Chrysler-Chef Dieter Zetsche ist der designierte Schrempp Nachfolger
In seinen vier Jahren an der Spitze des Chrysler-Konzerns hat Dieter Zetsche viele Berühmtheiten getroffen - nicht nur aus der Wirtschaft, sondern auch aus der amerikanischen Politik- und Kulturszene. Das gehört zum Job.
Dass er auch regen Kontakt zu berühmt-berüchtigten Rappern wie Snoop Doggy Dog und 50 Cent haben würde, hat der Manager bei seinem Umzug in die USA vermutlich nicht erwartet. Snoop Dogg war vom neuen Chrysler 300 so angetan, dass er seine Bestellung für den mit Chrom bestückten Wagen in Zetsches Büro persönlich aufgab.
Die Sekretärin war reichlich verwirrt über die merkwürdigen "Rap-Reime" auf dem Anrufbeantworter, ebenso Zetsche selbst. Als der 52-jährige Manager abends seinem Teenager-Sohn von einem gewissen Snoop erzählte, fiel der fast in Ohnmacht, dass sein Vater von einer solchen Berühmtheit kontaktiert wurde. "Er hat uns dann VIP-Karten für sein Konzert in Detroit geschickt", sagt Zetsche schmunzelnd. "Für ganz vorne. Es war so laut, dass ich am nächsten Tag beim Flug nach Deutschland nicht einmal den Motor gehört habe."
Viele Sympathien gesammelt
Der hagere, groß gewachsene und mit einem buschigen Schnauzer ausgestattete Zetsche hat in Amerika viele Sympathien gesammelt. Zu den Fähigkeiten, die ihn auszeichnen, gehört es, sich selbst in den merkwürdigsten Situationen zurechtzufinden. Der Ingenieur wusste, dass Star-Rapper einen enormen Werbeeffekt haben. Sich da ein bisschen die Ohren bedröhnen zu lassen, nahm er gerne in Kauf. Sein Engagement wurde belohnt. Snoop und 50 Cent ließen das neue Fahrzeug in ihren Musikvideos auftreten - gratis.
Zetsche denkt strategisch, wirkt dabei aber nicht berechnend. Mit einem Maschinenbaustudium im Rücken, gehört er zu den wenigen Spitzenmanagern der Autobranche, die sich sowohl in der Forschungsabteilung als auch in der Produktions-, Vertriebs- und Managementsparte ihre Lorbeeren verdient haben. Wie ein Auto gebaut und verkauft wird, weiß Zetsche von der Pieke auf.
Arroganz, wie sie Jürgen Schrempp häufig nachgesagt wird, ist bei Zetsche nicht zu erkennen. Die bescheidene Zurückhaltung dürfte teils Charakterzug, teils gelernte Erfahrung sein. So war Zetsche Marketingchef bei Mercedes, als die A-Klasse durch den legendären "Elch-Test" fiel. Ein solches PR-Desaster lehrt Demut.
Rücksicht auf Empfindlichkeiten der Öffentlichkeit
Zetsche nimmt bei seinen Auftritten auf Empfindlichkeiten der Öffentlichkeit Rücksicht. So ließ er etwa bei einem Interview im firmeneigenen Jet keine Fotos zu. Zwar nannte er die Gulfstream 910 DC nur ein "Handwerkszeug" für die dauernden transatlantischen Reisen. Zetsche wusste aber, dass furnierte Edelhölzer und goldene Armaturen des Flugzeuginnenraums schnell die Kritik mancher Neider auf den Plan rufen könnten.
Aus ähnlichem Grund wollte er auch über seine persönlichen Treffen mit dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush nicht sprechen. In seiner zukünftigen Rolle als Chef des größten deutschen Konzerns könnten ihm die kurzen Drähte nach Washington aber noch nützlich werden.
Dass er umsichtig ist, belegt sein Verhältnis zu Jürgen Schrempp. Wegen seiner sachlichen Art gehörte Zetsche zu den Wenigen, die sich bis zuletzt Kritik an Schrempp leisteten, ohne dessen Respekt zu verlieren.
Führungswechsel wird zu einem Charakterwechsel
Dass Zetsche ein fähiger Manager ist, hat er in seiner mittlerweile 29-jährigen Karriere bei Daimler mehrfach bewiesen - bei Mercedes, als Chef der Lkw-Sparte und zuletzt bei Chrysler.
Zwar kämpft die Chrysler-Gruppe auch nach vier Jahren unter Zetsches Führung noch mit vielen Problemen. Im derzeit tobenden Preiskampf drohen wieder Verluste. Immerhin musste Zetsche nach raschem Sanierungserfolg schon einmal erneute Milliardenverluste hinnehmen, im Frühjahr 2003. Der unerwartete Rückschlag sei eine "schmerzhafte, aber auch wertvolle, gute Erfahrung" gewesen, sagt Zetsche rückblickend.
Branchenbeobachter äußern jedenfalls unisono, dass unter den gegebenen Umständen bei Chrysler keine größeren Sprünge zu machen waren. Zetsche sehen sie als Chryslers Retter vor dem Konkurs. Er selbst wertet seinen Erfolg bescheiden. "Natürlich klingen Zugewinne von Zehntelprozenten nicht berauschend", räumt er ein. "Es werden aber viel Blut und Tränen vergossen für diese Zehntel-Marktanteile."
Mit Zetsche ist garantiert, dass der Führungswechsel bei DaimlerChrysler auch zu einem Charakterwechsel führt.