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  07.09.2007, 12:30  

Fünf Gründer können jubeln

Müsli, Kita, Plagiatsschutz, Biorestaurant und Kofferrauskleidung: Die fünf Sieger des Gründerwettbewerbs enable2start stehen fest – und können sich über insgesamt 250.000 Euro Fördergeld freuen. von Claus Hornung
Am Mittwochabend hat eine hochkarätig besetzte Jury in Hamburg die Sieger des Gründerwettbewerbs enable2start ausgewählt. 673 Kandidaten hatten sich beworben, elf schafften es in die Endrunde und präsentieren sich an zwei Tagen der Jury. Bei einem feierlichen Gala-Dinner, an dem auch Wirtschaftsgrößen wie Arcandor-Chef Thomas Middelhoff, Neun-Live-Gründerin Christiane zu Salm und Investorin Susanne Klatten teilnahmen, wurden die Gewinner verkündet.
Jeder von ihnen erhält jeweils 50.000 Euro aus Sponsorengeldern und Dienstleistungen wie ein professionelles Coaching. Dafür dürfen wir die Gründer 15 Monate lang journalistisch begleiten. Was läuft gut, was schlecht, wie steinig ist der Weg zum Erfolg? Das sind die Fragen, über die wir "live" berichten werden. In einem täglichen Blog auf enable.de, dem Portal für Unternehmer, und alle drei Monate in enable, der Magazin-Beilage der Financial Times Deutschland.
Lesen Sie hier, welche Geschäftsideen sich durchgesetzt haben:
Eine Spinne bringt Marvin Andrä auf seine Geschäftsidee. Mitten im Berufsverkehr sitzt das Tier plötzlich in seinem Sichtfeld auf der Windschutzscheibe. Andrä selbst hat den blinden Passagier an Bord gebracht, wenn auch unfreiwillig: Das Tier ist unter Gartenabfällen herausgekrabbelt, die er zu einer Deponie bringen will. "Ich war in der Stadt unterwegs und konnte problemlos anhalten, aber auf der Autobahn wäre das richtig gefährlich geworden", sagt Andrä. Die Folie, mit der der damals 21-jährige Student den Kofferraum eigens ausgelegt hatte, konnte die Spinne nicht aufhalten. Und auch nicht den Dreck, der sich im Kofferraum und am Wagenhimmel ausgebreitet hat - für den gebürtigen Schwaben Andrä fast noch schlimmer.
Von da ab werden Andräs Vorlesungsbesuche seltener, stattdessen entwirft er einen Rundumschutz für den Kofferraum. "Ein Dreivierteljahr lang habe ich mich nur mit Schutzrechten herumgeschlagen. Dann ging die Entwicklung los", erzählt er. Das Ergebnis: der Bagpax. Ein Schutzbehälter aus reißfestem Polypropylen. Klett- oder Reißverschlüsse sorgen dafür, dass darin jeder Autofahrer sauber transportieren kann, was sonst den Kofferraum beschädigt oder verdreckt: von Gartenabfällen über Bauschutt bis hin zu farb- oder ölverschmierter Kleidung. Um die 50 Euro kostet ein Bagpax. Drei Jahre sind seit dem Spinnenerlebnis vergangen, inzwischen hat Andrä 5000 Bagpax in drei Varianten für Kompaktwagen, Limousinen und Kombis über Baumärkte verkauft, Verhandlungen mit einem Teleshopping-Kanal laufen.
"In diese Idee würde ich auch mein eigenes Geld investieren", sagt Peter Ingenlath von der enable2start-Jury. Die ist von Andrä auch wegen Sätzen wie diesem begeistert: "Ich überlege, eine Spezialvariante für Jäger zu produzieren. Die sind nicht preissensibel."
Es gibt Fragen, für deren Beantwortung würde manch etabliertes Unternehmen eine Arbeitsgruppe einsetzen. Etwa: "Glauben Sie, dass Sie erst Ihren Vertrieb in Deutschland ausbauen sollten, bevor Sie in die USA expandieren?" oder "Was würden Sie tun, wenn Ihnen Unilever 20 Mio. Euro für Ihre Idee böte?" Hubertus Bessau und seine Freunde Philipp Kraiss und Max Wittrock haben ihr Unternehmen Mymuesli.com vor gerade einmal vier Monaten gegründet und müssen dennoch bei ihrer Präsentation solche Fragen beantworten. Ohne Arbeitsgruppe.
Der Erfolg ihres Geschäftsmodells hat sich so schnell eingestellt, dass die drei Passauer selbst sichtlich überwältigt sind. Ein Müsli aus biologischen Zutaten, das sich jeder Käufer individuell zusammenstellen kann - so simpel ist die Idee, die die drei entwickelt haben. "Das Müsli, das jedem schmeckt, gab es einfach nicht zu kaufen", sagt Hubertus Bessau. Auf der Homepage der Müsli-Jungs kann der Kunde aus 75 Zutaten wählen, darunter so exotische wie tibetanische Goji-Beeren, Sauerkirschen oder Gummibärchen. Theoretisch sind bis zu 566.000 Milliarden Mischungen möglich. Der fertige Mix wird in einer 600-Gramm-Dose per DHL an den Besteller geschickt.
Bereits nach den ersten zwei Wochen sind die für zwei Monate kalkulierten Lagerbestände aufgebraucht. Berichte in Zeitungen und Fernsehen heizen das Geschäft zusätzlich an. Inzwischen unterstützen zehn Hilfskräfte die Passauer Jungunternehmer beim Abfüllen der Ware.
Ach ja, die selbstbewussten Antworten der drei Gründer auf die eingangs gestellten Fragen lauten übrigens: "Wir wollen so schnell wie möglich in die USA. Es wäre schade, wenn uns jemand das Geschäft wegschnappt." Und: "Darüber würden wir sicher nachdenken."
Der Markt für gefälschte Produkte boomt. Allein im vergangenen Jahr wurden weltweit 700 Mrd. Euro mit Plagiaten umgesetzt. "Niemand, der sich einen Markenanzug kauft, kann sicher sein, dass er ein Original erwirbt", sagt Mario Cameron, "aber das Problem ist noch viel größer. In Afrika wissen Apotheker, die ein Medikament verkaufen, oft nicht, ob sich darin tatsächlich die angegebenen Wirkstoffe befinden."
Cameron hat eine Technik entdeckt, die diese Probleme lösen soll. Die Idee: Jede Originalverpackung muss eindeutig als solche identifizierbar sein. Dafür benötigt Camerons Firma S2i-Technologies keine eigens aufgebrachten Merkmale wie Holografien. "Beim Bedrucken von Papier oder Textilien entsteht auf jeder Verpackung ganz zufällig ein Muster. Und dessen Struktur ist so individuell wie ein Fingerabdruck."
S2i-Technologies kann diese "Fingerprints" bereits beim Druck speichern und später abgleichen. Spezielle Kameras, angebracht in den Druckmaschinen, speichern die Daten. Ein simpler Flachbett-Scanner reicht aus, damit der Textilhändler in München oder der Apotheker in Kinshasa diese Daten abgleichen kann und weiß, ob er ein Originalprodukt vor sich hat. "In Zukunft wird dafür ein Fotohandy genügen", sagt Cameron. Bald soll das Verfahren auch auf Glas und Metall angewendet werden können.
S2i-Technologies verdient an den Lizenzgebühren für die Technik. Außer denen kommen auf die Verpackungshersteller kaum Kosten zu, sagt Cameron. Um die 5000 Euro kostet die Nachrüstung einer Druckmaschine. Die Kosten pro Packung liegen bei rund 1 Cent. Zum Vergleich: Der Aufdruck eines Hologramms kostet derzeit rund 8 Cent. "Dieser eine Cent ist fast kein Geld und kann helfen, Leben zu retten."
Anfangs reihte sich ein Rückschlag an den nächsten. "Eigentlich müsste man denken, dass Kinderbetreuung gerade in diesen Tagen ein großes Thema in Deutschland wäre", sagt Susann Reimers. Doch die Realität sieht anders aus. Seit April dieses Jahres verfolgt die 28-Jährige ihre Idee von der Gründung einer Kindertagesstätte auf Premiumniveau.
"Meine Erfahrungen sind: Immobilienbesitzer, die beim Wort Kita rasch das Weite suchen, Makler, die trotz 90-prozentigem Leerstand nicht an mich vermieten wollen, und dubiose Geldgeber, die nicht liquide sind, wenn es ernst wird." Jetzt wird es ernst. In wenigen Monaten wird Reimers in München die Kita Elly &Stoffl eröffnen. Mit einem Konzept, das auf die Bedürfnisse der Kinder ebenso eingehen will wie auf die der Eltern. Zum Beispiel durch Personal, das mit dem Nachwuchs nicht nur deutsch, sondern auch französisch oder englisch spricht: "Die Kinder lernen dadurch ganz nebenbei neue Sprachen - ganz ohne Unterricht."
Hinzu kommen Angebote wie eine Kindersauna und Yogakurse. Auch der Speiseplan soll vielfältiger sein als in anderen Einrichtungen, bis hin zu veganen Sonderwünschen. Die Eltern profitieren unter anderem von den Öffnungszeiten. "Wir schließen nicht während der Ferien und passen unsere Öffnungszeiten den Arbeitszeiten der Eltern an", sagt Reimers, "es wird sogar die Möglichkeit zum Übernachten geben."
Dass es für ihr Angebot ausreichend Nachfrage gibt, hat Reimers schon gemerkt, als sie die erste Stellenanzeige schaltete. "Allein daraufhin meldeten sich 30 Eltern, die ihre Kinder bei mir anmelden wollten." Auch die Jury glaubt an diesen Markt. Und daran, dass sich nach Reimers' Sieg bei enable2start für sie ein Erfolg an den nächsten reihen wird.
Die Zusammensetzung der enable2start-Jury war mit neun Männern für Jan Rosenkranz eher ungünstig. Denn seine Restaurantkette Nat soll in erster Linie Frauen ansprechen. "Frauen essen anders als Männer: Sie essen kleinere Portionen, sie essen abwechslungsreicher, und sie sind offener für Neues."
Offen für Neues müssen die Kunden von Nat auch sein, denn Rosenkranz wagt einen Spagat zwischen Schnellimbiss und Biohof. Immer mehr Menschen wenden immer weniger Zeit für ihre Mahlzeiten auf, wollen sich aber gleichzeitig möglichst gesund ernähren, ist Rosenkranz überzeugt. Im November wird in der Hamburger Innenstadt das erste Nat-Restaurant eröffnet. Die Produktpalette besteht zur einen Hälfte aus vegetarischen, teilweise sogar veganen Speisen, zur anderen aus Rind-, Geflügel- und Fischgerichten. Alle Lebensmittel stammen aus biologisch zertifizierter Erzeugung. Um das Angebot möglichst weitgehend aus regionalen Saisonprodukten bestücken zu können, wird die Speisekarte viermal im Jahr ausgetauscht.
Trotz so viel Ökologie - in Sachen Tempo wird Nat mit jedem Burger-Grill mithalten können, verspricht Rosenkranz. In der Geschäftsführung der Steakhaus-Kette Block House hat er in den vergangenen Jahren eine Menge Gastronomieerfahrung gesammelt. Ein weiterer Pluspunkt wird der ungewöhnlich flotte Service sein: Die Bedienung kommt bei Nat auf ein Klingeln hin zum Tisch und gibt die Getränkebestellung elektronisch an den Tresen weiter. "Noch während der Gast sein Essen bestellt, werden ihm die Getränke bereits serviert."
In fünf Jahren soll es 50 Nat-Restaurants in allen deutschen Metropolen geben, die meisten davon als Franchisebetriebe. "Und natürlich werden dort auch die Männer satt werden", versichert Rosenkranz. Die Jury hat es geschluckt.
  • 07.09.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland
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