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Merken   Drucken   05.08.2008, 09:21 Schriftgröße: AAA

Ex-Chef von Bear Stearns: Die Enthüllungen des James Cayne

Der Manager berichtet erstmals von seiner schweren Krankheit in den Monaten vor der Pleite der Bank. Doch Mitleid kennt die Wall Street nicht. Sie hält ihm vor, er habe zu viel Bridge gespielt. von Sebastian Bräuer
Wenige Tage vor dem Ende von Bear Stearns wird James Cayne  an den Pranger gestellt. Der New Yorker Künstler Geoffrey Raymond hatte den Ex-Vorstandschef der Investmentbank ungefragt porträtiert, mit einem selbstzufriedenen Lächeln auf den Lippen. Das Gemälde stellt Raymond vor der Bear-Stearns-Zentrale aus, als dort im Mai die letzte Aktionärsversammlung des Traditionshauses stattfindet. Was der Künstler dort an Kommentaren von entlassenen Angestellten und geprellten Aktionären über Sündenbock Cayne sammelt, ist nicht druckreif und geht weit über den Ärger hinaus, der erfolglose Manager sonst trifft. Bear Stearns ist gerade zum Spottpreis von 10 $ pro Aktie an den Rivalen JP Morgan Chase verhökert worden.
James Cayne   James Cayne
Was die wütenden Mitarbeiter und Anteilseigner noch nicht wissen: Cayne war in den Monaten des Niedergangs seiner Bank schwer krank und nach eigenen Angaben nicht mehr Herr der Lage. "Wenn du dir vorkommst wie ein überfahrenes Tier, wenn du Gewicht verloren hast und eins klar ist - du hast dir den Arsch abgearbeitet und warst trotzdem nicht geschickt genug, um die richtige Lösung zu finden - das ist hart", gestand Cayne jetzt dem Magazin "Fortune". Er sei im September 2007 mit einer Blutvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert worden, erzählte er in seinem ersten Interview seit dem Notverkauf. Die Ärzte hätten ihm nur eine Überlebenschance von 50 Prozent gegeben.
Mitgefühl lösen Enthüllungen nicht aus Nach zehn Tagen, in denen Cayne 15 Kilo verloren habe, kehrte er zurück auf den Chefsessel - ohne seine Erkrankung öffentlich zu machen. Auf die Frage, wie es sich anfühle, eine 85 Jahre alte Bank zugrunde gerichtet und dabei selbst etwa 1 Mrd. $ verloren zu haben, antwortete Cayne: "Ich habe nichts gefühlt." Das sei wie eine schlechte Note nach einem Test, mehr nicht.
Mitgefühl lösen seine Enthüllungen nicht aus. Im Gegenteil. "Er hat immer noch 600 Mio. $, die er nass weinen kann, während andere keine Rente mehr haben. Wo bleibt hier die Gerechtigkeit?", ätzt der Teilnehmer eines beliebten Insiderforums im Internet. Andere fragen, warum Cayne die Führung der Bank nicht abgab. "Wenn sie Caynes Ausfall geheim gehalten haben, was haben sie dann noch unter der Decke gehalten?", fragt ein Blogger.
Kein Ruhmesblatt
Cayne berichtet nicht nur freimütig von seiner entzündeten Prostata. Auch das Ausmaß seines Spielerdrangs wird in dem Interview deutlich. Während sich die Gerüchte über eine gefährliche Geldklemme von Bear Stearns in der zweiten Märzwoche 2008 zuspitzten, flog Cayne laut "Fortune" zu den nordamerikanischen Bridgemeisterschaften in Detroit. Da er erst seit Kurzem ein Handy besitzt, war er kaum zu erreichen.
Obwohl der Aktienkurs längst im freien Fall war, blieb Cayne in Detroit - und schaltete sich verspätet in die hastig einberufene Krisentelefonkonferenz ein, weil er zunächst das Bridgeturnier fortsetzte. Dann wartete er stundenlang auf ein Privatflugzeug, statt einen Linienflug zu buchen.
Am Ende zahlte JP Morgan  10 $ je Bear-Aktie, nachdem der Kurs im Januar 2007 noch bei 171 $ gelegen hatte. Kein Ruhmesblatt. Aber immerhin kann sich Cayne damit brüsten, mehr als ein Dutzend nordamerikanische Bridgemeisterschaften gewonnen zu haben.
  • Aus der FTD vom 05.08.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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