Mutlose Generation
Zum Auftakt hat Philipp Daniel Merckle ein paar Manager an die Luft gesetzt. Die Praxis, Ärzte mit fragwürdigen Rabatten und Vergünstigungen zu animieren, ihren Patienten die Medikamente von Ratiopharm zu verschreiben, beendete der neue Chef auf einen Schlag. Den Mitarbeitern machte Merckle klar, dass Umsatz wichtig ist, aber nicht um jeden Preis. Ratiopharm stehe für Werte - es seien die Mitarbeiter, die diese Werte lebten.
Moral vor Umsatz: Schon munkelt die Branche, mit diesem Ansatz werde Ratiopharm seine Position als zweitgrößter deutscher Generikahersteller verlieren. Der 40-jährige Merckle gilt ihnen als naiv, als "Traumtänzer". Der lässt sich nicht beirren: "Echter Erfolg kann nur auf ethischer Grundlage beruhen."
Wie Merckle denken viele junge Führungskräfte. Der Unterschied: Die sagen nicht laut, was sie denken. Weil es vom Arbeitgeber nicht gern gehört wird. Es ist nun mal wenig karriereförderlich, als naiver Traumtänzer zu gelten. Werte sind etwas fürs Privatleben - im Unternehmen tauchen sie nur bei Festreden und im Jahresbericht auf.
Verantwortung ist der Anfang
Zynisch? Zynisch. "Insbesondere junge Führungskräfte finden im Unternehmensalltag nur wenig von den Werten wieder, die ihnen selbst wichtig sind", heißt es in der Führungskräftebefragung 2007 des Vereins Wertekommission, die der Financial Times Deutschland exklusiv vorliegt. 490 Führungskräfte wurden vom Institut für angewandtes Wissen befragt zu ihren Werten und den Umgang mit ihnen. Das Resümee: "Führungskräfte legen nicht weniger, sondern mehr Wert auf Werte."
Die höchste Wertigkeit unter den befragten Managern besitzt die Verantwortung. "Verantwortung ist der Anfang von allem", sagt Kai Hattendorf, Vorstand der Wertekommission und gemeinsam mit Mathias Bucksteeg Autor der Studie. Eng damit verknüpft sind die hohen Werte für Mut und Integrität, die vor allem in der Altersgruppe der 46- bis 55-Jährigen hoch im Kurs stehen. Die Altersgruppe der 26- bis 35-Jährigen fordert vor allem Respekt ein.
Das habe mit der unterschiedlichen Perspektive zu tun, heißt es in der Studie. "Mut zu zeigen wird eher Führungskräften mit einiger Berufserfahrung und in höheren Positionen abverlangt", sagt Hattendorf. "Respekt fordern dagegen eher die Jüngeren ein, die von ihren Vorgesetzten erwarten, dass ihre Leistungsbereitschaft gewürdigt wird."
80 Prozent der Führungskräfte widersprechen dem Satz "Meine Werte gehören ins Privatleben, bei der Arbeit spielen sie keine Rolle". Das bedeutet keineswegs, dass Mut und Integrität im Alltag ausgelebt werden, auch wenn sich das Gros der Manager selbst abverlangt, für die eigenen Werte einzustehen und negative Konsequenzen in Kauf zu nehmen.