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Merken   Drucken   18.06.2008, 16:59 Schriftgröße: AAA

Internet: Der Theoretiker des Web 2.0

David Weinberger ist ein echter Revolutionär. Allerdings nur in der Theorie. Denn sein Job ist es, Ideen und Visionen für das Web zu entwickeln - und das macht man am besten, in dem man nicht so denkt, wie alle anderen. von Jens Gerke
Er ist ein Querdenker von Berufs wegen. Einige bezeichnen ihn auch als Vordenker. Was irgendwie auch stimmt. Denn lange bevor Gott und die Welt über Web 2.0 geredet haben, verfasste er mit anderen Autoren zusammen das sogenannte Cluetrain-Manifest. Was ihm viel Bekanntheit einbrachte. Das war zum Höhepunkt des Dotcom-Booms im Jahre 1999.
Insgesamt 95 Thesen stellten Weinberger und drei weitere Autoren auf. Es ging darum, wie das Internet die Gesellschaft und die Wirtschaft verändert. Die erste These lautete: "Märkte sind Gespräche". Simpel, und doch eine Revolution. Das war der Startpunkt seiner Karriere.
"Hyperlinks untergraben Hierarchien"
David Weinberger im Jahre 1972   David Weinberger im Jahre 1972
Und in der Tat lesen sich viele der 95 Thesen von damals wie die Realität im Netz von heute. Als siebter Punkt des Manifestes war zu lesen, dass Hyperlinks hierarchische Strukturen auflösen. Und diesen Gedanken verfolgte Weinberger weiter. Seine Ergebnisse veröffentlichte er 2007 in seinem heiß diskutierten Buch "Everything is Miscellaneous. The power of the new digital disorder". Liebe das Chaos, so das Credo. Es ist die Fortführung der "Cluetrain"-Idee und was er fordert, ist nicht minder radikal: Ein komplettes Umdenken der Wirtschaft.
Dabei erweckt der 1950 in New York geborene David Weinberger auf den ersten Blick nicht den Anschein eines Revolutionärs. Eher still und bescheiden geht er auf Menschen zu. Seine Augen strahlen dennoch Offenheit und Neugierde aus - eine angenehme Mischung.
Nur die Frage nach seinem Lieblingsessen scheint ihn zu irritieren. "Wieso wollen sie das wissen? Ich bin nicht so interessant", sagt Weinberger. Also gut, keine Fragen nach dem Lieblingsessen. Dann doch lieber Fragen zu seiner neuesten Brandschrift: "Kontrolle als Risiko".
"Schafft die Kontrolle ab"
Und wieder formuliert der Mann der Ideen eine revolutionäre These: Möglichst jegliche Kontrolle in Unternehmen abzubauen. Als erstes soll die Arbeitsorganisation geopfert werden. Er fordert die Abschaffung von hierarchischem Management. Für ihn nur "ein unrealistisches Bestreben, das zu kontrollieren, was eigentlich nicht kontrolliert werden sollte, ein kläglicher Versuch, sich an die eigene Macht zu klammern, eine lächerliche Anstrengung, sich aufzuspielen".
David Weinberger im Jahr 2008 bei einem Besuch in Hamburg   David Weinberger im Jahr 2008 bei einem Besuch in Hamburg
Was vielleicht für den einen oder anderen Chef zutreffen mag, ist in Gänze allerdings harter Tobak. Bedeutet es doch die Welt, so schön oder schlecht man sie findet, aus den Angeln zu heben. So dürften solche Worte Angestellte zu Jubelschreien verleiten und Führungskräfte protestieren lassen. Auch in anderen Bereichen wie bei der Arbeitszeit sollen Unternehmen auf Kontrolle verzichten - zur Effizienzsteigerung der Mitarbeiter. Denn durch Kontrolle kommt es zu Ineffizienz, warnt Weinberger eindringlich.
Am besten beschreibt man ihn als ein Grenzgänger zwischen Technik, Wirtschaft und Gesellschaft. Der Doktor der Philosophie ist Fellow am renommierten Berkman Center for Internet & Society der Havard Law School. Nebenbei berät er Startups und ist Autor und Journalist. Zurzeit lebt er in Boston mit seiner Frau und seinen drei Kindern.
Aktuelle Veröffentlichung
"Kontrolle als Risiko". In: Die Kunst loszulassen. Enterprise 2.0, Hg. Willms Buhse, Sören Stamer, Berlin 2008, Rhombos-Verlag
www.diekunstloszulassen.de
  • FTD.de, 18.06.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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