Als der Softwarepionier Ray Ozzie vor 14 Monaten als Chief Technical Officer zu Microsoft stieß, war gleich klar, dass er sich im Konzern nicht bedingungslos unterordnen würde - weder seinem langjährigen Rivalen Bill Gates noch Konzernchef Steve Ballmer. von Helene Laube
Ray Ozzie, neuer oberster Programmierer bei Microsoft, muss dem Konzern eine klare Vision geben
Als der Softwarekonzern die Technologien festlegte, auf die er sich konzentrieren will, präsentierte Ozzie eine 70-Punkte-Liste. Ballmer war sie zu lang. Ozzie insistierte. Ozzie gewann.
Nun hat Bill Gates den 50-Jährigen auf den Thron gehoben: Ozzie wird neuer oberster Softwarearchitekt des Konzerns. Noch teilt er sich den Job zwar mit Gates, der bis Juli 2008 "Seite an Seite" mit ihm arbeitet. Doch dann zieht sich Gates aus dem Tagesgeschäft bei Microsoft zurück - und überlässt dem Gleichaltrigen die ganze Verantwortung für die Programme des weltgrößten Softwareherstellers.
Ozzie ist auf dem Posten ein würdiger Nachfolger für Gates, der als legendärer Visionär der IT-Branche gilt und der seinen Traum vom Computer auf jedem Schreibtisch, in jedem Heim weitgehend verwirklicht hat. Gates' Rückzug bedeutet für Microsoft auch das allmähliche Ende des Personenkults um den Firmengründer. Eine heikle Phase in der Konzerngeschichte - und Ozzie ist nun derjenige, dem Gates und seine Getreuen zutrauen, der neue kreative Antreiber in der Softwareschmiede mit 70.000 Mitarbeitern zu sein.
Ozzie gilt ebenso als Visionär wie Gates, und er genießt als Programmierer höchstes Ansehen. Sein bekanntestes Werk ist Lotus Notes, eine so genannte kollaborative Software, die gemeinsame Projektarbeit mit Hilfe von Computernetzen, E-Mail- und Datenbankprogrammen erlaubt. Seine 1984 gegründete Firma Iris Associates wurde an Lotus verkauft, diese 1995 von IBM geschluckt. Notes, das mit Microsofts Outlook konkurriert, wird heute von mehr als 125 Millionen Menschen genutzt.
"Wir wollten ihn seit 20 Jahren haben"
Ozzie hatte Ende der 70er Jahre schon eine erste Tabellenkalkulation mitentwickelt, später das Büropaket Lotus Symphony, und 1995 gründete der zweifache Familienvater das Startup Groove Networks. Dessen Spezialität waren ebenfalls netzbasierte Programme für Projektarbeit. Microsoft erkannte, dass sich mit Ozzie ein interessanter Partner auftat. 2005 kaufte man die Firma. Samt Ozzie. "Wir wollten ihn seit 20 Jahren bei Microsoft haben", sagt Gates.
Bei Microsoft hat Ozzie zuletzt schon die Verzahnung aller Programme des Konzerns mit dem Internet forciert. Neue Möglichkeiten der IT-Technik bedeuten auch neue Chancen für jegliche Bürosoftware - und Rivalen wie Google nutzen dies mit internetbasierter Textverarbeitung und Tabellenkalkulation seit kurzem bereits aus. Ozzie hat da Expertise. Als Gates' Nachfolger soll er Microsoft durch diese größte Herausforderung bringen: die Entwicklungen, die der Marktführer lange verschlafen hat, ganz schnell nachholen.
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