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Merken   Drucken   14.10.2009, 15:00 Schriftgröße: AAA

Krisenbewältigung: Wettbewerb unter neuen Vorzeichen

Müssen wir im Zuge der Finanzkrise die Globalisierung neu überdenken? Mit ziemlicher Sicherheit. Einer der wenigen positiven Aspekte dieser Krise ist, dass sie eine neue Denkweise möglich machen sollte. von Stefan Stern, London
Führende Unternehmen und Manager warten nicht erst auf eine Krise, bis sie sich Gedanken machen. Dank erfolgreicher Strategien werden sie sich in den vergangenen zwei Jahren besser positioniert haben als die Konkurrenz und versuchen, auf diesem Vorsprung aufzubauen.
Vor zwei Jahren analysierte IBM-Chef Sam Palmisano in einer Rede, wie intelligente Globalisierung für ein international agierendes Unternehmen aussehen könnte. Er stellte das seiner Ansicht nach altmodische, Konzernsitz-zentrische Weltbild infrage und sprach sich stattdessen für ein alternatives Modell aus. Dieses bezeichnete er als "global integriertes Unternehmen".
Rio, Peking, Dublin
Statt alles im Hauptsitz zu zentralisieren würden Vorgänge der Buchhaltung nun von Rio de Janeiro aus verwaltet, die Materialbeschaffung von China aus geführt, weltweite Dienstleistungen von Indien aus angeboten und Webdienste von Teams in Brasilien und Irland unterstützt, erklärte Palmisano. Natürlich habe IBM die USA nicht aufgegeben: Das Datenzentrum in Colorado wurde erweitert, die Forschung und Entwicklung für Halbleiter findet im Bundesstaat New York statt und die Fertigung im Bundesstaat Vermont.
IBM-Chef Samuel J. Palmisano   IBM-Chef Samuel J. Palmisano
Diese Art der Unternehmensneugestaltung mache ein Umdenken erforderlich, sagte Palmisano. Dabei lautet die erste Frage: "Wer ist am besten geeignet, Entscheidungen zu fällen und die Verantwortung für das Ergebnis zu tragen?" (Genauso könnte der Finanzchef fragen: Wie viel können wir sparen, wenn wir Leute in reichen Ländern entlassen und andere in Entwicklungsländern einstellen?)
Mehr Kontrolle, mehr Verantwortung
Das "global integrierte Unternehmen" stelle die Mitarbeiter vor eine Wahl, so Palmisano. "Wollen sie mehr Kontrolle bei der Entscheidungsfindung, müssen sie mehr Verantwortung übernehmen und akzeptieren, dass sie für ihre Entscheidungen geradestehen müssen und stärker zur Rechenschaft gezogen werden", sagte der IBM-Chef. "Das Management muss die Instrumente, Mechanismen und finanziellen Mittel bereitstellen, und der Einzelne muss diese nutzen."
Zeitigt der neue Ansatz Erfolge? 2008 meldete IBM ein Rekordergebnis und diesen Juli ebenfalls gute Zahlen. Im zweiten Quartal lag der Gewinn pro Aktie 18 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum.
Jeffrey Immelt, Chef von General Electric, plädiert für die ...   Jeffrey Immelt, Chef von General Electric, plädiert für die Ideenentwicklung in Schwellenländern
Umgekehrte Innovation
IBM war radikal, General Electric (GE) ging aber noch weiter. In einem Artikel für die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift "Harvard Business Review" beschreibt GE-Chef Jeff Immelt zusammen mit Vijay Govindarajan und Chris Trimble von der Tuck School of Business am Dartmouth College, wie sich das Unternehmen durch sogenannte "umgekehrte Innovation" ans globale Zeitalter angepasst hat.
GE entschied sich gegen den Ansatz, nach dem alle großartigen Ideen, die im Heimatmarkt entwickelt wurden, für ärmere Kunden in Schwellenländern angepasst werden sollten. Stattdessen müssen einige Innovationen zunächst in den Schwellenmärkten entwickelt und so bepreist werden, dass sie für die Kunden vor Ort attraktiv sind. Später können diese neuen Produkte und Dienstleistungen gegebenenfalls in reife Märkte zurückgebracht werden, und das Unternehmen kann von den Kostenvorteilen durch diese umgekehrte Innovation profitieren.
Schwellenmärkte als Labors
Beispielsweise hat GE in Indien ein EKG-Handgerät entwickelt, das 1000 $ kostet - rund ein Zehntel des Preises des in den USA entwickelten (und unhandlicheren) Originalgeräts. In China hat das Unternehmen ein tragbares Ultraschallgerät eingeführt, das für 15.000 $ erhältlich ist. Auch dieses ist um Vieles billiger als das Modell, das GE auf dem chinesischen Markt zu verkaufen versuchte. Beide Innovationen waren nicht nur in Schwellenmärkten erfolgreich, sondern fanden auch in den USA bei den Kunden Anklang.
Derlei Beispiele sollten nicht überraschen. Vor einigen Jahren beschrieb der Managementguru Coimbatore Krishnarao Prahalad in seinem Buch "Der Reichtum der Dritten Welt. Wie wir die Armut mit Gewinnen besiegen können", wie Schwellenmärkte als Labors für radikale Innovation dienen könnten.
Wachstumsmärkte im Blick
GE hat es sich zur Aufgabe gemacht, die eigene Herangehensweise an Innovation neu zu erfinden, um in den großen Wachstumsmärkten der Zukunft an der Spitze zu stehen. Das bedeutet auch eine neue Sichtweise auf die Welt. Immelt, Govindarajan und Trimble beschreiben es so: "Als GE-Spitzenmanager vor zehn Jahren über den Weltmarkt diskutierten, sprachen sie über 'die USA, Europa, Japan und den Rest der Welt'. Heute reden sie über 'ressourcenreiche Regionen' wie den Nahen Osten, Brasilien, Kanada, Australien und Russland sowie über 'bevölkerungsreiche Regionen' wie China und Indien. Der 'Rest der Welt', das sind die USA, Europa und Japan."
Aus der Financial Times, London. www.ft.com
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