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Merken   Drucken   15.05.2008, 20:35 Schriftgröße: AAA

Kopf des Tages: Lothar Krauss - Der Ortsbulle

Mit einem wuchtigen Auftritt meldet sich Lothar Krauß erstmals zu Wort: Der neue Transnet-Chef gibt zum Einstand den Lautsprecher. Doch auf Dauer wird das nicht reichen. von Maike Rademaker und Ulf Brychcy
Gerade einmal halb im Amt, plusterte sich Lothar Krauß schon auf: Einen "offenen Affront" warf der neue Transnet-Chef dem Bahn-Vorstand vor, weil dieser angeblich die Unterzeichnung des ausgehandelten Kündigungsschutzes verweigerte. Krauß drohte gar, den Börsengang noch platzen zu lassen.
Ein wuchtiger Auftritt war das, der sich am Donnerstag freilich als Theaterdonner entpuppte: Die Bahn stimmt der Beschäftigungsgarantie bis 2023 zu - und die Gewerkschaften im Gegenzug der Teilprivatisierung. Auch ohne die Drohungen des obersten Eisenbahners wäre es so gekommen.
Die lauten Töne hat Krauß zur Einführung gleichwohl gebraucht: Profil besitzt der designierte Chef der größten der drei Bahngewerkschaften bislang nämlich kaum - weder in Reihen der Transnet noch beim Konzern. Vielmehr blickt der 52-Jährige auf eine typische Gewerkschaftskarriere zurück: Vom Jugendvertreter über den "Ortsbullen", wie die Bezirksleiter bei Transnet genannt werden, kletterte der Elektriker die Funktionärsleiter nach oben - bis hin zum Vorstand.
Transnet-Chef Lothar Krauß   Transnet-Chef Lothar Krauß
Krauß muss sein Profil schärfen
Seit 2000 ist Krauß der zweite Mann bei Transnet. Aus dem Schatten seines Vorgängers Norbert Hansen , der die Seite wechselt und Arbeitsdirektor der Bahn wird, trat er nie hinaus. Als erster Mann muss Krauß nun an Ansehen gewinnen - nicht nur aus persönlichem Interesse, sondern auch zum Wohl seiner Organisation: Transnet laufen die Mitglieder davon - auch weil die Lokführergewerkschaft GDL beim großen Konkurrenten wildert. Schon bei den Tarifverhandlungen im nächsten Jahr dürften Transnet und die weit kleinere GDL wieder aneinandergeraten.
Daneben muss Krauß die offenen Baustellen schließen, die ihm Vorgänger Hansen hinterlassen hat. Beispielsweise ist das Verhältnis zum Deutschen Gewerkschaftsbund gestört - der Dachverband hatte sich, im Gegensatz zu Hansen, stets gegen eine Privatisierung der Bahn ausgesprochen. Im Vorstand war Krauß bislang für Betriebsverfassung, Mitbestimmung, Jugend und Ausbildung zuständig - nicht eben Felder, mit denen man öffentlich an Reputation gewinnt. "Er entspricht dem alten Bild eines Gewerkschaftlers", sagt ein Bahn-Manager.
2004 erhielt Krauß bei seiner Wiederwahl zum Transnet-Vize 83 Prozent der Stimmen. Sein Vorstandskollege Alexander Kirchner, der nun zum Stellvertreter aufsteigt, glänzte mit 95 Prozent - auch intern ist für Krauß also Luft nach oben. Ins Bild passt, dass Hansen als Nachfolger lieber Kirchner als ihn gesehen hätte. An diesem Freitag, wenn der Transnet-Beirat Krauß endgültig zum Chef küren soll, wird er klare Worte zur Zukunft seiner Organisation finden müssen. Im November stellt sich der Oldtimer- und Eintracht-Frankfurt-Fan dann dem Gewerkschaftstag. Bis dahin dürfte die Bahn schon an der Börse sein.
  • Aus der FTD vom 16.05.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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