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Merken   Drucken   10.05.2006, 19:37 Schriftgröße: AAA

Kopf des Tages: Giorgio Napolitano: Salonkommunist für alle

Ist dies der schönste Tag in seinem Leben? "Da gab es andere, private", antwortete Giorgio Napolitano, wenige Minuten nach seiner Wahl zum italienischen Staatspräsidenten. So unaufgeregt wie in den drei Tagen seiner Wahl, so gelassen präsentierte er sich auch nach seinem Erfolg. von Florian Eder
Giorgio Napolitano ist zum elften italienischen Staatspräsidenten ...   Giorgio Napolitano ist zum elften italienischen Staatspräsidenten gewählt worden
Die Gelassenheit kann er brauchen in seinem neuem Amt: Über den Parteien soll der Präsident der Republik stehen, vermitteln und ausgleichen. Keine leichte Aufgabe in einem Land, das der Wahlkampf tief in zwei Lager gespalten hat, in dem das knappe Wahlergebnis noch Stoff für wochenlange Schlammschlachten lieferte. Keine leichte Aufgabe, aber sogar der Gegner glaubt daran, trotz der politischen Herkunft des neuen Präsidenten, der nach dem Krieg in die Kommunistische Partei eintrat.
Der Versuch, auch die Opposition für Napolitano zu gewinnen, hätte fast Erfolg gehabt. Außenminister Gianfranco Fini und Christdemokraten-Chef Pierferdinando Casini hatten sich deutlich als Laudatoren Napolitanos zu Wort gemeldet und wollten für ihn stimmen - am Ende folgten sie der Koalitionsorder, die Silvio Berlusconi ausgab: leere Stimmzettel. Aber auch die Opposition applaudierte heftig, als die entscheidende 505. von 1009 Stimmen für Napolitano verlesen wurde. Insgesamt wurden es dann 543. Das war am Mittwoch im vierten Wahlgang. Die absolute Mehrheit reichte für den Kandidaten von Romano Prodis Mitte-links-Koalition aus. "Eine verpasste Gelegenheit" nannte Prodi das Wahlverhalten der Opposition.
Ob er dennoch der Präsident aller Italiener sein werde, wurde Napolitano gefragt. "Sonst hätte ich nicht akzeptiert", war seine Antwort. Mit dem 80-Jährigen zieht einer der großen alten Männer der italienischen Politik im Quirinalspalast ein. Einer von denen, auf die Italien zurückgreift, wenn es eng wird: Der ursprünglich vorgesehene 57-jährige Massimo D'Alema, Präsident der Linksdemokraten, war politisch zu dezidiert. Da musste es wieder einer der Alten machen, wie schon bei der Wahl seines jetzt 85-jährigen Vorgängers Carlo Azeglio Ciampi.
Erfahrener Politiker
Seit 53 Jahren sitzt Napolitano im Parlament. 1992 wurde er dessen Präsident, in dem Jahr, als das System in einem Strudel von Korruption und Affären unterging. In der ersten Regierung Prodi diente er als Innenminister, als erster Kommunist in diesem Amt. Noch heute bescheinigt ihm Christdemokrat Casini eine "großartige Leistung".
Kampfkommunist war Napolitano indes nie: Er führte die nach dem Ende des Kalten Kriegs aus der Kommunistischen Partei entstandenen Linksdemokraten in die Union mit den europäischen Sozialisten. Er lernte sein ausgezeichnetes Englisch, als bei den Genossen Russisch auf dem Stundenplan stand. Nebenbei schrieb er Gedichte und Bücher im Dialekt Neapels, seiner Geburtsstadt. Vor wenigen Jahren enthüllte eine Literaturzeitschrift sein Pseudonym, Tommaso Pignatelli. "Mit meinem eigenen Namen hätte das Buch Rezensionen und Preise bekommen. So lebt es sein eigenes Leben", sagte Napolitano.
  • Aus der FTD vom 11.05.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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