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Merken   Drucken   18.09.2007, 20:21 Schriftgröße: AAA

Kopf des Tages: Andris Piebalgs - Der Elektroschocker

Tage wie Mittwoch hasst Andris Piebalgs. Wenn der EU-Kommissar gegen Mittag die Brüsseler Gesetzesvorschläge für mehr Wettbewerb auf dem Energiemarkt vorstellt, sind Mikrofone und Kameras aus der ganzen Welt auf ihn gerichtet. von Wolfgang Proissl
Weil der Lette aber das Rampenlicht nicht mag, hat er - anders als seine Kollegen - nichts dagegen, dass Kommissionspräsident José Manuel Barroso sich am Mittwoch neben ihn auf die Bühne drängt.
Andris Piebalgs, EU-Energiekommissar, fordert Europas Gas- und ...   Andris Piebalgs, EU-Energiekommissar, fordert Europas Gas- und Stromkonzerne heraus
Dabei weiß Piebalgs, von Beruf Lehrer, dass Mittwoch der bisher wichtigste Tag in seiner Karriere ist. Wenn seine Pläne umgesetzt werden sollten, hat der schüchterne Brillenträger den wichtigsten Sieg seiner Amtszeit errungen. Nicht gegen irgendjemanden, sondern gegen Energieriesen wieEon  und Electricité de France , die die Kontrolle über ihre Verteilungsnetze verlieren würden. Und auch politische Titanen hätte der ehemalige Finanzminister Lettlands besiegt: die mächtigen Mitgliedsstaaten Deutschland und Frankreich, Heimat dieser Energiekonzerne, protestieren scharf gegen seinen Plan.
Piebalgs verdankt seinen Aufstieg zum Star der EU-Kommission genau genommen Russlands Präsidenten Wladimir Putin und dem staatlich gelenkten Gazprom-Konzern . Noch zum Jahreswechsel 2006 galt Energie als Brüsseler Randressort, mit dem ein kleiner Baltenstaat abgefunden worden war. Doch als die Russen am Neujahrstag im Gasstreit mit der Ukraine den Druck in den Pipelines drosselten, stand plötzlich auch die Versorgungssicherheit in Westeuropa infrage. Die Furcht vor kalten Heizkörpern hat Piebalgs seither zu einem der gefragtesten Männer in Brüssel gemacht.
Dieses Schreckensszenario will Piebalgs, der mittags oft allein im kommissionsnahen Schnellimbiss "Sushi Factory" speist, so abwenden: Zum einen soll die Lieferabhängigkeit gegenüber Russland sinken. Zum anderen soll die Energiebranche in der EU als Folge seiner Gesetzesvorschläge wettbewerbsfähiger werden.
Auf den nun folgenden Kampf um Mehrheiten im EU-Parlament und Ministerrat ist er bestens vorbereitet. Als Lette hat er ein gutes Gespür für politische Machtverhältnisse. Und als ehemaliger EU-Botschafter seines Landes kennt er die Wege durch das Brüsseler Politiklabyrinth, in dem sich Außenseiter leicht verirren.
Piebalgs kommt zugute, dass er mit den Gegner seiner Vorschläge in deren Muttersprache reden kann. Deutsch ist seine Lieblingsfremdsprache, und auch sein Französisch ist verhandlungssicher. Als Ex-Sowjetbürger spricht der Lette natürlich Russisch, was direkte Kontakte zu Putin erleichtert.
Wie ernst er seinen Job nimmt, hat der Kommissar am Montag bewiesen. Den Abend seines 50. Geburtstags verbrachte er nicht mit seiner Frau und den drei Kindern, sondern bei einer Diner-Diskussion über fossile Energieträger.
  • Aus der FTD vom 19.09.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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