Die organisierten Mediziner sehen sich als Vorkämpfer ihrer lobbyistisch unterrepräsentierten Zunft. Durch den Zusammenschluss können sie nicht nur gemeinsam politische Ziele durchsetzen, sondern auch Kosten senken. von Patrick Dieckhoff
Genosse Arzt? Was selbst im kommunistischen China für Stirnrunzeln sorgen würde, ist hierzulande Realität: Immer mehr Ärzte schließen sich zu einer eingetragenen Genossenschaft (eG) zusammen. Allein im Bundesverband der Ärztegenossenschaften (BVÄG) sind mehr als 6500 Mediziner vereinigt. Hinzu kommen mehrere tausend Ärzte, die eigenständigen genossenschaftlichen Netzwerken angehören.
Der Großteil der mehr als 125.000 niedergelassenen Ärzte in Deutschland hält sich fern von derartigen Verbindungen. "Als Freiberufler sind Ärzte vor allem auf ihre Unabhängigkeit bedacht. Für viele schließt das eine genossenschaftliche Organisation aus", sagt Roman Rittweger, Geschäftsführer seiner Firma Advisors in Healthcare. Dabei sehen sich die organisierten Mediziner nicht in erster Linie als Mitglieder einer Solidargemeinschaft à la Raiffeisen. Die Genossenschaft ist eher Mittel zum Zweck. "Die eG ist eine sehr vorteilhafte Rechtsform für Ärztenetze. Sie erlaubt - anders als ein Verein - den Abschluss wirtschaftlicher Verträge und bietet damit Rechtssicherheit. Andererseits ist sie nicht so aufwendig zu gründen wie eine GmbH", sagt Gunnar Herberger, der Vorsitzende des BVÄG.
Die organisierten Mediziner sehen sich als Vorkämpfer einer lobbyistisch unterrepräsentierten Zunft. Von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) fühlen sie sich nicht vertreten. "Die KV ist nicht die Interessenvertretung der Ärzte", sagt Herberger. Um eigene Interessen durchzusetzen, sei es unabdingbar, dass sich Ärzte organisierten, sagt Herberger. So sieht das auch Stefan Pollmächer. Der Allgemeinmediziner und Psychotherapeut betreibt eine eigene Praxis in Kassel und ist Vorstand der Genossenschaft Doxs, in der sich 336 hessische Mediziner vereinigt haben. "Die wirtschaftliche Basis des Arztes hat sich in den vergangenen Jahren massiv verschlechtert", sagt er. War die ambulante Versorgung von Patienten seit jeher die Domäne der niedergelassenen Zunft, so drängen zunehmend neue Anbieter in diesen Bereich - beispielsweise Krankenhäuser oder medizinische Versorgungszentren, in denen Ärzte als einfache Angestellte arbeiten.
Neben politischen Zielen bietet Doxs auch alltägliche Hilfe
Die Initialzündung für die Gründung von Doxs im Jahr 2007 war die geplante Einführung eines Ersatzkassenvertrags an den Interessen der niedergelassenen Ärzte vorbei, der mittlerweile allerdings nicht mehr diskutiert wird. Geblieben ist das politische Engagement der Genossen. Rückenwind gibt es momentan von der schwarz-gelben Regierungskoalition: Die will das Versorgungsgesetz ändern - zugunsten von Ärztegemeinschaften. Künftig könnte eine solche Gemeinschaft gesonderte Vergütungsregeln installieren - etwa um die Versorgung im ländlichen Raum attraktiver zu machen. "Das ist eines unserer Ziele", bestätigt Herberger.
Neben ambitionierten politischen Zielen bieten Genossenschaften wie die Doxs aber auch Hilfe bei ganz alltäglichen Problemen wie der Bestellung von Praxisbedarf. Von der Druckerpatrone bis hin zum Ultraschallgerät können mehr als 40.000 Produkte bei der genossenschaftseigenen Firma Medizintechnik bestellt werden. Die geballte Einkaufsmacht senkt die Preise. Zudem entwickeln die Ärzte gemeinsame Behandlungspfade und lassen sich in einer eigenen Akademie fortbilden.
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