kühles Blau - gewählt wird mittlerweile, was gefällt, unabhängig von vermeintlichen psychologischen Wirkungen. "Zu stark sind die persönlichen Vorlieben, als dass man sie in zu bevorzugende Farbskalen pressen könnte", so Wegner. Der Trend gehe weiter zu hell und freundlich - also allen Varianten von Beige, Weiß und Gelb.
"Der Erfolg der Firma hängt großenteils vom individuellen Wohlbefinden der Angestellten ab. Ich plädiere daher dafür, die Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz oder ihr Büro selbst einrichten zu lassen - abgesehen von Schreibtisch, Stuhl und Arbeitsmitteln, die ja meist der Arbeitgeber stellt."
Bildschirmarbeit erfordert besonderes Augenmerk bei der ...   Bildschirmarbeit erfordert besonderes Augenmerk bei der Arbeitsplatzgestaltung
Monitore vor dem Fenster?
Bildschirmarbeit stellt die Firmen häufig vor ein arbeitsmedizinisches Problem. Von Experten angeraten wird, den Monitor nicht gegen eine Lichtquelle oder ein Fenster auszurichten, da das die Augen besonders anstrengt. Aber gerade ein Computerarbeitsplatz am Fenster gefällt vielen Mitarbeitern, weil es die Möglichkeit gibt, den Blick schweifen zu lassen.
Viel nerviger finden es Betroffene, wenn nicht genügend Beinraum vorhanden ist. Dieser Mangel wird für viele Gesundheitsbeschwerden bei sitzenden Tätigkeiten verantwortlich gemacht. Deshalb empfehlen Arbeitsmediziner, mit dem Mobiliar für Bewegung zu sorgen: den Kopierer so weit weg zu stellen, dass man aufstehen und ein paar Schritte gehen muss; Bürostühle und -tische mit höhenverstellbaren Lehnen und Arbeitsflächen nutzen; Stehpulte integrieren etc. - eben alles, was statische Körperhaltungen vermeiden hilft.
Penible Ordnung oder kreatives Chaos? - Sollte jedem selbst ...   Penible Ordnung oder kreatives Chaos? - Sollte jedem selbst überlassen bleiben
Chaos versus Sterilität
Auch die Frage "Muss ein Arbeitsplatz immer aufgeräumt aussehen oder nicht?", schreit nicht mehr nach Unternehmensregeln. "Wer sein ganz persönliches Chaos braucht, um kreative Ideen zu entwickeln, sollte nicht zu steriler Schreibtisch-Atmosphäre verdonnert werden - wenn er nicht gerade täglich Kunden empfängt", sagt Wegner. "Auch Bilder oder Pflanzen können zum Wohlfühlen deutlich beitragen, solange es im Rahmen bleibt. Denn den Störfaktor von ausufernden persönlichen Marotten sollte man nicht unterschätzen. Das gilt auch für Lärm, Gerüche oder ungewöhnliche Arbeitsstile."
Der entscheidende Faktor sei aber, eher die Stimmung im Team als das Aussehen der Büros und Arbeitsplätze zu beeinflussen, sagt Wegner. Deshalb sollten Arbeitgeber stärker auf gute Kommunikation zwischen den Mitarbeitern fokussieren. Teams, in denen schnelle Absprachen gefragt sind, dürfen nicht so weit auseinander sitzen, dass man zunächst zum Telefon greift oder eine E-Mail schreibt, als direkt mit Kollegen zu sprechen. Mehr-Personen-Büros können also durchaus eine Berechtigung haben. Großraumbüros sind Fachleuten zufolge allerdings ein Spezialfall. Faktoren wie Geräuschpegel, ständiges Kommen und Gehen oder Kollegen, die sich unbedingt als Meinungsführer etablieren wollen, können hier dazu führen, dass sich Stimmungen aufschaukeln.
Kommunikation für den Erfolg
Wegner selbst beobachtet auch in seinem Institut, wie wichtig schnelle und einfache Absprachen unter Mitarbeitern sind. Da das Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin eher über kleine Büros verfügt, hat sich inzwischen eingebürgert, dass überall die Türen offen stehen. So können Vorbeilaufende sehen, ob ein Kollege gerade telefoniert oder Gelegenheit hat, kurz ein Problem zu diskutieren.
Großräume können Kommunikation und Zusammenarbeit fördern - ...   Großräume können Kommunikation und Zusammenarbeit fördern - hier beim Internetportal Allyve
"Direkte Kommunikation trägt viel zur guten Stimmung im Team bei. Wo kommuniziert wird, geht vieles schneller und leichter voran. Das stärkt Motivation und Zusammenhalt", weiß Wegner. "Selbst Telefon- und Videokonferenzen kommen inzwischen wieder aus der Mode. Denn nichts kann den persönlichen Kontakt und damit die Möglichkeit ersetzen, Personen oder Vorgänge einzuschätzen und zu bewerten."
Drei Kriterien - ohne Feng Shui
Fazit: Allgemein gültige Regeln für den "idealen" Arbeitsplatz gibt es nicht. Je nach Aufgabe, Branche, Umfeld und Unternehmenskultur können die Arbeitsplätze ganz verschieden aussehen. Damit Mitarbeiter erfolgreich und effektiv arbeiten können, sind die Kriterien Flexibilität, Individualität und Kommunikation entscheidend. Wer das im Blick hat, braucht auch keinen Feng-Shui-Berater, sagt Wegner. "Obwohl, der Glaube versetzt Berge - und es geht ja um's Wohlfühlen. Aber in großen Unternehmen lassen sich die Lehren des Feng Shui sowieso kaum umfassend umsetzen - das geben die Möglichkeiten selten her."

  • FTD.de, 14.02.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
enable2start+Gründerszene
  • Neue Software: Die Orderbird-Kasse schwärmt aus

    Orderbird erweitert seine Kassen-App. Die neue Version verbindet alle Geräte eines Restaurants und fasst ihre Umsätze in einem einzigen Tagesbericht zusammen. Zur Belohnung fliegen die Gründer mit allen Mitarbeitern nach Portugal. mehr

  14.05. Wissenstest Kennen Sie Nordrhein-Westfalen?

NRW hat einen neuen Landtag gewählt. Das Land zwischen Rhein und Weser hat viele Eigen- und Besonderheiten. Was wissen Sie über das größte deutsche Bundesland?

Mit welchem Versprecher erlangte die WDR-Moderatorin Carmen Thomas zweifelhafte Berühmtheit?

Wissenstest: Kennen Sie Nordrhein-Westfalen?

Alle Tests

  24.05. Kopf des Tages Sergio Marchionne - Der Puzzlemeister
Kopf des Tages: Sergio Marchionne - Der Puzzlemeister

Der Fiat-Chef hat den kleinen Autokonzern durch die Fusion mit Chrysler vor dem Untergang gerettet. Doch das reicht nicht. Nun holt er auch noch Mazda dazu mehr

 



  •  
  • blättern
MANAGEMENT

mehr Management

GRÜNDUNG

mehr Gründung

RECHT + STEUERN

mehr Recht + Steuern

KARRIERE

mehr Karriere

BUSINESS ENGLISH

mehr Business English

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote