Liebling Kreuzberg macht Verluste. Der Anwalt, den Manfred Krug in der gleichnamigen Fernsehserie verewigte, ist typisch für Berlin: ein Kiezjurist, der sich zwischen Schöneberg, Kreuzberg und Tempelhof mit den Räumungsklagen, Scheidungen und Verkehrsunfällen seiner Nachbarn beschäftigt. Doch seine Geschäfte könnten besser laufen. Reihenweise sind den Kiezanwälten die Mandanten weggebrochen. Die kleinen Handwerksfirmen, häufig Bauträger, sind nach und nach durch Insolvenz verschwunden. Und viele Privatleute lassen sich zwar immer noch scheiden, wollen für die Beratung aber ungern zahlen. "Da müssen Sie Ihren Honoraren hinterherlaufen", sagt Ulrich Schellenberg, Vorsitzender des Berliner Anwaltvereins.
Die mäßige Berliner Wirtschaftslage schlägt auf den juristischen Markt durch. Mehr als 10.000 Anwälte sind mittlerweile in der Hauptstadt zugelassen. Nicht jeder Neujurist findet sofort ein Auskommen. Gelegentlich hören die Bewerber in den Kanzleien: Bei mir dürfen sie arbeiten, aber sie bekommen kein Geld dafür. Und wer nur lange genug erfolglos gesucht hat, wird auch dieses Angebot annehmen.
Seit 1990 hat sich die Zahl der Anwälte in der Hauptstadt verdreifacht. Das ist viel, aber nicht zu viel, findet Schellenberg. Er ist dagegen, die Anwaltszulassungen zu limitieren: "Gute Anwälte wird man immer brauchen." Wer neu auf den Markt drängt, sollte aber besser nicht mehr auf Liebling Kreuzberg machen: Das Messing-Kanzleischild polieren, aufhängen, dann auf Kundschaft warten - das reicht nicht mehr aus. Wer zu breit aufgestellt ist, kann lange warten.
Bestimmte Spezialisierung
Nischenanwälte kommen derzeit besser über die Runden. Weil sie sich auf bestimmte Rechtsgebiete oder auf einen speziellen Mandantentypus spezialisiert haben. Wer sich etwa am Hackeschen Markt in Berlins Mitte niederlässt, wird Nachbar vieler Werbeagenturen.
Die Spezialisierung kann auch darin bestehen, ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Agenturchefs zu entwickeln - für ihre Knöllchen, ihre Gewerbemietverträge, aber auch für ihre urheberrechtlichen Probleme.
Die Hauptstadtbüros der Großkanzleien müssen sich ebenfalls etwas einfallen lassen. In Frankfurt gibt es die Banken, in München die Industrie. Die Berliner Wirtschaft hingegen ist derzeit schwach auf der Brust. Anders als es mancher nach der Wende erwartet hätte, haben die Konzerne nicht alles stehen und liegen lassen, um mit ihren Zentralen nach Berlin zu ziehen. Für die Stadt und ihre Anwälte ist das misslich: Mandate entstehen nun mal häufig am Unternehmenshauptsitz.
Die Großsozietät Clifford Chance hat deshalb vor kurzem Schluss gemacht mit ihrer Hauptstadtpräsenz. Und damit Spekulationen entfacht, ob nicht auch andere Kanzleien erwägen, aus Berlin wegzugehen - trotz Regierung und Verbänden. "Die Nähe zur Regierung ist kein Selbstzweck", sagt Hans-Josef Schneider, Geschäftsführender Partner von Clifford Chance in Frankfurt. Als der Berliner Markt heikler wurde, rechneten die Partner bei Clifford nach: Das ganz auf Immobilienrecht ausgerichtete Berliner Büro rentierte sich nicht mehr.
Immobilienmarkt boomte
Kurz nach der Wende sah es auch hier noch ganz anders aus. Der Berliner Immobilienmarkt boomte, und in der Baubranche war juristischer Rat gefragt. Darüber freuten sich die Kiezanwälte, die kleine Bauunternehmer berieten, und natürlich auch die Großkanzleien, die mit ihren neu eröffneten Büros ein paar Ligen darüber spielten. Wer sich nur auf Immobilien konzentrierte, "hat sich in guten Zeiten eine goldene Nase verdient", kommentiert ein Branchenkenner. Doch vor einigen Jahren sackte der Immobilienmarkt mit einem Mal in sich zusammen, zu schnell und zu wenig organisch war er gewachsen.
Auch die Großkanzleien sind erfinderisch geworden, um ihre Hauptstadtpräsenzen rentabel zu halten. Die Sozietät Lovells hat ihren Finanzsachverstand in der Stadt geballt. Doch da Berlin nicht eben als Bankenmetropole bekannt ist, muss das Lovells-Bankrechtsteam von hier aus im ganzen Bundesgebiet operieren. Ähnlich steht es in der Kanzlei Freshfields. Mit rund 70 Anwälten stellt sie das größte Hauptstadtbüro. Die Ministerien sorgen für einen guten Teil der Freshfields-Mandate, ansonsten agieren Spezialistengruppen überall in Deutschland, wo ihr Rat gebraucht wird. Angesichts der kleinteiligen Berliner Wirtschaft dürfen die hiesigen Büros nicht standortfixiert sein.
Als Hauptstadt ist Berlin immerhin in der Lage, internationale Mandate anzuziehen. "Es gibt nur drei deutsche Städte, die international wahrgenommen werden: Frankfurt, München und Berlin", sagt Roland Hoffmann-Theinert, geschäftsführender Partner der Kanzlei Görg in Berlin. Nur die Hälfte der Mandate bei Görg kommt aus der Region, der Rest ist nationaler und internationaler Herkunft. Für Hoffmann-Theinert liegt die Chance der Hauptstadtbüros darin, erster Ansprechpartner für ausländische Mandanten zu sein. Wenn es denn mit der Verkehrsverbindung klappt. So mancher Mandant aus den USA hat sich schon darüber gewundert, dass er für einen Flug in die deutsche Hauptstadt erst in Frankfurt umsteigen muss.