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  13.10.2009, 12:00    

Enable: Stemme ready for Take-off

Was macht ein Nischenanbieter, der plötzlich an der Schwelle eines riesigen Markts steht? Er stellt um auf Serienfertigung. Und fängt an, sich zu vernetzen. von Titus Kroder
Fünf Männer mit spiegeleigroßen Pilotenbrillen in grünen Overalls, hinter ihnen bratzt die kalifornische Sonne auf einen weißen Motorsegler, die Stemme S 10. "Dr. Stemme, die S 10 V war großartig! USAF Test Pilot School" ist der Farbabzug signiert, der gerahmt hinter dem Schreibtisch von Reiner Stemme hängt.
Für den Flugzeugkonstrukteur ist das Lob der amerikanischen Luftwaffe mehr als eine nette Geste. Es hat ihm und der Stemme AG die Tür aufgestoßen zu neuen Märkten, gedanklich jedenfalls. "Die besseren Margen liegen bei institutionellen Kunden", sagt der 69-Jährige mit dem linealgezogenen Scheitel. 250.000 Euro kostet eine S 10 für Privatkunden, ein technologisch aufgerüsteter Motorsegler kostet schnell mehr als das Doppelte. Deshalb wird antechambriert, bei der Polizei, bei Umweltbehörden und vor allem beim Militär.
Daher hält sich der promovierte Physiker neuerdings auf den Großmessen der Wehrtechnik auf, holt Marktstudien ein über unbemannte Drohnen und schickt Lobbyisten und Mitarbeiter mit einem Stemme-Stand auf militärische Fachkongresse. Alles Neuland. Bisher war die brandenburgische Firma ein Hersteller für ambitionierte Privatflieger - mit der S 10 als Premiumprodukt.
Zeit zum Abheben
Jetzt will Stemme dieses Glück im Winkel verlassen. Und abheben. Das wird schwierig: Der Flugzeugbauer muss sich in einem Markt positionieren, in dem Stemme niemanden kennt - und niemand Stemme kennt. Ein wenig transparenter Markt zudem, in dem nicht Enthusiasten entscheiden, sondern Controller.
Warum sollten die sich begeistern für einen Außenseiter, der seine Flugzeuge bislang in Handarbeit herstellt? Moment mal, sagt Stemme: Wir stellen jetzt um auf Serienproduktion. Nächstes Jahr soll die neue S 6 vom Band laufen, ergänzt von der S 10 für den gehobenen Bedarf.
Eine S 10 fliegt dank enormer Flügelspanne 50 Meter weit und sinkt dabei nur einen Meter. Die niedrige Sinkgeschwindigkeit seiner Motorsegler mache sie ideal einsetzbar für ein ausdauerndes Beobachten und Überwachen aus der Luft, sagt Stemme. Und was das an Kosten spare: Dank Fernsteuerung werde nicht einmal ein Pilot benötigt.
In die Luft gehen
1939 Reiner Stemme wird in Berlin geboren. Der promovierte Physiker wird zum Freizeitpiloten.
1984 Im (West-)Berliner Stadtteil Wedding gründet Stemme sein eigenes Unternehmen, das Motorsegelflugzeuge in Handarbeit herstellt.
1993 Mit einer Anschubfinanzierung des Landes Brandenburg zieht Stemme, seit 1990 eine AG, nach Strausberg um.
2008 Stemme kooperiert mit Militärkonzernen wie Sagem und OHB. Zugleich bereitet er die Umstellung von Manufaktur auf Serienfertigung vor.
2010 Die Serienfertigung des Motorseglers S 6 soll anlaufen.
Dr. Rainer Stemme   Dr. Rainer Stemme
Ehrgeiziger Plan
Solche Aufklärungsflieger würden gebraucht, sagt der Firmenchef und wird bestätigt durch die Zahlen der Teal Group. Das Beratungshaus schätzt, dass sich der Umsatz für unbemannte Aufklärer in den nächsten zehn Jahren auf 55 Mrd. US-Dollar weltweit verdoppeln wird. Gründe, fliegende Beobachter einzusetzen, gibt es offenbar zuhauf.
Die Bundeswehr könnte ihre Einsätze kontrollieren, in Krisenregionen könnten aus großer Höhe verdächtige Bewegungen registriert werden. Auf diese Weise könnten auch Pipelines überwacht und der Straßenverkehr observiert werden. Auch zur Landvermessung, zur Suche nach Bodenschätzen und sogar für Filmproduktionen könnten die Motorsegler genutzt werden.
In drei Jahren, so der ehrgeizige Plan, soll die Hälfte des Umsatzes der Stemme AG aus der neuen Sparte kommen, kurz UMS genannt. UMS steht für Umwelt-Messflug-Systeme, ein bewusst nichtmilitärischer Name. Schließlich sollen ja auch zivile Kunden angesprochen werden.
Zeit hat Stemme nicht zu verlieren, denn die Konkurrenz ist längst am Start. Spezialfirmen wie IAI und Elbit aus Israel verkaufen bereits ähnliche leichte Aufklärer, Konzerne wie EADS drängen in den Markt. Da hat niemand auf eine 50-Mann-Firma gewartet, die mäßig repräsentabel in früheren Baracken der DDR-Armee am Rande des Flughafens Strausberg untergebracht ist und die vergangenes Jahr gerade einmal auf 5,4 Mio. Euro Umsatz kam. Auch Reiner Stemme ist klar, dass ein Unternehmen dieser Größenordnung auf dem Radar der Ministerien gar nicht erst auftaucht.

Teil 2: Technologische Kooperation

  • FTD.de, 13.10.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland
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