Porzellan hat ein Gedächtnis. Noch grau und weich, vorm ersten Brennen, ist das Material fast kapriziös. Einmal grob angefasst, vom Werkzeug falsch berührt - schon ist sie da, die kleine Delle, die das kostbare Werk wertlos macht. Denn Porzellan verzeiht nichts, Ausbeulen nützt nichts. Selbst wenn es ausgebessert in den Ofen wandert - nach dem Brand ist der Makel wieder da.
Ein Makel darf nicht sein im Porzellangeschäft. Das gilt für Kaffeetassen ebenso wie für Unternehmen. Deshalb hat Jörg Woltmann nicht auf seine Berater gehört, als er 2006 die Königliche Porzellan-Manufaktur in Berlin übernahm. Insolvent sollte er sie gehen lassen, damit sie die Schulden loswird. Einen Schlussstrich ziehen unter die Jahre der Misswirtschaft und ganz von vorn anfangen. Doch dem Porzellanliebhaber Woltmann graust vor Brüchen. Das ist das Schlimmste. Wenn ein kostbares Stück beim letzten Brand zerbricht. Oder wenn sich ein Bruch einschreibt in knapp 250 Jahre Firmengeschichte, um ihr als Makel ewig anzuhaften: die KPM insolvent. Nein, dann lieber ein paar Millionen mehr reinstecken.
Woltmann ist kein gewöhnlicher Unternehmer. Eher ein Idealist, der ein Vermögen - nämlich sein Privatvermögen - in ein altes Berliner Gewerbe investiert, um es am Leben zu erhalten. Er kann es sich leisten. Seine Privatbank, die Allgemeine Beamten Kasse in Berlin, wirft genug ab. Doch Woltmann besitzt auch Erfahrung, kennt sich aus mit Marktnischen, und er kennt seine Kunden: betuchte Bildungsbürger, die den Wert von handgemachtem Porzellan und gutem Design zu schätzen wissen. Die ein Tafelservice fürs Leben suchen.
Hochwertige Handarbeit passt nicht zu Rabattaktionen
Die will Woltmann gewinnen, nicht nur in Berlin und in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt. Dafür nimmt er sich Zeit. Kein Aktionismus, keine Rabattaktionen. Stattdessen zu den hohen Preisen stehen, den exklusiven Markt abstecken. "Das Schlimmste wäre", sagt er, "wenn die ganze Welt auf einmal KPM kaufen würde." Sein Plan ist nicht grenzenloses Wachstum oder Marktführerschaft. Woltmann hat eine Manufaktur gekauft, um sie zu erhalten. Manufaktur, das bedeutet Handarbeit, ausgewählte Spezialisten, die mit Hingabe arbeiten dürfen. Nur so entstehen Teller, Vasen, Statuen von solcher Qualität, wie die KPM sie bietet. Das härteste, weißeste Porzellan der Welt, wie Woltmann betont.