Katja Kipping, sozialpolitische Sprecherin der Linksfraktion
Katja Kippings Forderung nach mehr Selbstbestimmung als Ausdruck sozialer Gerechtigkeit erklärt auch ihr Engagement beim "Netzwerk bedingungsloses Grundeinkommen". Jedem, so die Forderung der Initiatoren, sollen monatlich 1000 Euro überwiesen werden - unabhängig von der Leistung. Denn nur wer frei von Existenzsorgen sei, könne politisch aktiv werden. Kipping betont, dass auch Besserverdienende etwas von dem Grundeinkommen hätten. "Die Verhinderung des schlimmsten Elends ist immer auch gut für die Lebensqualität der Reicheren", sagt sie und verweist auf die mit steigender Armut einhergehende Kriminalität.
Kippings Authentizität und Kompetenz machen sie auch für die Talkshows attraktiv. Obwohl sie sich als Feministin versteht, tritt sie weiblich und charmant auf. Sie setzt sich ein für soziale Gerechtigkeit - und verzichtet dabei auf agitatorische Rhetorik à la "Die da oben und wir hier unten". Ja, sagt sie, auch sie als Bundestagsabgeordnete müsste Abstriche machen, wenn es tatsächlich zum bedingungslosen Grundeinkommen kommen sollte: "Die Modelle, für die ich stehe, heißen alle: Das reichste Drittel zahlt drauf."
Als junges Aushängeschild für die Linke eignet sich diese Frau trotz allem nicht. Dafür ist sie zu wenig parteikonform. Als sie im Oktober 2006 das Papier "Für einen linken Zugang zum Nahostkonflikt jenseits von Antizionismus und antideutschen Zuspitzungen" verfasst, reagieren viele Parteifreunde entrüstet auf ihre Forderung, "das unbedingte Existenzrecht Israels" in jeder Diskussion zum Thema zu betonen. Andere feiern das Papier, wie Gregor Gysi, der sich in seiner Rede zum 60. Jahrestag des jüdischen Staats auf Kippings Seite schlägt. Eine eindeutige Positionierung war dringend nötig geworden, nachdem Politiker der Linken auf Pro-Hisbollah-Demos mitmarschiert waren.
Aktionen wie diese zeigen: Kipping will das Profil der Partei schärfen. Sie war auch eine derjenigen, die sich für die Vereinigung der PDS mit der Wahlalternative WASG starkmachten. Die umstrittene Zusammenlegung war der Coup, der 2006 die SED-Nachfolgerin vor überregionaler Bedeutungslosigkeit rettete. Die Partei litt damals an hoffnungsloser Überalterung und ständig sinkenden Mitgliederzahlen. "Es ging auch darum, linke Politik heutzutage neu zu begründen."
Sie ist überzeugt, dass die "neue Linke deutlich wirkungsmächtiger" sei. Inzwischen würden Punkte wie Klimaschutz "ganz stark zusammen mit sozialen oder globalen Fragen" diskutiert. Ökologie und Nachhaltigkeit sind neuerdings Themen, die die Linke für sich beansprucht. Will die Partei sich weiter modernisieren und etablieren, braucht sie Politikerinnen wie Kipping. Die Parteivize selbst setzt sich schon lange für mehr weibliche Entscheidungsträger ein, viele sehen sie als nächste Bundesvorsitzende. "Man muss ja nicht immer nach oben streben", sagt Kipping dazu und zuckt mit den Schultern. Sie könne sich durchaus auch eine berufliche Zukunft außerhalb der Partei vorstellen.