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  FTD-Serie: Köpfe von morgen

In den USA ist mit Barack Obama ein junger Politiker aus der Provinz zum Präsidenten aufgestiegen. Die FTD hat sich auf die Suche nach dem deutschen Obama gemacht und dabei zumindest einige junge talentierte Politiker gefunden, deren Namen man sich merken sollte.

Merken   Drucken   04.01.2009, 19:55 Schriftgröße: AAA

Köpfe von morgen (5): Katja Kipping - Jung und undogmatisch

Eine überalterte Partei wie die Linke schmückt sich gern mit einer Frau wie Katja Kipping: Die stellvertretende Vorsitzende kämpft mit Kompetenz und Charme für mehr soziale Gerechtigkeit. von Isabelle Nguyen (Berlin)
Rot das Haar, türkis die Ohrringe: "Kipping-Farben" nennen das ihre Mitarbeiter im Bundestag. Aber nicht ihr jugendliches Auftreten macht die stellvertretende Vorsitzende der Linkspartei zu einer Besonderheit. Sondern die Art, wie sie eigene Überzeugungen vertritt - unabhängig von der Parteidoktrin.
Bekannt wurde Katja Kipping mit ihren Positionen zum Grundeinkommen und zum unbedingten Existenzrecht Israels. Gerade beim Thema Israel wird deutlich, dass sie nicht die Absicht hat, jahrzehntealte PDS-Positionen nachzubeten.
Seit Oktober 2005 ist die strikte Gegnerin der Hartz-Reformen sozialpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag. Außerparlamentarische Arbeit ist ihr wichtig geblieben, sie ist eine der Initiatorinnen der Emanzipatorischen Linken und gehört seit Dezember 2007 zu der vom Verfassungsschutz als linksextremistisch eingestuften Roten Hilfe e.V. Ihr Dresdner Büro stellt sie Kulturvereinen und Jugendorganisationen zur Verfügung. "Demokratie", sagt sie mit weichem sächsischen Akzent, "ist darauf angewiesen, dass nicht nur Abgeordnete Politik machen."
In der sächsischen Landeshauptstadt wurde Kipping 1978 geboren. Früh engagiert sie sich, erst in Jugendgruppen und als Schulsprecherin, später dann im Protestbüro an der TU Dresden. 1998 tritt sie in die PDS ein. Ein Jahr später, mit 21 Jahren, ist sie bereits Stadträtin und Mitglied des sächsischen Landtags. 2007 wird sie zu einer von vier stellvertretenden Parteivorsitzenden gewählt.
Parallel zu ihrer politischen Karriere studiert Kipping Slawistik, Amerikanistik und Jura in Dresden. Ihre Magisterarbeit behandelt die "Interdependenzen zwischen Politik und Literatur".
Katja Kipping, sozialpolitische Sprecherin der Linksfraktion   Katja Kipping, sozialpolitische Sprecherin der Linksfraktion
Katja Kippings Forderung nach mehr Selbstbestimmung als Ausdruck sozialer Gerechtigkeit erklärt auch ihr Engagement beim "Netzwerk bedingungsloses Grundeinkommen". Jedem, so die Forderung der Initiatoren, sollen monatlich 1000 Euro überwiesen werden - unabhängig von der Leistung. Denn nur wer frei von Existenzsorgen sei, könne politisch aktiv werden. Kipping betont, dass auch Besserverdienende etwas von dem Grundeinkommen hätten. "Die Verhinderung des schlimmsten Elends ist immer auch gut für die Lebensqualität der Reicheren", sagt sie und verweist auf die mit steigender Armut einhergehende Kriminalität.
Kippings Authentizität und Kompetenz machen sie auch für die Talkshows attraktiv. Obwohl sie sich als Feministin versteht, tritt sie weiblich und charmant auf. Sie setzt sich ein für soziale Gerechtigkeit - und verzichtet dabei auf agitatorische Rhetorik à la "Die da oben und wir hier unten". Ja, sagt sie, auch sie als Bundestagsabgeordnete müsste Abstriche machen, wenn es tatsächlich zum bedingungslosen Grundeinkommen kommen sollte: "Die Modelle, für die ich stehe, heißen alle: Das reichste Drittel zahlt drauf."
Als junges Aushängeschild für die Linke eignet sich diese Frau trotz allem nicht. Dafür ist sie zu wenig parteikonform. Als sie im Oktober 2006 das Papier "Für einen linken Zugang zum Nahostkonflikt jenseits von Antizionismus und antideutschen Zuspitzungen" verfasst, reagieren viele Parteifreunde entrüstet auf ihre Forderung, "das unbedingte Existenzrecht Israels" in jeder Diskussion zum Thema zu betonen. Andere feiern das Papier, wie Gregor Gysi, der sich in seiner Rede zum 60. Jahrestag des jüdischen Staats auf Kippings Seite schlägt. Eine eindeutige Positionierung war dringend nötig geworden, nachdem Politiker der Linken auf Pro-Hisbollah-Demos mitmarschiert waren.
Aktionen wie diese zeigen: Kipping will das Profil der Partei schärfen. Sie war auch eine derjenigen, die sich für die Vereinigung der PDS mit der Wahlalternative WASG starkmachten. Die umstrittene Zusammenlegung war der Coup, der 2006 die SED-Nachfolgerin vor überregionaler Bedeutungslosigkeit rettete. Die Partei litt damals an hoffnungsloser Überalterung und ständig sinkenden Mitgliederzahlen. "Es ging auch darum, linke Politik heutzutage neu zu begründen."
Sie ist überzeugt, dass die "neue Linke deutlich wirkungsmächtiger" sei. Inzwischen würden Punkte wie Klimaschutz "ganz stark zusammen mit sozialen oder globalen Fragen" diskutiert. Ökologie und Nachhaltigkeit sind neuerdings Themen, die die Linke für sich beansprucht. Will die Partei sich weiter modernisieren und etablieren, braucht sie Politikerinnen wie Kipping. Die Parteivize selbst setzt sich schon lange für mehr weibliche Entscheidungsträger ein, viele sehen sie als nächste Bundesvorsitzende. "Man muss ja nicht immer nach oben streben", sagt Kipping dazu und zuckt mit den Schultern. Sie könne sich durchaus auch eine berufliche Zukunft außerhalb der Partei vorstellen.
  • Aus der FTD vom 05.01.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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