Als Generalsekretär der Vereinten Nationen wurde er schon gehandelt, auch als Außenminister der Europäischen Union. Auf Parteitagen der Grünen heimste er stets den größten Beifall ein - selbst wenn er nur per Video zugeschaltet war. Noch im Januar huldigten ihm die deutschen Medien, weil sein Ministerium nach der Tsunamikatastrophe wie ein Uhrwerk funktionierte und er bei seinem Besuch in der Krisenregion - vorbildlich bescheiden mit Linienmaschine - stellvertretend für die ganze Nation dem Grauen die Stirn bot. Platz eins in der Liste der beliebtesten Politiker war ihm ohnehin jahrelang sicher.
Vorbei. Am Montag kämpft Fischer vor dem Visa-Untersuchungsausschuss-Untersuchungsausschuss des Bundestags live im Fernsehen um Amt und Ansehen. Drei wesentliche Fragen muss er beantworten: Wie konnte es passieren, dass in seinem Ministerium 1999 zwei Erlasse verabschiedet wurden, die sich später als Schlupfloch für kriminelles Erschleichen von Einreiseerlaubnissen entpuppten? Warum erging im März 2000 ein zumindest missverständlicher Erlass an die Botschaften in aller Welt, dessen Formulierung "Im Zweifel für die Reisefreiheit" mancherorts als Anweisung zum Verzicht auf Kontrollen verstanden wurde? Und warum dauerte es trotz vieler Warnberichte der Botschaften zwei Jahre, bis die Probleme beseitigt wurden?
Hätte Fischer Mitte Februar passable Antworten gegeben, wäre die Aufregung um die Visa-Affäre nie übergekocht. Doch eingeschüchtert vom drohenden Untersuchungsausschuss zog Fischer es vor zu schweigen - und verwandelte die Lage in ein Desaster. Aller Welt machte er so deutlich, dass er sich selbst für besiegbar hält. Geradezu körperlich litt Fischer in den letzten Wochen darunter.
Der Weg zwischen Larmoyanz und Arroganz
Am Montag vor dem Ausschuss wird Fischer allein auf sich gestellt sein. Anders als der ehemalige Staatsminister Ludger Volmer wird er sich nicht auf Erinnerungslücken oder fehlende Zuständigkeit herausreden können. Er trägt die Verantwortung. Der Versuch im Februar, bei einer misslungenen Open-Air-Pressekonferenz die Fehler seinen Mitarbeitern zuzuschieben, erwies sich als Katastrophe.
Seine größte Aufgabe am Montag: Er muss gegen alle Gewohnheit einen Weg zwischen Larmoyanz und Arroganz finden. In den letzten Wochen hatte das Chamäleon Fischer getestet, wie weit er auf Mitleid und Verständnis hoffen darf. Am Montag wird er kämpfen.
Nachdem am vergangenen Donnerstag der unterschätzte Ludger Volmer eine passable Figur abgegeben hatte, wurde Fischer in den letzten Tagen als klarer Sieger des Showdowns gehandelt. TV-Satiriker Harald Schmidt spielte vor, wie er seinen Gegenspieler von der Union zum Watschenmann machen wird.
Die Erwartungen an Fischer sind schon wieder überlebensgroß.