Manager-Mentalität: Macht Macht unhöflich?
Lucy hat gekündigt. Ständig hatte ihre Vorgesetzte sie ignoriert und ihre Arbeit in der Hochschulverwaltung unterminiert. Als die Vorgesetzte einmal aus dem Urlaub zurückkehrte, schickte sie an die gesamte Abteilung eine E-Mail, in der sie sich für die Arbeit während ihrer Abwesenheit bedankte - nur Lucy erhielt die Mail nicht. Ein anderes Mal sagte die Vorgesetzte zu einigen von Lucys Kollegen, Lucy könne man nicht trauen.
Lucy (Name geändert) erzählt, dass es danach nur noch bergab ging. "Ich fand das so unglaublich unverschämt", sagt sie. "Ich habe ihr gegenüber eine extrem negative Einstellung entwickelt. Bei mir fiel die Klappe. Ich hatte das Gefühl, dass sie jemand war, die ich gar nicht richtig kennen lernen und mit der ich nicht zusammenarbeiten wollte. Die Kommunikation war sehr schlecht, das hat die Arbeit schwierig gemacht."
Macht macht unhöflich?
Ihre Erfahrungen sind kein Einzelfall. Aus einer britischen Studie über das Verhalten am Arbeitsplatz geht hervor, dass Personen in Machtpositionen oft am stärksten zu unhöflichem Verhalten neigen. Die Befragten werfen ihren Vorgesetzten vor, Mitarbeiter vor Kollegen und Kunden zu rügen, unangenehme Nachrichten per E-Mail mitzuteilen, die Arbeit jüngerer Mitarbeiter zu ignorieren und öffentlich die Arbeit von Angestellten zu verreißen.
"Der Chef hat mich vor 20 Leuten angebrüllt und gesagt, dass die Arbeit, die ich geleistet hatte, 'Scheiße' sei und dass ich sie noch einmal machen müsse", sagt ein Angestellter. Eine Mitarbeiterin einer Wirtschaftprüfungsfirma erinnert sich, wie "einer der Partner mit den Fingern schnippte, um die Aufmerksamkeit eines führenden Managers zu erhalten und ihn wie ein Hündchen in sein Büro zu zitieren". Ein weiterer Befragter erzählt, dass, als der Chef dem Büro einen Besuch abstattete, "einige der Leute von den VIPs vollkommen ignoriert wurden - nicht einmal ein 'Hallo' oder 'Guten Morgen' gab es". Und eine Angestellte berichtet, dass "ein Vorstandsmitglied, das inzwischen die Firma verlassen hat, mir aufgetragen hat, ihm bei strömenden Regen sein Sandwich zu besorgen - ich war damals im achten Monat schwanger."
Anmaßend und überbeschäftigt?
"Benimmlektionen müssen von der Spitze aus gelehrt werden", sagt Colette Hill, Chefin der Beratungsfirma CHA, die die Umfrage in Auftrag gegeben hatte. "In einem Unternehmen, dessen Manager selektiv höflich sind, angesetzten Besprechungen nicht beiwohnen, sich in Bezug auf Fristen anmaßend verhalten oder nebenbei direkte Untergebene schikanieren, werden andere unweigerlich den ungeschriebenen Verhaltensregeln folgen."