Gesund einkaufen - Ökolebensmittelumsätze in Deutschland
Auf der geblümten Wachstuchdecke in der Küche liegen Durchschlagformulare mit Lochrand in Zartgrün und Rosa, daneben Aktenordner und Schnellhefter. Meinrad Rödel rückt seine Brille zurecht. "Kann ich das Bio-Zertifikat vom Saatgutlieferanten mal sehen?", fragt er.
Uwe Wüst reicht ihm die Fotokopie. Ihm gehört der Hof in Königheim bei Würzburg, der kontrolliert wird, damit er das sechseckige EG-Biosiegel und (vor allem) das Demeter-Markenzeichen auch im kommenden Jahr verwenden darf.
Wüsts Gesicht ist vom Wetter gegerbt, ein Tuch mit Peace-Symbolen hält die langen Haare aus der Stirn. Er hat den Betriebsbericht ausgefüllt, alles dokumentiert, was er im vergangenen Jahr an Getreide, Futtermittel, Saatgut, Vieh gekauft und verkauft hat. Hat akribisch aufgelistet, auf welchem Ackerstück er Gerste anpflanzt und auf welchem Dinkel, mit welchen Bauern, Zulieferern und Abnehmern er zusammenarbeitet und wie. Auch sie müssen biozertifiziert sein, die Zulassungen muss Wüst in seinen Akten haben, wenn der Kontrolleur kommt. Damit der sich einen Überblick verschaffen kann, ob der Warenfluss plausibel ist oder der Ertrag des Betriebs für heimlichen Zukauf spricht.
Weltweites Kontrollnetz
Lange Listen, die Ökolandbau-Kontrolleur Rödel Punkt für Punkt durchgeht, mit Abrechnungen, Verträgen und Bio-Zertifikaten abgleicht. Standardisierte Listen, die Qualität sichern sollen in einer Branche, in der die Verbraucher besonders kritisch sind.
Bio boomt. Wer sich gesund ernähren möchte, gibt die Zusatz-Euro für Ökolebensmittel gern aus. Längst haben Bioprodukte die Regale der Supermärkte erobert, längst kommen deutsche Biobauern mit der Produktion nicht mehr hinterher. Bio kommt mittlerweile auch aus Ungarn, aus Tunesien, aus China oder aus Brasilien. Zumindest steht Bio drauf. Aber ist auch Bio drin? Ja, sagt das Verbraucherministerium. Ja, sagen die Verbände. Ja, sagen die Verkäufer. Dafür sorgt ein weltweit ausgebautes Kontrollnetz. Einmal pro Jahr wird jeder Biobauer daraufhin kontrolliert, ob er die Vorgaben des Biosiegels der Europäischen Union (EU) einhält.
Bio liegt im Trend
4,5 Mrd. Euro gaben die Deutschen 2006 für Bioprodukte aus. Und das Potenzial ist längst nicht ausgereizt. Mehr als 300 Biosupermärkte haben in den vergangenen Jahren eröffnet, auch konventionelle Ketten und selbst Discounter wie Lidl setzen auf Bio. Experten erwarten bald einen Marktanteil von zehn Prozent. Was sich die Branche überhaupt nicht leisten kann, ist ein Lebensmittelskandal. Im Gegenteil: Wer sich im Markt als Premiumanbieter positionieren will, kann das nur über die überlegene Qualität. Das bedeutet: höhere Anforderungen und schärfere Kontrollen.
Für einen Verband wie Demeter ist das Biosiegel der EU daher eine Selbstverständlichkeit, sozusagen das Minimum nach unten. Er verlangt seinen Bauern weit mehr ab.