Vor einiger Zeit hat das Amt auf elektronische Akten umgestellt. Zuständigkeiten und Zugriffsrechte verwaltet das Ministerium nun mit einer Software des Hamburger Unternehmens Coremedia. "Was die deutsche Verwaltung da umgesetzt hat, haben viele Großkonzerne bisher noch nicht geschafft", sagt Coremedias Vorstandschef Sören Stamer. Sein Unternehmen ist gewissermaßen Ordnungshüter und Aktenvernichter, organisiert digital die Verwaltung und die Publikation der Inhalte seiner Kunden.
Digitales Rechtemanagement
Neudeutsch heißt das: Content Management System (CMS). Gleichzeitig bürgt Stamers Firma mit einem ausgeklügelten Digitalen Rechtemanagement (DRM) dafür, dass Daten auf ihrer Reise durch Internet oder Intranet nicht in falsche Hände geraten - ganz gleich, ob es sich um Lageberichte des Auswärtigen Amtes oder MP3-Dateien mit Hits von Britney Spears handelt.
Angefangen hat Coremedia vor zehn Jahren als Ausgründung der Hamburger Universität. Der 24-jährige BWL-Student Stamer und drei Partner bastelten zunächst Redaktionssysteme für die Deutsche Presse-Agentur und den
Axel Springer Verlag . Heute benutzen etliche Großunternehmen die Content-Management-Systeme von Coremedia, darunter journalistische Angebote wie Bild.de, aber auch die DAK oder
Nokia . Der Discounter Plus betreibt seinen Onlineshop seit kurzem mit die Software der Hamburger.
Stark ist die 140-Mann-Firma im öffentlichen Sektor. Vor allem in der Bundesverwaltung hat sich das CMS-Produkt der Hamburger als Standardsoftware etabliert. Etwa 60 deutsche Behörden wickeln ihr digitales Akten- und Umlaufmanagement über das System ab, darunter neben dem AA die Bundesbank, die Deutsche Rentenversicherung und das Innenministerium. Noch etwas flau läuft hingegen das Geschäft mit einer neuartigen Software zum Rechtemanagement, auf die der 33-jährige Stamer langfristig große Hoffnungen setzt. Er erwartet, dass kopiergeschützte Musik- oder Videodateien künftig per Handy oder E-Mail von Konsument zu Konsument verschickt werden. Landet ein Song bei einem neuen Nutzer, muss die Software sicherstellten, dass dieser für das Stück auch zahlt.
Belohnung für Konsumenten
Superdistribution nennen Fachleute das. Coremedias Marketingchef Willms Buhse schweben Modelle vor, bei denen der Konsument dafür belohnt wird, dass er einen neuen Track an Freunde verschickt. Wer andere zum Kauf animiere, erhalte eine Prämie. "Man könnte es digitale Tupperware nennen", sagt Buhse.
In der Theorie eine schöne Idee, praktisch durchgesetzt hat sie sich allerdings bisher nicht. Die wichtigen Spieler der Entertainmentbranche halten sich zurück. Die Musikindustrie hat - mal wieder - eine Heidenangst vor Piraterie. Und die großen Handynetzbereiber sperren sich bisher dagegen, ihren Nutzern die Übertragung von Musikdateien an Dritte zu einem vertretbaren Pauschalpreis zu erlauben. "Solange die sich nicht bewegen, fliegt die Idee nicht", sagt ein Branchenkenner. Stamer ist überzeugt: "Die digitale Wertschöpfungskette gewinnt an Bedeutung."
Immerhin: Für den Fall, dass der Musikversand per Superdistribution in Gang kommen sollte, hat Stamer sich gut positioniert. Coremedia ist bereits Softwarelieferant für den Handyriesen Vodafone und für Musicload, das Portal der Deutsche-Telekom-Tochter T-Online. Mit dem Bonner Konzern ist Coremedia ohnehin eng verbandelt: Über ihre Wagniskapitalgesellschaft T-Venture hält die Telekom gut 27 Prozent an den Hamburgern.
DRM des kleinen Mannes
Und während die auf den ersten Blick etwas wunderlich wirkende Idee mit der digitalen Tupperware noch den Praxistest bestehen muss, denkt Stamer schon über den nächsten Trend im digitalen Rechtemanagement nach. Der charismatische Manager mag Ideen, die etwas weit hergeholt erscheinen. Seine neueste: Nicht nur Medienunternehmen oder Handykonzerne sollten DRM zum Schutz ihrer Daten haben, sondern auch Otto Normalverbraucher. "Wir sind in einer Zwischenphase. Jeder kann seinen Content versenden und ins Netz stellen. Aber schützen kann man seine Inhalte als Privatperson noch nicht."
Das DRM des kleinen Mannes, sinniert Stamer, könnte helfen, die eigenen digitalen Schätzchen zu schützen. Wer heute auf seinem Blog oder auf einer Plattform wie Youtube Videoaufnahmen von seiner Geburtstagsparty einstellt, gibt die Kontrolle de facto auf - er bekommt das Material nie mehr komplett aus dem Netz gefischt. In Zukunft, glaubt der Manager, kann jeder die Zugriffsrechte für seinen selbst produzierten Content managen. Wer sich mit einem Kumpel überwirft, könnte dann jederzeit dessen Zugriff auf das Geburtstagsvideo sperren. Klingt etwas spinnert? "Man muss auch mal spinnerte Sachen denken", sagt Stamer und schmunzelt.