Gerhard Cromme mistet seinen Terminkalender aus und legt eine Vielzahl seiner Aufsichtsratsmandate nieder. Die Führung des Siemens-Kontrollgremiums ist mehr als nur ein weiterer Nebenjob. von Matthias Ruch
Gerhard Cromme wird oberster Siemens-Kontrolleur
Das Versteckspiel hat ein Ende, Gerhard Cromme macht reinen Tisch. Der Chef der Corporate-Governance-Kommission und Schwergewicht in etlichen Aufsichtsräten löst Heinrich von Pierer ab. Notgedrungen, aus Mangel an Alternativen. So hallt es aus Crommes Umfeld.
Auf dem Papier erscheint der 64-Jährige als idealer Kandidat: Seit 2003 sitzt er bei Siemens im Aufsichtsrat. Dort führt er den Prüfungsausschuss, der Licht in die Korruptionsaffäre bringen soll. Persönlich ist er bislang über jeden Zweifel erhaben - und als Chef der Corporate-Governance-Kommission steht sein Name wie kein zweiter für saubere und transparente Unternehmensführung. Als Aufseher bei der Allianz, bei Eon, bei der Lufthansa und nach vielen Jahren bei ThyssenKrupp ist er zudem reich an Erfahrung.
Diese wird Cromme auch brauchen, denn der Weg, der Siemens aus der Krise führen soll, wird beschwerlich. Dass seine Berufung nun zunächst nur bis Anfang 2008 gilt, ist reine Formsache. Cromme wird Zeit brauchen - und diese Zeit wird er bekommen.
Als Norddeutscher, der anders als Heinrich von Pierer keine Verbindungen zum berühmten Siemens-Netzwerk in München und Erlangen hat, wird sich Cromme im neuen Amt nicht nur Freunde machen. Schon seit Wochen war er als potenzieller Nachfolger gehandelt worden. Mit einer öffentlichen Klarstellung hätte er diese Spekulationen sofort aus der Welt räumen und von Pierer damit entscheidend stärken können. Doch er schwieg. Cromme hatte wohl längst begriffen, was auch bei Siemens jeder wusste: Wenn von Pierer gehen muss, würde es weit und breit nur einen einzigen geeigneten Nachfolger geben - Cromme.
Bis zuletzt hatte der frühere Stahlmanager aus dem Hintergrund verlauten lassen, dass er keine Ambitionen hege, den Sitz von Pierers zu übernehmen. Er wolle sich ganz auf seine Arbeit im Prüfungsausschuss konzentrieren. Durch seine zahlreichen Mandate in anderen Aufsichtsräten sei er vollkommen ausgelastet. Das Amt von Pierers, in diesen Tagen alles andere als eine Nebentätigkeit, könne er daher schon zeitlich nicht mehr ausfüllen. Nun aber kann er doch: Kurzerhand mistet Cromme den Kalender aus. Den Großteil seiner Mandate wird er niederlegen.
Bilderserie
Aufstieg und Fall von Mr. Siemens
Der Manager muss nun Licht in die Affäre Siemens bringen, doch auch die eigene Rolle, die er in den vergangenen Wochen hinter den Kulissen des Aufsichtsrats gespielt hat, liegt noch im Dunkeln. Erst auf Drängen - auch von Seiten der Politik - soll er sich Ende vergangener Woche dazu bereit erklärt haben, das Amt zu übernehmen, heißt es aus seinem Umfeld. Bis dahin habe er stets loyal hinter von Pierer gestanden. Der wiederum spricht von einem persönlichen Entschluss zum Rückzug, aus dem Amt gedrängt habe man ihn aber nicht. Aus seinem Umfeld heißt es dagegen, Cromme habe die Demontage des 66-Jährigen selbst mit vorangetrieben.
Dass auch Cromme von den illegalen Vorgängen bei Siemens gewusst hat, scheint bisher abwegig. Die Frage, warum sein Prüfungsausschuss nicht früher auf die Ungereimtheiten gestoßen ist, wird er sich aber gefallen lassen müssen.
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