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Merken   Drucken   17.10.2011, 06:00 Schriftgröße: AAA

Enable: Mittelständler entdecken Open Innovation

Im Internet findet sich für jedes Problem jemand, der es lösen kann. Schneller und billiger als die eigene Entwicklungsabteilung. Man muss einfach nur fragen. von Olaf Wittrock
Niemals hätten sie so etwas in Auftrag gegeben beim Zeltehersteller Wechsel Tents. Ein Zwei-Personen-Zelt mit vier Eingängen? Seit 16 Jahren sind die Berliner im Geschäft, darum wissen sie: die vielen Eingänge erhöhen unnötig das Gewicht. Dennoch hat Wechsel Tents jetzt das Zelt "Forum 42" in seinem Katalog. Die Vier steht für die Zahl der Türen, die Zwei für das Platzangebot. Forum steht für die Entwickler. Denn nicht die Mitarbeiter von Wechsel Tents entwarfen das Design, sondern Nutzer von Outdoorseiten.net - ein Internetforum, in dem sich Radfahrer, Alpinisten, Kletterer und Kajakfahrer treffen, kurz: lauter potenzielle Käufer.
Einzelne Anregungen von Kunden, wie Produkte verbessert werden können, gab es in der Vergangenheit immer mal wieder, sagt Marketingchef Frank Vogelsberger. Doch der Online-Ansatz ist wesentlich radikaler. "Wir wollten herausfinden, was die Kunden wirklich wollen, ohne uns mit unserer Meinung einzumischen." Eine gute Methode, sagt Dirk Lüttgens, Projektleiter am Lehrstuhl für Technologie- und Innovationsmanagement der Technischen Hochschule Aachen (RWTH): "Wer selbst Lösungen sucht, geht dabei immer wieder ähnliche Wege. Fachfremde geben andere Antworten."
Open Innovation nennen Forscher dieses Prinzip. Genau genommen sind es sogar zwei Prinzipien, sagt Lüttgens: "Einmal geht es um die Frage nach dem, was entwickelt werden soll, einmal um die Frage, wie etwas entwickelt werden soll."
Wunsch der Nutzer: Zelt mit vier Eingängen   Wunsch der Nutzer: Zelt mit vier Eingängen
Um den erstgenannten Fall kümmern sich beispielsweise US-Plattformen wie Innocentive oder Ninesigma. Diese bieten nicht nur Unternehmen die Möglichkeit, Problemstellungen öffentlich auszuschreiben, sondern pflegen zugleich ein Netzwerk von Forschern, die sich regelmäßig darauf bewerben. Bei den wenigen deutschsprachigen Anbietern drehen sich die Innovationen meist um das Design der Produkte. Wie beim österreichischen Portal Brainfloor, der Schweizer Seite Atizo.com oder der deutschen Plattform Vo-Agentur.de, deren Nutzer bereits das Aussehen von Milchflaschen, Taschen und Kickertischen beeinflusst haben.
Open Innovation bedeutet aber auch, selbst auf Menschen zuzugehen, die anders denken. So wie die Schmitz-Werke, ein Markisenbauer aus dem westfälischen Emsdetten. Dort suchte man eine Alternative zu den Stahlketten, mit denen Markisen für gewöhnlich bewegt werden. Denn die können rosten und quietschen. Beim Schmitz-Produkt Markilux übernimmt dies jetzt verschleißfrei und geräuschlos die sogenannte Bionic-Sehne.
Markilux-Projektleiter Günter Schöttler hat dafür keine Internetausschreibung genutzt. Zwei Marketing-Mitarbeiter von Schmitz sind allein dafür abgestellt, in Fachmagazinen und im Internet nach Entwicklungspartnern zu suchen - und das nicht nur innerhalb der Branche. Die Sehne entstand in Zusammenarbeit mit einem Betrieb, der sonst Bänder und Borten, Kletterseile und Fallschirmgeschirre herstellt.
Von der Zusammenarbeit profitieren beide. Markilux kann ein innovatives Produkt auf den Markt bringen - und der Sehnenhersteller einen neuen Markt erschließen. "Erst einmal hat er eine feste Liefervereinbarung mit uns. Später kann er auch für die Wettbewerber produzieren." Schöttler hat das Prinzip Open Innovation vor zwei Jahren bei Schmitz eingeführt. "Damit verkürzen wir unsere Entwicklungszeiten extrem", sagt er. "Wir fragen uns hinterher oft, warum wir nicht selbst drauf gekommen sind. Aber ein Maschinenbauer denkt eben anders als etwa ein Chemiker."
Für Konzerne wie SAP , Bayer  oder Adidas  sind solche Prozesse bereits selbstverständlich. Unter Mittelständlern sei Open Innovation bislang jedoch kaum verbreitet, sagt Forscher Lüttgens. Dort sei die Scheu, Entwicklungsprozesse aus der Hand zu geben noch groß. "Außerdem fürchten viele die Kosten", sagt Lüttgens.
So kostet eine Ausschreibung auf einem internationalen Open-Innovation-Portal bei komplexeren Fragestellungen inklusive der Übersetzungsarbeit schnell 20.000 bis 30.000 Euro. "Im Vergleich zu den Kosten für interne Entwicklungen ist dies sehr wenig", sagt Lüttgens, "aber viele Mittelständler sehen nur die Anfangskosten und sind unsicher, ob sie am Ende ihr Ziel erreichen."
Die Markisenbauer der Schmitz-Werke belohnen ihre Partner mit exklusiven Lieferverträgen und gemeinsamen Patentanmeldungen. Und Zeltbauer Frank Vogelsberger gibt seinen Mitentwicklern beim Kauf eines Forum 42 einen Rabatt. Obwohl das zugegebenermaßen nun doch nicht ganz so aussieht, wie es die Mehrheit der freiwilligen Entwickler forderte. Danach wäre die Außenhaut des Forum 42 orangefarben. Das aber entpuppte sich im Praxistest als Magnet für Mücken und Fliegen. Tatsächlich wird das Zelt jetzt in den Farben Grün und Sand produziert. Diese Entscheidung fällten die Chefs von Wechsel Tents - ganz allein.
  • FTD.de, 17.10.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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