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Merken   Drucken   10.04.2008, 21:29 Schriftgröße: AAA

Kopf des Tages: Annette Schavan - Theologin im Dienst der Wissenschaft

Wenn es im Bundestag eine Abgeordnete gibt, die das ethische Dilemma des Stammzellstreits in einer Person bündelt, ist das Annette Schavan. Die Bundesbildungsministerin stimmt im Stammzellstreit für ihre Forscher - und gegen ihre Kirche. von Nikolai Fichtner
Als Ministerin vertritt sie die Interessen der deutschen Forscher, die mehr embryonale Stammzellen importieren wollen, um daraus neue Therapien zu entwickeln und Krankheiten zu heilen. Als Theologin und Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) gehört sie einer Kirche an, die diese Forschung ablehnt, weil sie ungeborenes Leben tötet.
Bei der Abstimmung am Freitag im Bundestag wird Schavan zweimal mit Nein stimmen und einmal mit Ja: Nein zur Maximalforderung der Forscher, Nein zur Position der Kirche. Schavan hat sich für einen Mittelweg entschieden. Sie wirbt dafür, dass Wissenschaftler mehr Stammzellen importieren dürfen als bisher - aber nur solche, die vor dem Beginn der Debatte im Mai 2007 gewonnen wurden. Damit würde der alte Stichtag 1. Januar 2002 verschoben. Er sollte verhindern, dass Deutschland Anreize zur Tötung von Embryonen im Ausland schafft.
Schavan hat lange mit sich gerungen - und schließlich eine Kopfentscheidung getroffen. "Sie war wahrscheinlich die Einzige, die alle Beiträge zur letzten großen Stammzelldebatte im Bundestag nachgelesen hat", sagt die CSU-Forschungspolitikerin Ilse Aigner. Schavan hat viel geredet, mit Kirchenvertretern wie mit Stammzellforschern. Den stärksten Eindruck hat ein Gespräch mit einem Wissenschaftler hinterlassen, der an adulten Stammzellen forscht. Die Botschaft: Wir brauchen die embryonalen Stammzellen für eine Übergangszeit, um in der Forschung mit adulten Stammzellen weiterzukommen. Dann braucht man keine Embryonen mehr.
Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU)   Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU)
Spezialgebiet Moraltheologie
Schavan hat Theologie studiert, Schwerpunkt Moraltheologie. Sie hat gelernt, dass ethisch betrachtet auch derjenige Schuld auf sich laden kann, der etwas unterlässt. Sie ist früh mit dabei, als 2007 Parlamentarier um den SPD-Bundestagsabgeordneten René Röspel eine Lockerung der Importregeln ins Gespräch bringen.
Im Dezember auf dem CDU-Parteitag in Hannover muss sie erstmals öffentlich für ihre Position kämpfen. Eine starke Gruppe von Lebensschützern will den CDU-Abgeordneten verbieten, im Bundestag für eine Lockerung der Stammzellregeln zu stimmen. Es ist spät abends, Schavan redet fast als Letzte. Sie sagt, sie halte eine Lockerung für "verantwortbar". Auch Parteichefin Angela Merkel springt für sie in die Bresche. Am Ende setzt sich die Ministerin knapp durch.
Einiges muss Schavan in den kommenden Wochen einstecken. Der Kölner Erzbischof Kardinal Meisner nennt die prominenteste Katholikin der Union, einst Vizepräsidentin des ZdK, "unwahrhaftig und prinzipienlos". Schavan schmerzt die Kritik aus der Kirche, von der sie als "meine Kirche" spricht. Öffentlich mag sie darüber nicht sprechen. Sie macht das mit sich allein aus.
  • Aus der FTD vom 11.04.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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