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Merken   Drucken   17.03.2010, 06:00 Schriftgröße: AAA

Fall Madoff: Die faszinierende Geschichte eines frustrierten Whistleblowers

Das Buch "No One Would Listen" enthält den geballten Frust des Autors. Harry Markopolos beschreibt, wie er sich neun Jahre lang mühte, den Madoff-Investmentfonds als Schneeballsystem bloßzustellen. von Sherron Watkins
Er musste mit ansehen, wie Madoffs System von 6 Mrd. $ auf 50 Mrd. $ anschwoll - doch weder die US-Börsenaufsicht SEC noch Madoffs Anleger schenkten Markopolos Gehör, als er Madoff als Betrüger enthüllen wollte.
Autor Harry Markopolos   Autor Harry Markopolos
Markopolos erzählt auf faszinierende Weise von seiner unermüdlichen Jagd auf den Mann, der hinter dem größten Betrugssystem der Welt stand. Bei der Lektüre konnte ich nur staunen, wie sehr seine Erfahrungen den meinen ähnelten. Genau wie ich war Markopolos mal verbissen, dann schockiert, frustriert und wurde wie ein Aussätziger behandelt.
Kein Finanzgenie, ein Gauner
Während seiner Tätigkeit bei einem konkurrierenden Investmentfonds erhielt Markopolos die Aufgabe, Madoffs Renditen nachzubilden. Er sammelte alle Madoff-Daten, an die er gelangen konnte, brütete über den Zahlen und drehte und wendete sie in alle möglichen Richtungen. Nachdem er alle anderen Möglichkeiten eliminiert hatte, kam Markopolos zu dem Schluss, dass Madoff ein Gauner sein musste.
Als ich 2001 bei Enron auf fragwürdige außerbilanzielle Zweckgesellschaften stieß, forschte auch ich nach Antworten. Auch ich versuchte, Manager vor der drohenden Katastrophe zu warnen. So erklärte ich Enron-Chef Ken Lay im August 2001, dass ich die große Sorge hätte, Enron werde in einer Welle von Bilanzskandalen implodieren. Ich rief bei Enrons Wirtschaftsprüfer Arthur Andersen an, ich setzte mich mit Enrons Anwälten zusammen - vergeblich. Auf mich wollte auch niemand hören.
Leider werden diejenigen, die offen sagen, dass der Kaiser keine Kleider anhat, gewöhnlich ignoriert. Der scheinbare Erfolg des Kaisers - Madoff oder Enron - und die Macht und Popularität, die er genießt, können ihn Andersdenkenden gegenüber immun machen.
Warnsignale ignoriert
Madoff wurde nicht aufgehalten, Enron wurde nicht aufgehalten. Und warum? Nicht nur, weil die Aufsichtsbehörden versagt haben, sondern auch wegen der Gier derer, die für die Betrüger gearbeitet haben. Mit Enron verdiente Arthur Andersen 1 Mio. $ pro Woche. Und Madoffs sogenannte Feeder Funds, also die Zulieferer, strichen den Löwenanteil der Gebühren ein, die eigentlich an Madoff hätten gehen müssen. Das Geld brachte intelligente Menschen dazu, Warnsignale zu ignorieren oder - noch schlimmer - sich an ethisch und rechtlich fragwürdigem Verhalten zu beteiligen.
Markopolos ist der Inbegriff einer Kassandra. Diese Figur aus der griechischen Mythologie sah das Unheil immer voraus, doch sie schaffte es nicht, ihre Umgebung zu überzeugen. Markopolos wurde von der SEC herabgemindert, und Madoff bezeichnet eihn als "ein Witz in der Branche".
Whistleblower muss glaubwürdig sein
Für die Tatenlosigkeit der SEC gibt es sicherlich keine Entschuldigung (vor allem nicht nach der Lektüre der Dokumente, die Markopolos 2005 bei der Börsenaufsicht einreichte und die im Anhang des Buchs abgedruckt sind). Doch Markopolos hat auch in gewisser Weise selbst zu diesem Kassandra-Fluch beigetragen. Er neigt zu Übertreibung, beharrt darauf, dass der Madoff-Skandal ein Betrug sei, "der mehr als jeder andere Menschenleben direkt betreffen werde". Angesichts der Verluste, die Aktionäre, Kunden und Gläubiger im Zuge der Bilanzskandale bei Enron, Worldcom und anderen erlitten haben, ganz zu schweigen von den Folgen des Zusammenbruchs dieser Unternehmen für Zehntausende Mitarbeiter weltweit, klingen einige seiner Äußerungen wichtigtuerisch.
Wer auf Missstände aufmerksam machen will kann sich den Luxus der Übertreibung nicht leisten. Glaubwürdigkeit und Integrität sind die einzigen Waffen des Whistleblowers. Ist nur der Hauch einer Übertreibung wahrzunehmen, haben diejenigen, die überzeugt werden müssen, eine Entschuldigung gefunden, eine Botschaft zu missachten, die sie nie hören wollten.
War in ähnlicher Situation: Die ehemalige Vize-Präsidentin von ...   War in ähnlicher Situation: Die ehemalige Vize-Präsidentin von Enron, Sherron Watkins
Heilsame Geschichte
Ich erschauderte, als ich las, dass Markopolos täglich nach Autobomben suchte. Seine Angst wurde noch verschlimmert, weil er davon ausging, dass Madoff auch mit Geld der russischen Mafia und lateinamerikanischer Drogenkartelle jonglierte.
Auch verdrehte ich zunächst die Augen, als ich las, dass er selbst Madoff umbringen wollte. Doch dann erinnerte ich mich, wie mein Leben im Herbst 2001 aussah. Damals, als niemand auf mich hören wollte, schaute ich da nicht ständig in den Rückspiegel? Vielleicht erscheint Markopolos' Verhalten nicht mehr ganz so absonderlich, wenn man bedenkt, dass er fast ein ganzes Jahrzehnt lang mit dieser Besessenheit gelebt hatte.
Sein Buch ist eine heilsame Geschichte, und den detaillierten aufsichtsrechtlichen Lektionen im Epilog gebührt Aufmerksamkeit. Hoffen wir, dass Markopolos sie dieses Mal auch erhält.
Die Autorin Sherron Watkins war der Enron-Whistleblower.
Aus der Financial Times, London. www.ft.com
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